Urlaub für einen Tag

Fototour um die "Spreeblitz"-Achterbahn

Urlaub für einen Tag: Wir nehmen Sie mit auf Ausflüge in Berlin und Brandenburg - heute auf eine geführte Fototour zu Dinosauriern, Schwanenbooten und Wildwasserbahnen im Spreepark am Plänterwald.

Foto: Reto Klar

Wo einst begeisterte Berliner in der „Spreeblitz“-Achterbahn Loopings drehten, ist es heute fast menschenleer. In dem ehemaligen Freizeitpark Plänterwald im Spreepark erinnern die verwaisten Fahrgeschäfte an gute Zeiten. Seit 2002 ist der Park geschlossen und für die Öffentlichkeit nicht mehr zugänglich. Mit Ausnahme von wenigen Tagen im Jahr – wie etwa dem Sommerfest, das noch bis 17.Juli in einem Teil der Anlage gefeiert wird.

Michael Waldau ist früher jedes Jahr einmal mit seinen Kindern in den Freizeitpark gefahren. Nach der Schließung las er immer wieder mal Zeitungsartikel über das Areal, wollte mit eigenen Augen sehen und dokumentieren, wie es sich verändert hat. Doch als er mit seiner Kamera in der Hand vor den Zäunen des Spreeparks stand, wurde er nicht hineingelassen. Dann stieß er im Internet auf das junge Unternehmen „go2know“, das geführte Fototouren durch den ehemaligen Freizeitpark anbietet – vor allem in die Bereiche, die nach wie vor abgesperrt sind.

Thilo Wiebers und Andreas Böttger organisieren diese Touren – ganz legal, fachkundig und sicher. Die beiden Unternehmer kennen jede morsche Holztreppe auf dem Gelände und führen die Teilnehmer nur auf sicheren Wegen durch den Spreepark. Alle Teilnehmer werden zudem vorab mit ausführlichen Infos versorgt. Die Touren richten sich an alle, die gern fotografieren – egal ob Anfänger oder geübter Fotograf. Auf den rund vierstündigen Touren kann sich jeder in Ruhe auf seine Lieblingsmotive konzentrieren. Die Gruppen bestehen aus maximal 20 Teilnehmern.

Nun also steht Michael Waldau, ausgerüstet mit einer orangefarbenen Warnweste, mitten im Spreepark. Die Westen müssen alle Teilnehmer der Tour tragen, damit sie schon von weitem als legale Freizeitparkbesucher erkennbar sind. Der Wachdienst des Parks ist ständig unterwegs, um unangemeldete „Gäste“ aufzuspüren und Vandalismus zu verhindern.

Die Route führt Michael Waldau und die anderen Teilnehmer einmal quer durch den ganzen Spreepark. Der Hobbyfotograf erkennt den Freizeitpark kaum wieder. Viele der ehemaligen Fahrgeschäfte sind zugewachsen – Bilder, wie aus einem Fantasy-Film. Zwischen den Bäumen stehen gestrandete Schwanenboote, mit denen die Besucher einst durch den Park fuhren. Als erstes Motiv wählt Waldau die ehemalige Wildwasserbahn „Grand Canyon“. „Hier kommen viele Erinnerungen hoch“, erzählt er. „Ich weiß noch, wie wir in den Wagen den 14Meter hohen Berg hinuntergerauscht sind.“ Er stellt sein Stativ neben dem Kassenhäuschen auf. Die Glasfenster am Eingang sind zersplittert, die Wagen der Wildwasserbahn von Staub und Laub bedeckt. Eine etwas düstere, fast unwirkliche Atmosphäre. Das reizt Michael Waldau. „Hier könnte ich noch Stunden fotografieren“, sagt er. Die anderen Teilnehmer sind längst weitergezogen.

Die ungewöhnliche Atmosphäre des ehemaligen Freizeitparks spricht nicht nur Fotografen an. Der Regisseur Peter Dörfler drehte 2009 den Dokumentarfilm „Achterbahn“, der das Schicksal des ehemaligen Spreepark-Betreibers Norbert Witte beleuchtet. Nach der Einheit übernahm Witte mit seiner Spreepark GmbH das Gelände. Doch seine Firma musste 2001 Konkurs anmelden, Witte setzte sich mit seiner Familie nach Peru ab, wurde später wegen Drogenschmuggels zu einer Haftstrafe verurteilt. Anderen Filmemachern diente der Spreepark als Kulisse für ihre Filme: Die Hochzeitsszene einer Telenovela, das Musikvideo eines Rappers und Teile des Kinofilms „Wo ist Hanna?“ von Joe Wright wurden zwischen den verlassenen Fahrgeschäften gedreht.

Andrea Sieben kennt den ehemaligen Freizeitpark nur von Fotos. „Der ist ja riesig – und so verwunschen“, sagt sie erstaunt. Für die Fototour ist sie extra aus Hamburg angereist. Zielstrebig läuft sie zur „Spreeblitz“-Achterbahn und fotografiert aus unterschiedlichen Perspektiven den bunt bemalten Drachenschlund, durch den früher die Besucher in gelben Wagen gerast sind. Mittlerweile blättert die Farbe des „Spreeblitzes“ gewaltig ab, die Trasse der Achterbahn rostet vor sich hin. Dann weckt das Riesenrad, das einige Meter weiter im Wind quietscht, Andrea Siebens Neugierde. Auf der Wiese davor liegen meterhohe Dinosaurier aus Polyester am Boden, im Freizeitpark waren sie einst die große Attraktion der „Dino-World“. Nun klaffen Löcher in ihren Bäuchen, steht ein Dinosaurierfuß einsam einige Meter abseits. Die Hobbyfotografin ist von dem Motiv begeistert und legt einem der Dinosaurier Grasbüschel in den offenen Rachen. „Jetzt sieht es so aus, als würde er fressen“, sagt sie. Schon seit Jahren spürt die Verlagsassistentin in ihrer Freizeit marode Orte mit der Kamera auf. Regelmäßig fährt sie in verwaiste Gebäudekomplexe – eine Zementfabrik in Itzehoe oder ein Lokschuppen in Hamburg. Die einst so lebendigen Orte seien faszinierend, meint sie, stumme Zeitzeugen einer spannenden Vergangenheit.

Surreale Kulissen

Andreas Böttger und Thilo Wiebers behalten die einzelnen Teilnehmer im Blick. Sie wollen, dass alle genug Zeit für die einzelnen Motive haben und das Areal ohne Stress entdecken können. Die beiden Unternehmer fotografieren seit ihrer Jugend und sind am Wochenende oft gemeinsam an abgelegene und schwer zugängliche Orte gefahren. Um Fotogenehmigungen für diese Gelände zu bekommen, knüpften sie Kontakte zu Vereinen und Historikern, Zeitzeugen und Behörden. Schließlich entstand die Idee, die oft surrealen Fotokulissen auch anderen zugänglich zu machen. Seit drei Monaten organisieren sie die Fototouren zu verlassenen Arealen. Legal und sicher können die Teilnehmer auf diese Weise geheimnisvolle Orte entdecken, ohne sich um Genehmigungen kümmern zu müssen. Neben dem Spreepark im Plänterwald führen die „go2know“-Touren zum Beispiel zur alten Abhörstation der Amerikaner auf dem Teufelsberg, den Heilstätten am Grabowsee oder zu den außergewöhnlichen Street-Art-Kunstwerken in einer verlassenen Hofanlage in Wedding.

Am Ende der Tour durch den Plänterwald wartet noch eine Rundfahrt in der Parkeisenbahn auf die Teilnehmer der Fototour. Die Bahn fährt an den zugewachsenen Fahrgeschäften vorbei noch einmal quer durch den Spreepark. Schließlich verstaut Andrea Sieben zufrieden ihre Kamera im Rucksack. Sie habe viele ungewöhnliche Bilder gemacht, sagt sie. Ihr Programm für den nächsten Tag steht bereits: Sie hat sich für eine weitere Fototour von „go2know“ angemeldet und will dann eine leerstehende Fleischfabrik in Lichtenberg erkunden.