Urlaub für einen Tag

Wo Glasbläser ihre Künste zeigen

Urlaub für einen Tag: Wir nehmen Sie mit auf Ausflüge in Berlin und Brandenburg. Diesmal steht ein Museumsbesuch an. Doch der ist alles andere als staubtrocken. Im Museumsdorf Baruth-Glashütte zeigen Glasbläser, Seifenmacher und Schneider ihr Handwerk.

Foto: Glanze

Frances holt tief Luft, dann pustet sie in das eineinhalb Meter lange Metallrohr, das Glasmacher Patrick Damm ihr an den Mund hält. Am anderen Ende des Rohres hängt ein Klumpen heißes Glas. Den hat Patrick gerade aus dem Schmelzofen geholt. Jedes Mal, wenn Frances bläst, wird der Klumpen etwas größer. Nach ein paar Minuten sieht er aus wie eine Kugel.

Frances ist zwölf Jahre alt und in der Nähe von Cottbus zu Hause. Bald kommt sie in die siebte Klasse, aber jetzt sind erst einmal Sommerferien. Deshalb hat ihr Großvater sie zu einem Ausflug in die Glasmacherwerkstatt im Museumsdorf Glashütte eingeladen. Das Mädchen trägt weiße Hosen und ein helles T-Shirt. Weil es an diesem Julitag ziemlich kühl ist, hat sie auch noch eine Jacke an. Die würde sie jetzt am liebsten ausziehen, so heiß ist es neben dem Ofen. Doch dazu ist keine Zeit. Die Kugel wird immer größer und muss noch ein paar Mal ins Schmelzfeuer, bevor Glasmacher Damm etwas von dem heißen Glas nach unten laufen lässt und die Kugel plötzlich einen Stiel hat. "Fertig", sagt er. Frances ist zufrieden. Was sie da mit Hilfe des Glasmachers zustande gebracht hat, sieht aus, als könne es im Regal des kleinen Museumsshops stehen. Dort werden Vasen, Tiere und Geschirr verkauft – alles Unikate.

Jetzt muss Frances nur noch warten, bis ihre Kugel abgekühlt ist. Das geschieht in einem 500 Grad warmen Ofen. Eine Viertelstunde etwa muss das fertige Glas dort drinnen ruhen. "An der Luft würde es viel zu schnell abkühlen und schon nach wenigen Minuten zerspringen", sagt Damm. Der 30-jährige Glasmacher arbeitet im brandenburgischen Museumsdorf Glashütte, wo er vor 16 Jahren zum Glasmacher ausgebildet worden ist.

Der kleine Ort unweit von Baruth hat eine lange Geschichte, die Damm seinen Besuchern gern erzählt. 1716 wird hier die Baruther Glashütte gegründet. Ein kleines Werk, das Apothekerglas, Kelchgläser und Fensterglas herstellt. Mit wenig Gewinn. Ab 1830 aber geht es bergauf. Aus Glashütte wird die gräflich Solm'sche Glasfabrik, die bald für ihre Lampenschirme berühmt ist. 1861 wird in der Hütte ein hochmoderner Brennofen installiert. Der sogenannte Siemens-Regenerativ-Hafenofen ist der erste seiner Art auf dem europäischen Kontinent. Die Glashütte expandiert. Gefragt ist vor allem Beleuchtungsglas. Wichtige Kunden sind Berliner und Leipziger Leuchtenhersteller und Händler. Die nahegelegene Hauptstadt hat sich im Kaiserreich zu einer Metropole des Lichts entwickelt. Mehr als 10000 Arbeiter montieren dort in unzähligen Hinterhöfen aus Armaturen, Brennern und Glasteilen Leuchten, die reißenden Absatz finden.

Im Jahr 1953 endet in Baruth die Herstellung von Beleuchtungsglas. Der nun volkseigene Betrieb stellt seine Produktion auf Gärballons um. 1980 wird auch diese Produktion eingestellt. Das passiert so abrupt, dass der Inhalt des Schmelzofens nicht zu Ende verarbeitet werden kann und zu einem tonnenschweren Glasblock erstarrt.

Mit der Schmelze erstarrt auch das Leben im Dorf. Viele ziehen fort. Die kleinen Fachwerkhäuser verfallen, die Gärten wuchern zu. Bis 1991 der Museumsverein Glashütte e.V. gegründet und aus dem Ort ein Museumsdorf wird. Heute leben und arbeiten in den sanierten Glasmacherhäusern Menschen, die traditionelles Handwerk betreiben, das sie den Besuchern gern vorführen und dessen Produkte sie in kleinen, liebevoll eingerichteten Läden verkaufen. Fast alle Handwerker bieten Workshops an, an denen sich die Besucher beteiligen können.

Originelles Geschenk

Die Glaskugel ist inzwischen abgekühlt. Sie sieht nun aus wie eine ziemlich große Weihnachtsbaumkugel mit einem langen Stiel. "Das ist ein Blumentopfbefeuchter", sagt Patrick Damm. "Du füllst die Kugel mit Wasser. Dann bildet sich in ihrem Inneren ein Vakuum, sodass die Feuchtigkeit nur in kleinen Mengen durch den Stiel in die Erde gelangt." Patrick wickelt das gläserne Gebilde in weißes Papier, auf dem die Gebrauchsanleitung aufgedruckt ist. Wie einen Blumenstrauß überreicht er es Frances. Die strahlt. Das ist ein Geburtstagsgeschenk für ihre Mutter. Dann greift sie nach der Hand ihres Großvaters. Sie will auch die Seifenmanufaktur und die Filzwerkstatt noch besuchen. Doch Opa will erst einmal eine Pause machen. Die beiden gehen zum Gasthof Reuner. Dort gibt es Hausmannskost. Gekocht wird mit Produkten aus der Region. Das Gemüse ziehen Reuners im eigenen Garten. Auf der Karte stehen Schnitzel vom Saalower Kräuterschwein, Welsfilet aus dem Teupitzer See und Salzkartoffeln vom Bauern Hannemann.

Wer auf den Geschmack gekommen ist, kann im alten Dorfkonsum Lebensmittel kaufen, die Reuners selbst hergestellt haben. Hinter dem altmodischen Einkaufstresen steht Manfred Jensch. Der 60-Jährige begrüßt seine Kunden mit einem breiten Lächeln. "Der Renner hier ist die selbstgemachte Wurst", sagt er. Allein der Geruch der vielen Würste, die überall im Laden aufgehängt sind, ist Werbung genug. Auch das Brot aus dem Dorfbackofen sieht so gut aus, dass man gleich eins mitnehmen möchte.

Kinderfest am 7. August

Nach dem Essen machen sich Frances und ihr Großvater zu einem Rundgang durch das Dorf auf. Frances stöbert im Seifenladen von Uta Duensing herum. Dann will sie noch die Filzwerkstatt von Cordula Albrecht besuchen. Hinter deren Haus, auf dem Hof, leben Frieda, Helga und Kelle, drei Schafe. Ihre Wolle verarbeitet Frau Albrecht zum Filzen.

Cordula Albrecht lebt erst seit gut einem Jahr in Glashütte. Sie ist aus Berlin in das Museumsdorf gezogen, um hier ein neues Leben anzufangen. "Mir gefällt die Arbeit mit den Touristen, und ich liebe die Ruhe, die hier morgens und abends herrscht", sagt sie. In Glashütte leben viele Künstler, Aussteiger und Menschen, die ihrem Leben einen anderen Sinn geben wollen. Sie genießen die idyllische Lage des Ortes zwischen märkischen Wiesen und Wäldern, die Abgeschiedenheit im Herbst und im Winter, aber auch den Trubel, den die Touristen mitbringen. Und sie sind froh über die Möglichkeit, im Museumsdorf ihrem Handwerk nachzugehen und ihre Produkte verkaufen zu können.

In Albrechts Filzwerkstatt sitzen an diesem Nachmittag schon Tim, Tom und Ben. Die acht- und neunjährigen Jungen machen mit ihren Müttern Urlaub am Klausdorfer See. Eine gute halbe Stunde dauert es, dann hat jeder der drei Jungen eine Filzblüte hergestellt. Stolz verlassen sie die Werkstatt. Ihre Filzblumen sollen Überraschungen für ihre Mütter werden. Die haben sich inzwischen im Laden von Modedesignerin Diana Nikolaus umgesehen und warten auf ihre Söhne.

Preise und Anfahrt

Anfahrt/Auto A13 (Berlin–Dresden), Ausfahrt 5b/Baruth Glashütte. Weiter bis Dornswalde, hinter dem Dorfausgang links nach Glashütte abbiegen. Oder: B96/B115, Abzweig Klasdorf/Glashütte, dann über die Bahnbrücke weiter bis Klasdorf, dort abknickende Vorfahrt nach Glashütte. Parkplätze an den Ortseingängen von Glashütte (2 Euro/90 Min.; 4 Euro/Tag).

Anfahrt/Bahn Von Berlin aus mit dem RE3 nach Klasdorf (etwa eine Stunde). Von dort führt ein drei Kilometer langer, ausgeschilderter Wanderweg nach Glashütte. Bus- oder Taxitransfer von Klasdorf zum Museumsdorf möglich. Zeiten/Preise Bis Oktober: Di.–So., 10–18Uhr; November/Dezember: Di.–So., 10–16Uhr. Die Gewerbetreibenden im Museumsdorf öffnen erst um 11 Uhr. Führungen anmelden: Tel:033704/980912 oder E-Mail:info@museumsdorf-glashuette.de

Eintritt: 5,50 Euro, ermäßigt 3Euro, Studenten 3,50 Euro, Familien 13 Euro.

Kinderfest: Am 7.August von 11 bis 18 Uhr im Museumsdorf. Unter anderem mit Bühnenprogramm, Glasblasen, Ponyreiten und alten Spielen wie Eierlaufen, Sackhüpfen und Büchsenwerfen. Auf der für den Autoverkehr gesperrten Dorfstraße werden Kegelbahn und Kletterwand aufgebaut. Infos: www.kinderfest-glashütte.de

In der Nähe - Südseestrand und Regenwald in Tropical Islands

Südseestrand in Brandenburg? Das gibt es: in "Tropical Islands". Das tropische Urlaubs- und Freizeitziel liegt in Brand, nur 60 Kilometer südlich von Berlin. Die Südsee dort ist mit 3000 Quadratmetern immerhin so groß wie drei olympische Schwimmbecken. Auf den Liegestühlen am 200 Meter langen Strand breiten vornehmlich Familien ihre Badetücher aus, blicken über den künstlichen Horizont am Beckenrand. Laurenz (9) hat schon eine Sandburg gebaut, nun will er auf die Rutsche. Gemeinsam mit seinem Bruder Florian (16) erklimmt er die 110 Stufen zur obersten Plattform des Wasserrutschenturms, mit 27 Metern der höchste seiner Art in Deutschland. Von hier oben ist die Aussicht fast so gut wie von den Ballons aus, die täglich in der größten freitragenden Halle der Welt aufsteigen. Während es mit dem Fesselballon von einer festen Basis aus 55 Meter empor geht, schweben die Gäste im Korbballon in 22 Metern über den Tropen.

Laurenz reicht die Aussicht vom Rutschenturm. Ein Stück klettert er wieder hinab, hat sich für die Reifenrutsche entschieden. Sein Bruder saust die Power-Turbo-Rutsche hinunter, auf der schon Geschwindigkeiten bis zu 70 Stundenkilometern erreicht wurden. Anschließend geht's richtig in die Tropen: auf Entdeckertour durch ein dichtes Gewirr aus Palmen und Farnen. 600 Pflanzenarten, die meisten aus dem asiatisch-pazifischen und südamerikanischen Raum, wachsen im Indoor-Regenwald – dem weltweit größten, wie Tropical-Islands-Sprecher Patrick Kastner betont. Selbst Papayas und Sternfrüchte gedeihen hier.

Eine Brücke überspannt den Mangroven-Sumpf, in dessen Wasser sich Buntbarsche, Welse und Guppys ebenso wie Schildkröten tummeln. In den Wipfeln der tropischen Bäume flattern leuchtend gelbe Kanarienvögel und kleine Zebrafinken umher, ein Fasanenpärchen macht einen Ausflug zu Fuß. Florian auch. Er hat sich für den einen Kilometer langen Abenteuerpfad einen Audio-Guide ausgeliehen, mit dem an zwölf Stationen Infos abgerufen werden können.

Eingebettet in den Regenwald ist die Bali-Lagune mit 32 Grad warmem Wasser. Florian schließt in der Grotte die Augen und träumt sich beim Rauschen des Wasserfalls ganz weit weg. Laurenz möchte gar nicht mehr weg, sondern in den "Tropical Islands" übernachten. Möglich wäre das – in Safari-Zelten oder in kleinen Strandhäusern, die unter anderem das Ufer der Bali-Lagune säumen. Bis Anfang nächsten Jahres sollen für zehn Millionen Euro weitere Unterkünfte gebaut werden. Mit den 120 neuen Häusern stehen dann 200 Unterkünfte und 596 Betten bereit. Laurenz muss trotzdem einpacken: Vater Marko hat seiner Frau versprochen, abends mit den Jungen wieder zuhause zu sein. kst

Tropical Islands Tropical-Islands-Allee 1, Krausnick. Rund um die Uhr geöffnet. Eintritt 29,50 Euro, für Kinder bis 14 Jahre 24 Euro. Preise für Übernachtungen unter www.tropical-islands.de

Anreise: per Auto über die A 13, Ausfahrt Staakow, per Bahn stündlich mit dem RE 2. Shuttle-Verkehr vom Bahnhof Brand aus.

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