Urlaub für einen Tag

Schorfheide - Besuch bei Wolf und Luchs

Urlaub für einen Tag heißt die neue Serie bei Morgenpost Online. Wir nehmen Sie mit auf Ausflüge in Berlin und Brandenburg. Die Landschaft im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin ist Erholung pur. Wer Geduld hat, kann im Wildpark seltene Tiere beobachten.

Foto: Reto Klar

Bastian Block hat einen Futtereimer in der Hand und eine Menge Geduld. Am Rande des Fischotter-Teiches geht er in die Hocke und versucht es mit lang gezogenen Lockrufen. Das klingt ungefähr so: „Otterotterotterotter, otterotterotter.“ Doch so schnell lassen sich die dämmerungsaktiven Tiere jetzt am Nachmittag nicht blicken, sie haben schon früher am Tag eine Mahlzeit gehabt und zieren sich. Endlich aber taucht ein Fischotter im hohen Gras auf und nimmt Kurs auf die Beute, die Block im Grün verteilt hat: Küken, Fischbrocken und Rindfleisch. „Fisch essen unsere Otter gar nicht so gerne, lieber Rind, auch wenn das kaum ein Besucher vermuten würde“, erzählt der junge Mann, der im Wildpark Schorfheide ein Freiwilliges Ökologisches Jahr absolviert. Überraschende Erkenntnisse wie diese sind beim Streifzug durch das weitläufige Gelände inklusive.

Der Wildpark, eine gute Autostunde nordöstlich von Berlin in Groß Schönebeck gelegen, ist ein Paradies: „Hier haben die Tiere Luft und absoluten Vorrang. Das ist das Besondere“, sagt der Berliner Joachim Schüler, der mit seiner Tochter Marlene (10) vor dem Elchgehege steht. Weiter hinten im Gelände, zwischen hohen Bäumen, hat das Mädchen einen stattlichen Vertreter der Art ausgemacht, der sich gemütlich hingelegt hat. „Da ist einer“, ruft sie ihrem Vater aufgeregt zu. Ihr Rufen durchbricht die Stille, die über der weiten Wiesen- und Waldlandschaft liegt und manchem Besucher aus der Großstadt zunächst fast etwas unheimlich vorkommt. Ein paar Minuten später zieht sie ihren Vater weiter, es geht Richtung Abenteuerspielplatz, der in der Nähe des Besucherzentrums liegt.

 Der Park ist der Region verpflichtet, denn hier leben ausschließlich Wildtierarten, die in der Schorfheide zuhause sind, wie etwa Fischotter, Rot- und Damwild, Schwarz- und Muffelwild. Darunter sind aber auch Tiere, die hier in freier Wildbahn sehr selten oder ausgestorben sind: Die stets von vielen Besuchern umlagerten Wölfe beispielsweise, die sich gerne in die Tiefe ihres großen Geheges zurückziehen, außerdem Wisente, Elche und Przewalski-Pferde. Es macht Spaß, die zartbraunen „Urpferde“ zu beobachten, wie sie friedlich auf der riesigen Koppel grasen. Oder ausgelassen über das Gras galoppieren.

Eine der neueren Attraktionen im Wildpark, der ein mehr als sieben Kilometer langes Wanderwegenetz einschließt, ist ein Luchsgehege. Wer die beiden tierischen Stars Lugh und Loki fotografieren will, muss manchmal Geduld beweisen, denn die Luchs-Brüder sitzen nicht auf dem Präsentierteller und haben im 15.000 Quadratmeter großen Gehege mit Teich, Bäumen und Sonnenhügel viele Rückzugsmöglichkeiten. Umso größer ist die Freude, wenn sich dann ein Luchs zeigt, der auf einer Kiefer herumklettert. Ähnliche Glücksgefühle entwickeln wohl auch Safariteilnehmer in freier Wildbahn. Wer weniger Geduld hat und nicht warten will, sollte einfach zur morgendlichen Luchsfütterung am Start sein, dann sind die Fotomotive sicher. Bei den Besuchern kommt das Naturerlebnis Wildpark gut an: „Von der Landschaft und den Tieren geht eine Ruhe aus, die toll ist“, sagt der Berliner Lehrer Jan Gadow.

Kaffeepause am Werbellinsee

Wie viele Facetten das Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin hat, können Besucher entdecken, die weiter Richtung Angermünde fahren und Kurs auf das Nabu-Erlebniszentrum Blumberger Mühle nehmen. Zwischendurch ist Zeit, einen Zwischenstopp am Werbellinsee einzulegen, genauer im Café Wildau, das in Eichhorst liegt: Auf der wunderbaren Terrasse direkt am See lässt es sich herrlich entspannen. Neben regionalen Gerichten gibt es am Nachmittag auch leckeren ofenwarmen Blechkuchen. Und wen es bei sommerlichen Temperaturen in den See lockt, dem bieten sich in unmittelbarer Nähe des Cafés gleich mehrere Badestellen an.

Ein zweiter Zwischenstopp auf dem Weg nach Angermünde sollte in Joachimsthal eingeplant werden, an der Aussichtsplattform Biorama. Vom denkmalgeschützten Wasserturm aus haben Besucher einen schönen Blick auf den nahen Grimnitzsee und bei idealem Wetter noch viel weiter. Auch der nahe Grumsiner Forst, dessen Buchenwald seit Kurzem zum Unesco-Weltnaturerbe zählt, ist von hier aus zu sehen.

Atemberaubende Aussichten bietet auch das Naturschutzbund (Nabu)-Zentrum Blumberger Mühle: Dort präsentiert sich das Biosphärenreservat wie unter einem Brennglas. Jan Hesse arbeitet als Ranger im Zentrum und führt gerade eine Besuchergruppe aus Neubrandenburg durchs Außengelände mit Teichen, Wiesen und Schilfwald. „Die erste Frage, die immer kommt, lautet: ,Wo steht die Mühle?’“, erzählt Hesse und beantwortet sie auch gleich: „Sie ist nicht mehr.“ Und doch wüssten die Einheimischen noch immer, wo bis Ende des 19. Jahrhunderts die alte Mühle bei den Blumberger Teichen gestanden habe.

An einem Sommertag entfaltet sich der ganze Zauber der Kulturlandschaft, die sich in sattem Grün zeigt. Ein zartblauer Himmel wölbt sich darüber – Natur, wohin das Auge blickt. Der Mensch hat in dieser Region viel Platz. Rund 22 Brandenburger lebten hier auf einem Quadratkilometer, berichtet Hesse. Bundesweit sind es etwa zehnmal so viele.

Einen Kescher haben die Ranger immer dabei, egal, ob sie zur Kindersafari „Ins Reich des Froschkönigs“ aufbrechen oder Erwachsene bei einem Rundgang begleiten. Mit dem Kescher gehen sie in den Feuchtgebieten des Geländes auf die Suche nach typischen Arten wie der Rotbauchunke mit ihren orangefarbenen Flecken, um sie Besuchern zu zeigen. Unken und Frösche, so berichtet Hesse, gäben im Reservat viele schöne Gratiskonzerte. Über eine schwankende Brücke bewegt sich die Besuchergruppe mit viel Gekicher zur Freianlage, die einigen Europäischen Sumpfschildkröten ein Zuhause bietet. Die vom Aussterben bedrohte Art ist eine der Hauptattraktionen des Zentrums. Fasziniert stehen die Besucher am Holzgeländer – und freuen sich, wenn eine der Kröten ihren Kopf aus dem Wasser steckt.

Nicht nur die Ranger vermitteln interessante Infos. Wer sich allein auf den Lehrpfaden durchs Gelände bewegt, findet unterwegs Infotafeln. „Wie alt kann eine Europäische Sumpfschildkröte werden?“ heißt es auf einem Holzschild. Etwas weiter auf dem Weg folgt gleich die Antwort: Die Kröten erreichen ein Alter von bis zu 70 Jahren.

Wissenswertes über das Unesco-Biosphärenreservat erfährt man auch im Innern des architektonisch interessanten Hauptgebäudes, das einem Baumstumpf nachempfunden ist und ähnlich würdig altert. An der Kasse gibt Julia Dombrowski freundlich Auskunft. Das Stadtleben vermisst die 20-Jährige, die aus Berlin stammt und ebenfalls ein Freiwilliges Ökologisches Jahr ableistet, überhaupt nicht: „Die Landschaft in der Schorfheide ist so entspannend, das ist Erholung pur.“

Öffnungszeiten und Preise

Wildpark Schorfheide, Prenzlauer Str. 16, 16244 Schorfheide, OT Groß Schönebeck, Tel.: 033393/65855, Einlass tgl. von 9 bis 17 Uhr. Eintritt: Erwachsene 5,50 Euro, ermäßigt (auch Kinder) 4 Euro, Kinder unter 4 Jahren frei. Luchsfütterung tgl. außer Dienstag 11.30 Uhr, Fischotterfütterung tgl. 11 Uhr. www.wildpark-schorfheide.de

Café Wildau, Hotel und Restaurant am Werbellinsee, Wildau 19, OT Eichhorst, 16244 Schorfheide, Tel.: 033363/52630, www.cafe-wildau.de

Biorama Aussichtsplattform, Am Wasserturm 1, 16247 Joachimsthal, Tel.: 033361/64931. Bis 31. Oktober geöffnet Do. bis So. und an Feiertagen, 11 bis 18 Uhr, sonst nach Absprache. Eintritt: Erwachsene 2 Euro, Kinder 0,50 Euro, www.biorama-projekt.org

Blumberger Mühle, Nabu-Zentrum, Blumberger Mühle 2, 16278 Angermünde, Tel.: 03331/26040. Bis Oktober täglich geöffnet von 9 bis 18 Uhr; November bis März: Sbd./So., 10 bis 16 Uhr sowie Mo.–Fr. auf Anmeldung, 10 bis 16 Uhr. Preise: Standardführung Erwachsene 3,50 Euro, erm. 2,50 Euro. www.blumberger-muehle.de