Urlaub für einen Tag

Auf den Wanderwegen der Hauptstadt

Urlaub für einen Tag: Wir nehmen Sie mit auf Ausflüge in Berlin und Brandenburg. Parks, Wälder, Flussufer und zwischendurch eine Altstadt: Berlin ist ein gutes Revier für Läufer

Foto: Amin Akhtar

„Wie eine Alm“ sieht es auf dem Teufelsberg aus, findet Christiane Tramitz. Wer den Hügel über die Treppen an der Teufelsseechaussee erklimmt, sieht Wiesen, auf denen sich Gräser sanft im Wind wiegen, dazwischen blühen Löwenzahn und andere Wiesenblumen. Hin und wieder fliegen kleine blaue Schmetterlinge auf. „Eigentlich fehlt nur noch eine glückliche Milchkuh im Hintergrund“, sagt die Wanderin. Doch stattdessen geht der Blick über die architektonischen Landmarken der West-City gen Berlin-Mitte. Auch nicht schlecht.

Der Gang auf den Teufelsberg ist Teil des Europa-Wanderwegs E11, der von Den Haag bis nach Masuren führt. Christiane Tramitz und ihre Freundin Bettina Ponsong haben sich für eine 15 Kilometer lange Etappe entschieden, die am S-Bahnhof Nikolassee beginnt, zunächst auf dem Höhenweg an der Havel entlang und später quer durch den Grunewald bis zum S-Bahnhof Heerstraße führt. „Wenn man wie ich in einer wunderschönen Landschaft groß geworden ist und dann in die Berliner Innenstadt zieht, ist der Gang in die Natur lebenswichtig“, sagt Christiane Tramitz, die in Tirol und am Starnberger See aufgewachsen ist.

Vor wenigen Tagen ist ihr erster Roman, der Alpen-Krimi „Himmelsspitz“ erschienen. Es geht darin um ein kleines Dorf in den Ötztaler Alpen und ein dunkles Familiengeheimnis. Das Wandern hat die Verhaltensforscherin erst in den vergangenen Jahren bei der Arbeit an dem Krimi für sich entdeckt. „Früher waren mir Reiten und Fahrradfahren viel lieber. Ich fand, dass Wandern eine viel zu langsame Art der Fortbewegung ist.“ Mittlerweile weiß sie aber gerade genau das zu schätzen.

Die nächste Etappe des Wanderwegs E11 verläuft über 24 Kilometer vom S-Bahnhof Heerstraße zum S-Bahnhof Treptower Park quer durch die Berliner Innenstadt. Die Route führt an etlichen Sehenswürdigkeiten vorbei – Schloss Charlottenburg, Zoo, Siegessäule, Brandenburger Tor, Potsdamer Platz, Martin-Gropius-Bau. Die Wanderer gehen über lange Strecken durch Parks, an der Spree und am Landwehrkanal entlang.

Elf Wandervereine in Berlin

Noch reizvoller finden die beiden Freundinnen allerdings die dann folgende Strecke, die auf 21 Kilometern vom Treptower Park bis zum Müggelsee führt und am S-Bahnhof Friedrichshagen endet. Sie verläuft unter anderem durch den Plänterwald, die Wuhlheide und die Köpenicker Altstadt. Die haben sie sich für ihr nächstes Wandertreffen ausgeguckt. „Das Besondere an Berlin ist, dass es in der Innenstadt so viel Grün gibt. Nicht nur Parks, sondern Natur pur. So etwas kenne ich aus keiner anderen Stadt“, sagt Christiane Tramitz.

„Berlin ist großartig zum Wandern“, findet auch Harald Schmidt, stellvertretender Vorstandsvorsitzender des Berliner Wanderverbands. Als der gebürtige Rheinländer 1973 nach Spandau zog, war er erstaunt über die Menge und Vielfalt an grünen Flächen, die bereits das damalige West-Berlin seinen Bewohnern bot. „Ich hätte vorher niemals gedacht, dass Berlin so eine schöne grüne Stadt ist.“

Der Berliner Wanderverband, der als Dachverband fungiert, zählt elf Wandervereine, einen Alpin-Verein sowie sechs Sportvereine mit eigenen Wanderabteilungen zu seinen Mitgliedern. Insgesamt 2028 Berliner sind in Wandervereinen aktiv. Die Zahl derjenigen, die es regelmäßig auf eigene Faust in die Wälder und Grünanlagen zieht, liegt dabei um ein Vielfaches höher. Bundesweit sollen zehn bis 15 Millionen Menschen wandern. Rechnet man diese Zahl auf Berlin hoch, dann leben hier ungefähr 400.000 Wanderer. Und das sind längst nicht mehr vornehmlich Rentner. Wandern ist zum Volkssport für alle Generationen geworden, das Angebot in den vielen Outdoor-Läden ist Indiz für die große Nachfrage.

Nicht nur das viele Grün, auch das dichte Verkehrsnetz machen Berlin zu einer attraktiven Stadt für alle, die Erholung in der Natur suchen. Wer es ernst nimmt mit dem Wandern, läuft lieber von A nach B, wie Harald Schmidt weiß, und nicht im Kreis. Praktischer als die Anfahrt mit Auto oder Fahrrad sind dafür Bus und Bahn. Das Verkehrsnetz sorgt auch dafür, dass zumindest die zweite und dritte oben beschriebene Etappe des E11 beliebig in kürzere Teilstrecken teilbar sind.

Wer sich über Wanderrouten in Berlin informieren möchte, wird oft schnell im Internet fündig. Auf den Webseiten der Vereine findet man verschiedene Vorschläge. Der Berliner Wanderclub empfiehlt zum Beispiel einen zwölf Kilometer langen Weg durch Lichterfelde und Lankwitz vom S- Bahnhof Osdorfer Straße aus.

Zunächst geht es am Teltowkanal entlang, vorbei an Schlosspark Lichterfelde, Klinikum Benjamin Franklin und Steglitzer Hafen. Dann überquert der Wanderer am Edenkobener Steig eine kleine Holzbrücke. die voraussichtlich ab August wegen Sanierung gesperrt wird, und landet in Lankwitz. Auf diesem ersten Teil der Strecke ist man auch an schönen Sommersonntagen in der Regel allein. Der weitere Weg geht an der Dorfkirche Lankwitz vorbei, durch den Gemeindepark und eine Kleingartenkolonie. Schließlich folgt man einem schmalen, aber kilometerlangen Grünstreifen, der einen zum Fliegerberg führt. Dort machte Otto Lilienthal einst seine Flugversuche. Heute dient der Berg als Aussichtspunkt, von dem aus der Blick weit über Lichterfelde reicht.

Berlin verdankt seine Grünanlagen und Parks einem Stadtentwicklungsplan aus den 20er-Jahren. Die Grünflächen durch Wanderwege miteinander zu vernetzen, ist eines der Ziele, die Wandervereine, aber auch die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung verfolgen. Auf Initiative des Wanderkreises Berlin entstand im Westteil der Stadt der „Grüne Pfad“, ein 250 Kilometer langer Berliner Hauptwanderweg mit Verbindungswegen zur Innenstadt. Der Fußgängerverband Fuss e.V. entwarf einen Plan für 20 grüne Hauptwege, die sich durch sämtliche Bezirke ziehen. Harald Schmidt und seine Vereinsfreunde begrüßen solche Pläne.

Ein optimaler Wanderweg ist aus Sicht der Vereine ein hübsch geschwungener Pfad, der niemals asphaltiert ist, hin und wieder einen schöne Aussicht bietet und, das ist eigentlich das Wichtigste, am Waldrand verläuft. „Nur so kann man beim Wandern auch die Landschaft wahrnehmen und erleben“, sagt Harald Schmidt. „Als junger Mann bin ich auch gern quer durch den Wald unter einem dichten Blätterdach gelaufen. Aber irgendwann merkt man, dass man dabei etwas Wesentliches verpasst.“

Tipps und Infos

E11 Wer detaillierte Routenbeschreibungen und Karten über die Berliner Etappen des Europa-Wanderwegs E11 sucht, sollte sich einen Wanderführer kaufen. Empfehlenswert ist das Buch „Wanderungen durch Brandenburg“ von Manfred Reschke (Trescher-Verlag, 13,95 Euro). Dort sind Streckenverlauf und Sehenswürdigkeiten gut beschrieben. Die 50 Touren des Buches werden auch alle in Karten gezeigt. Kurzinfos über den Europa-Wanderweg im Netz: http://www.fernwege.de/d/e11/brandenburg/index.html

Markierungen Der E11 ist in Berlin leider nur sehr lückenhaft markiert. Auf den Havelhöhenweg wird an einigen Stellen im Grunewald verwiesen, ansonsten helfen Wegweiser. Es ist ratsam, eine gute Karte mitzunehmen.

Vereine Wandervereine bieten regelmäßig geführte Touren an. Nicht-Mitglieder zahlen einen Unkostenbeitrag, der beträgt meist drei Euro. Der Berliner Wanderclub bietet mittwochs und sonnabends geführte Wanderungen durch Berlin und Brandenburg an. Weitere Infos dazu im Netz: http://www.berliner-wanderclub.de . Dort ist auch die Wanderung durch Lichterfelde und Lankwitz genau beschrieben.

Gastrotipp Restaurant Grunewaldturm, Havelchaussee 61. Täglich ab 10 Uhr geöffnet, frische deutsche Küche.

In der Nähe - Entdecker-Tour hinter die Kulissen der Staatsoper

Die Staatsoper im Schiller Theater liegt nur rund 500 Meter vom Europa-Wanderweg E11 entfernt. Dort wird eine ganz andere Tour angeboten: hinter die Kulissen und auf die Bühne des Ausweichquartiers an der Bismarckstraße. Zwar geht es bei der Führung durch verborgene Bereiche des Schiller Theaters nicht zu wie in der Fantasy-Komödie „Nachts im Museum“. Das heißt jedoch nicht, dass sie weniger spannend wäre.

Vom Gläsernen Saal geht es an der Garderobe vorbei auf eine Spiegelwand zu. Während Führungsleiter Kay Keßner seiner kleinen Gruppe von den Anfängen der „Königlichen Hofoper“ im 18.Jahrhundert erzählt, lassen sich die Besucher von dem Glanz und dem goldenen Farbspiel des hellen Foyers in den Bann ziehen. Dann öffnet Keßner eine Tür in der verspiegelten Wand. Von nun an ist alles Backstage und vom Prunk nicht mehr viel übrig: Vorbei an vollgehängten Kostümständern, geht es zunächst in eine der Garderoben. Sänger sind gerade keine da – schade. Die Gruppe zieht weiter zu „den Brettern, die die Welt bedeuten“. Die Gänge hinter den Kulissen werden immer verschachtelter und enger. Auf den Fußboden sind Pfeile aufgemalt, damit die Künstler während der Aufführung schneller von der Haupt- zur Seitenbühne wechseln können, ohne sich zu verirren. Von irgendwoher hört man eine Solistin proben.

Nach ein paar weiteren Minuten findet sich Keßners Trupp, sichtlich begeistert, endlich auf der Hauptbühne wieder. Die Decke des riesigen Bühnenraumes muss mehr als zwölf Meter hoch sein und ist von beeindruckender Technik gesäumt. Auf dem auswechselbaren Boden lauern endlose Kabelwürste als Fußfallen. Das Bühnenbild lässt erahnen, was hier am Abend zuvor noch losgewesen sein muss und weckt bei einigen Lust, als Zuschauer bald wiederzukommen. Jasmin Hielsche (14) freut sich, denn für Schüler und Studenten gibt es ab einer halben Stunde vor Vorstellungsbeginn alle Restkarten zum Einheitspreis von nur 13 Euro. Die Schülerin ist heute mit ihrer Freundin Henriette Juche (17) hier. Beide besuchen das musisch-künstlerisch betonte Heinz-Berggruen-Gymnasium in Charlottenburg, spielen selbst Bratsche. Jasmin nimmt bereits zum zweiten Mal an der Führung teil. So gut gefallen hat es ihr.

Von der Hauptbühne geht die Führung weiter in die Montagehalle, zur Probebühne, über den versenkbaren Orchestergraben und endet nach einer guten Stunde schließlich in der ehemaligen Bühnenbauwerkstatt. Diese Führungen werden zu unterschiedlichen Tageszeiten angeboten, je nach Beginn und Dauer der Opernaufführung. Auch am späten Abend kann man sich auf Entdeckungsreise begeben. Für Gruppen werden, nach Absprache, auch zu anderen Terminen Führungen in Deutsch und Englisch organisiert. sam

Staatsoper im Schiller Theater Bismarckstraße 110, 10625 Berlin, immer Fr.–So. Termine unter www.staatsoper-berlin.de , Eintritt: 5/2,50 Euro, Vorverkauf: contact@staatsoper-berlin.de, Tel:20 35 44 38