Urlaub für einen Tag

Berlin vom Wasser aus erkunden

Urlaub für einen Tag: Wir nehmen Sie mit auf Ausflüge in Berlin und Brandenburg. Diesmal können sie Berlin vom Wasser aus besichtigen: Wer auf der Spree durch die City schippert, erlebt die Hauptstadt aus ungewöhnlicher Perspektive.

Foto: Christian Kielmann

Die „Havel“ fährt über den Müggelsee. Sie ist knapp 29 Meter lang, gut fünf Meter breit, 31 Jahre alt – und ein Fahrgastschiff der Berliner Reederei Kutzker. Sieben Mal am Tag stechen Schiffsführer Rudi Streits und Decksfrau Inge Landowski mit ihr in See. Jeweils für eine Stunde. Und in diesen Wochen fast immer auch mit Ferienkindern an Bord, die fasziniert sind von dem Dröhnen des Motors und von Streits Schiffsführerhaus.

Die Route führt über den Großen Müggelsee zum Kleinen Müggelsee und zurück. Gleich nach dem Ablegen beginnt Rudi Streits, über eine Lautsprecheranlage auf interessante Details der Umgebung hinzuweisen. Da ist gleich neben der Anlegestelle der gut 80 Meter lange Fußgängertunnel, den fast alle Passagiere durchqueren mussten. „Er verbindet Friedrichshagen mit den Müggelbergen“, berichtet Steits. Und die Sohle des Tunnels befinde sich mehr als acht Meter unter der Wasseroberfläche des Müggelsees.

Sehenswert, so Streits, ist auch das Friedrichshagener Wasserwerk. Vom Schiff aus kann man gut den großen rot geklinkerten Schornstein erkennen. Das von 1989 bis 1893 erbaute Wasserwerk ist jetzt ein Museum. „Interessant ist vor allem eine alte Dampfmaschine, die ist noch voll funktionsfähig und wird für Museumsbesucher auch in Gang gesetzt“, wirbt Streits. Bemerkenswert ist für ihn natürlich auch der Große Müggelsee, auf dem die Fahrt begann. Er ist 7,4 Quadratkilometer groß und damit Berlins größter See. „Die tiefsten Stellen betragen fast acht Meter“, erzählt Streits seinen Passagieren. Der 50-Jährige und die 26Jahre alte Inge Landowski haben vor zwei Jahren zusammen in der Reederei angefangen und dann auch gleich die „Havel“ übernommen. Reeder Michael Kutzker hatte das Fahrgastschiff damals gekaufte, es war das sechste Boot seiner Flotte. Vorher schipperte die „Havel“ mit einer anderen Besatzung und für einen anderen Reeder auf der Oder.

Rückkehr in den alten Beruf

Für Rudi Streits war es die Rückkehr in den gelernten Beruf. Er legte nach dem Abschluss der 10. Klasse die Facharbeiterprüfung zum Binnenschiffer ab, erwarb wenig später auch das Schiffsführer-Patent. Anschließend arbeitete er jedoch 30 Jahre in einem Tiefbaubetrieb – als Rohrleger, Baggerfahrer und Polier. Das war günstiger für das Familienleben: Binnenschiffer sind oft wochenlang unterwegs. Aber als die Baufirma in wirtschaftliche Schieflage geriet und Streits erfuhr, dass bei der Reederei Kutzker ein Schiffsführer gesucht wird, war für ihn schnell klar, „dass ich wieder in meinen alten Beruf zurückkehren werde“.

Auch Inge Landowski hat nach dem Schulabschluss Binnenschiffer gelernt. Sie fuhr einige Jahre für eine süddeutsche Reederei auf einem Frachtschiff. Das war jedoch kein Leben für eine junge Frau, die sich verliebt hat und ein Kind erwartet. „Da ist die Arbeitszeit auf der ,Havel' wesentlich besser. Und für Abwechslung ist auch hier gesorgt“, erzählt sie. Inge Landowski betreut die Kombüse, bedient die Passagiere, hilft beim An- und Ablegen des Bootes – und sie ist auch in der Lage, im Notfall die „Havel“ zurück an die Anlegestelle zu steuern. „Das ist Pflicht“, sagt sie. „Wir müssen auf dem Fahrgastschiff immer zu zweit sein.“

Aber Streits hat eindeutig den besseren Job. Er steht hinterm Steuer, telefoniert ab und an mit Kollegen auf anderen Schiffen und genießt den Ausblick auf die Uferlandschaft, wo in idyllischer Lage kleine Wochenendhäuser stehen. Die Fahrgäste können den Enten zusehen oder einem Reiher auf der Jagd. Vor allem für die Kinder ist das alles sehr interessant. Der zweieinhalb Jahre alte Jona zeigt aufgeregt auf die Wasservögel. Sein fünf Jahre älterer Bruder Yannick nimmt das eher gelassen zur Kenntnis. Karlheinz Wohlfelder und seine Frau Elisabeth kamen aus Fulda nach Berlin, um den Nachwuchs zu besuchen. Und heute ist für sie Enkel-Tag.

Einige Gäste steigen erst an den Haltepunkten zu. Meist haben sie Gaststätten besucht, die direkt am See liegen – Neu-Helgoland, Müggelhort, Müggelseeperle und Rübezahl. Schiffsführer Streits legt mit der „Havel“ aber nur an, wenn es potentielle Interessenten an Bord gibt. Andere werden vom Fahrgastschiff „Spree“ aufgenommen, das eine längere Route fährt. Die Reederei Kutzker bietet sechs verschiedene Linien an. Die längste, ab Köpenick über Friedrichshagen, Rahnsdorf und Erkner, dauert acht Stunden.

Fototermin mit dem Staatsoberhaupt

Doch egal, wie lang die Tour ist: Wenn die Sonne scheint, sind die begehrtesten Plätze jene auf dem Oberdeck. Das ändert sich schlagartig, wenn es kühler wird oder plötzlich zu regnen beginnt. Dann stürmen alle runter in die Kabine. Die Sicht aus den Fenstern ist nicht mehr ganz so gut. Dafür können aber Fotos betrachtet werden, die Streits an die Kabinenwand gepinnt hat. Hochzeitspaare sind zu sehen, Gruppen auf Betriebsausflug. „Alles Passagiere, die uns dann die Fotos zur Verfügung gestellt haben“, erklärt Streits.

Vor allem ein Foto weckt jedes Mal sofort das Interesse der Betrachter: Es zeigt Streits, der ein wenig verlegen nach untern blickt; neben ihm steht lächelnd Bundespräsident Christian Wulff. „Entstanden ist das Bild im vergangen Jahr, kurz nachdem Wulff gewählt wurde“, erinnert sich Streits. Der Bundespräsident kam damals mit rund 120 Mitarbeitern des Bundespräsidialamtes aufs Schiff. Es war eine Veranstaltung zum gegenseitigen Kennenlernen. Vorher, so Streits, habe es große Aufregung gegeben: „Die haben das Schiff ganz genau überprüft, mit Spürhunden. Und Taucher haben sogar das Wasser abgesucht.“ Aber die Fahrt hinterher sei nett gewesen. „Der Wulff ist sofort einverstanden gewesen, sich mit mir fotografieren zu lassen. Der ist kein bisschen eingebildet.“

Mehr Trubel, aber auch spektakulärere Ausblicke als auf dem Müggelsee haben die Fahrgäste bei einer Tour durch das historische Zentrum Berlins. Die Touren werden von mehreren Reedereien angeboten, bei schönem Wetter fahren die Dampfer im Konvoi über die Spree. Kenneth Sörensen aus Dänemark war zwar schon oft in Berlin, hat aber die Stadt noch nie vom Wasser aus betrachtet. So geht er mit seiner Familie im Nikolaiviertel an Bord, die rund 90-minütige Tour führt die Familie am Historischen Hafen, an Museumsinsel, Dom, Hauptbahnhof, Regierungsviertel und Schloss Bellevue vorbei. Sörensens sind begeistert. Vor allem der Vater, passionierter Segler, findet die ungewohnte Perspektive beeindruckend.

Infos zur Müggelsee-Tour

Müggelsee: Die Rundfahrt über den Großen und den Kleinen Müggelsee kostet für Erwachsene sechs Euro und für Kinder (bis 14) drei Euro.

Tagesfahrt: Die Kosten für längere Touren (Hin- und Rückfahrt) reichen von elf bis 16 Euro. Auch hier gibt es für Kinder 50 Prozent Ermäßigung. Für Fahrräder werden 2,50 Euro verlangt.

Kontakt: Die Reederei Kutzker ist unter Tel:03362/6251 zu erreichen. Über Fahrpläne, Preise und die Schiffe der Reederei kann man sich auch online informieren: www.reederei-kutzker.de

Anfahrt/Auto: Bis zum Müggelseedamm in Friedrichshagen. Parkplätze sind dort jedoch rar, und Parksünden werden in diesem Ortsteil konsequent geahndet.

Anfahrt/Bahn: Mit der S-Bahn bis zum Bahnhof Friedrichshagen. Anschließend kann man Richtung Müggelsee durch die 1250 Meter lange, sehenswerte Bölschestraße bummeln. Es gibt dort rund 170 Geschäfte und Gaststätten. Möglich ist auch das Umsteigen in die Straßenbahn am Bahnhof Friedrichshagen, dann bis zur Haltestelle Müggelseedamm fahren.

Weitere Angebote - Mit dem Dampfer einmal quer durch die Stadt

Ob Sightseeing oder Kaffeefahrt. Das Angebot an Schiffstouren in Berlin ist groß und vielfältig.

Cityfahrt Berlins Mitte hautnah: In wahlweise ein- oder eineinhalbstündigen Fahrten geht's auf dem Panoramaschiff am Spreeufer entlang vom Nikolaiviertel zum Haus der Kulturen der Welt. Bei der längeren Tour sind auch noch Innenministerium, Spreebogen und Hansabrücke dabei.

Tgl. bis 2. Oktober, Preis: 9 Euro/ermäßigt 4,50 Euro (eine Stunde) oder 9,50 Euro/4,75 (90Minuten), Reservierungsanfragen Tel:6934646 oder info@reederei-riedel.de. Infos und Fahrplan unter www.reederei-riedel.de .

Brückenfahrt All diejenigen, die für ihre Stadterkundung zu Wasser mehr Zeit einplanen können, starten ab Jannowitzbrücke, Friedrichstraße oder Schlossbrücke/Charlottenburg zu einer 3,5-stündigen Entdeckungsfahrt. Vorbei an allen wichtigen Sehenswürdigkeiten, heißt es immer wieder „Köpfe einziehen“, denn die Fahrt führt unter etlichen Brücken hindurch. Auf Wunsch gibt es diese Tour auch mit Menü (nach Vorbestellung, mindestens 48 Std. im Voraus).

Tgl. bis 30. Oktober, Preis: 13,50 Euro (einfache Fahrt)/18,50 Euro (Rundfahrt), Menü-Angebote ab 6,20 Euro. Kartenvorverkauf online oder unter Tel: 5363600. Weitere Infos und Fahrplan unter www.sternundkreis.de

Spreefahrt zum Müggelsee Los geht's im Hafen Treptow, vorbei an der Köpenicker Altstadt mit Schloss und Rathaus. Vom Großen Müggelsee aus hat man einen schönen Blick auf den Müggelturm, bevor es dann langsam zurück nach Treptow geht. Eine ruhige Tour von ca. drei Stunden zum Entspannen.

Tgl. bis 3.Oktober, Preis: 9,50 Euro (einfach)/ 13 Euro (Hin- und Rückfahrt), Menü-Angebote ab 6,20 Euro. Infos: www.sternundkreis.de (siehe oben)

Erlebnisfahrt in den Südosten Von der Schlossbrücke/Charlottenburg vorbei am Schloss Bellevue, durch Berlins Innenstadt über Köpenick bis Flankensee mit Blick auf Woltersdorf, zum Seddinsee, nach Wendenschloss und Grünau. Ein Ganztagsausflug von 7,5Stunden für die gesamte Familie. Großes Angebot an Speisen und Getränken.

27.Juli, 9. August und 23. August, Preis: 20 Euro (komplette Fahrt), ermäßigt 18 Euro, Kinder (6 bis 14Jahre) 10Euro. Vorbestellung erbeten. Fahrplanauskunft, Buchung und Infos unter Tel: 3499595 oder online unter www.reedereiwinkler.de .

Abendfahrt Wenn die Sonne langsam untergeht, kann man bei einer dreistündigen Schiffstour durch die Berliner Innenstadt den Tag auf angenehme Weise ausklingen lassen. Begleitet wird die Abendfahrt von Stadtinformationen auf Deutsch oder einer Kopfhörer-Moderation in zehn Fremdsprachen. sam

Tgl. bis 30. Oktober, ab Märkisches Ufer, Preis:18 Euro/erm. 9 Euro; Alle Abendfahrten ohne Zwischenstopps. Infos: www.reederei-riedel.de (siehe oben.).