Er tuckert noch, zum Glück. Karen Hauser fährt mit dem alten Radlader durch das große Tor auf die Pferdekoppel und bringt ihn dort zum Stehen. Die Ponys interessiert der Lärm und das Treiben überhaupt nicht, sie tauchen ihre Köpfe tief in die Futtertröge. Wahrscheinlich hatten sie sofort bemerkt, dass kein neues Heu auf der Gabel war. Bis zu 350 Kilogramm wiegt so ein Ballen, der nur mit dem kleinen Traktor transportiert werden kann. Doch das Fahrzeug ist in die Jahre gekommen und extrem reparaturanfällig. Dass es noch nicht durch einen anderen Radlader ersetzt werden konnte, ist eine Geschichte wie aus einem Kriminalroman.
Das Angebot war attraktiv, alles klang solide
Es war ein attraktives Angebot im Internet: Nur 17.000 Euro sollte der Radlader aus einer Insolvenzmasse kosten, „zwar relativ alt, aber wenige Betriebsstunden“, so Karen Hauser, die Vize-Vereinschefin vom Zehlendorfer Kinder- und Jugend-, Reit- und Fahrverein Zehlendorf (KJRFV). Bei einem Händler würden Gebrauchte kaum unter 40.000 Euro zu finden sein. Sie meldeten ihr Kaufinteresse an, es kam zu einem Austausch. Der Anbieter gab sich als Anwalt und Insolvenzverwalter. Er ließ sich einen Auszug aus dem Vereinsregister schicken, um die Gemeinnützigkeit zu überprüfen. Mehrfach wurde telefoniert, sie bekamen Fotos von dem Traktor und sogar vom Typenschild mit der Fahrzeugnummer zugeschickt und überprüften die Kanzlei. Alles klang seriös.

„Wir haben uns total gefreut, als wir den Zuschlag bekommen haben“, erzählt die Vereinsvorsitzende Glinda Spreen weiter. Sie überwiesen das Geld, die Lieferung sollte nach Eingang der Summe ein paar Tage später erfolgen. Doch der Radlader kam nie. Die Internetseite war verschwunden, das Telefon klingelte ins Leere. Kein Radlader, kein Anwalt – alles Fake. Der Verein hat sofort eine Anwältin eingeschaltet, die Strafanzeige erstattet und die Polizei eingeschaltet hat. Doch das Geld ist weg, eine Summe, die sich der Verein in vielen Jahren mühevoll zusammengespart hat.
Tolles Feedback von den Vereinsmitgliedern
Was haben wir falsch gemacht? Diese Frage können sich die beiden Frauen bis heute nicht beantworten. Sie würden jeden Cent umdrehen und plötzlich sei so eine große Summe weg, berichten sie, immer noch sichtlich mitgenommen von dem Vorfall. Aber von den Vereinsmitgliedern sei ein tolles Feedback und viel Unterstützung gekommen, erzählen sie.

Auf der Internetseite des Reitvereins haben sie einen Spendenaufruf gestartet, mehr als 6500 Euro sind bislang eingegangen. Auch eine Stiftung hat sich gemeldet. Die Berliner Morgenpost unterstützt die Kinderreitschule über ihren Verein Berliner helfen e. V. mit 2000 Euro. Die Hoffnung ist groß, am Ende die verlorene Summe wieder ausgleichen zu können. Denn ein neuer Radlader muss angeschafft werden.
Wir haben uns total gefreut, als wir den Zuschlag bekommen haben.
Glinda Spreen,, Vereinsvorsitzende
Der Kinderreitverein hat etwa 500 Mitglieder. Von den 81 Pferden stehen 65 in Berlin und 16 im Umland, die meisten sind Ponys. Sie leben auf den Weiden in Offenstallhaltung, Wallache und Stuten getrennt. Einstellpferde, also private Pferde, für die eine Stallgebühr monatlich anfällt, gibt es nicht. Der Verein finanziert sich allein über die monatlichen Mitgliedsbeiträge und zusätzlichen Kurse. Für die Trainerstunden kommen Zuschüsse vom Landessportbund. Damit schafft es der Verein gerade so über die Runden, große Rücklagen sind kaum möglich.

Unterdessen geht der Betrieb auf dem Vereinsgelände gegenüber der Justizvollzugsanstalt an der Robert-von-Ostertag-Straße in Düppel ganz normal weiter. Am Freitagnachmittag ist besonders viel los. Pro Stunde trainieren sechs Gruppen parallel auf den verschiedenen Koppeln. Während sich die Jüngsten, die mit vier Jahre beginnen können, zunächst mit den Ponys vertraut machen, sind Luna (12) und Sophie (13) schon in der Leistungsgruppe der Fortgeschrittenen.

Beide mögen den Umgang mit Pferden, Reiten macht ihnen Spaß, erzählen die Teenager. Von dem Desaster mit dem Radlader haben sie gehört. „Es wäre schön gewesen, wenn es geklappt hätte, wir brauchen dringend einen neuen“, sagen die Mädchen hoch oben im Sattel und setzen ihr Training fort. Trab, Galopp, kleine Sprünge – das beherrschen sie alles schon. Jetzt arbeiten sie an der Haltung, feilen an Details.
Der Radlader ist ein wichtiges Arbeitsmittel
Der Radlader werde nur noch mit Samthandschuhen angefasst, erzählt Karen Hauser. Sie hat den Motor abgestellt und ist vom Fahrersitz heruntergeklettert. Er sei ein wichtiges Arbeitsmittel und jeden Tag zwischen sechs und acht Stunden im Einsatz, zum Beispiel beim Hofsaubermachen und zum Futtertransport. „Wir müssen aufpassen, dass er durchhält“, sagt die 54-Jährige.

Anfang Januar musste der Traktor noch mal im Hochbetrieb arbeiten. Der Reitverein war vom Stromausfall betroffen. Während das Stadtwasser noch lief, funktionierte die elektrische Wasserpumpe nicht mehr, mit der 30 Tiere versorgt werden. Etwa 60 Liter Wasser trinkt ein Pferd pro Tag, insgesamt 1800 Liter mussten mit dem Radlader herangekarrt werden. „Da hat er ganz schön geackert, aber er funktioniert noch“, so Karen Hauser.
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Wie lange, weiß keiner, und wann der kleine Traktor ersetzt werden kann, auch nicht. Noch einmal soll dem Verein das nicht passieren. Glinda Spreen und Karen Hauser gehen mittlerweile davon aus, dass sie auf eine „professionelle Masche“ hereingefallen sind. Denn seit sie auf der Internetseite der Insolvenzverkäufe unterwegs waren, bekommen sie immer wieder Mails mit Angeboten von zahlungsunfähigen Unternehmen. Die klicken sie schnell weg.
Das Landeskriminalamt macht dem Kinderreitverein keine Hoffnung, dass er die 17.000 Euro noch zurückbekommt. Denn die Täter überweisen das Geld beim Internetbetrug schnell auf andere Konten im In- und Ausland oder würden es in Kryptowährung anlegen, so die Begründung. Wenn der Betrug erkannt wird, sind die Betrüger längst untergetaucht.



