Serie "Das ist Berlin"

Nikolassee ist ein kleines Paradies

Nikolassee in Steglitz-Zehlendorf ist noch immer ein Geheimtipp. Doch das lässige Viertel des bürgerlichen Südwestens wird jetzt von jungen Familien entdeckt – und von Architekturfreunden aus der ganzen Welt. Die Anwohner, die alten wie die neuen, sind engagiert, wenn es um ihren Ortsteil geht.

Die Rehwiese lebt vom Kontrast. Sie selbst ist ein kleines Tal, das seine feingliedrige Figur einer eiszeitlichen Gletscherbewegung verdankt. Drei Kilometer schlängelt sich ein Bachlauf, der nur bei starkem Regen Wasser führt, vom Schlachtensee bis zum Nikolassee. Zu allen Jahreszeiten gehört die Rehwiese mit ihrem alten Baumbestand, den saftigen Wiesen und den stolzen Hängen zu einer vornehmen Attraktion.

An den Hängen der Rehwiese haben die großen Architekten der Jahrhundertwende ihre elegantesten Villen gesetzt: als Gegenentwurf zum Preußentum des Grunewalds im Einklang mit der wilden Naturschönheit der Rehwiese. Hermann Muthesius, der berühmteste Architekt Nikolassees, war fasziniert vom bescheidenen Luxus Englands, wo er als Bauexperte des Kaisers an der Botschaft in London arbeitete, und importierte ihn nach Berlin.

Studenten besetzten alte Villen

In keinem Standardwerk der Architekturgeschichte fehlen die Häuser von Muthesius an der Rehwiese. Für Freunde der Baukultur weltweit ist sie ein Referenzort für die Moderne. Nur: In Berlin hat das kaum jemand verstanden. Wäre da nicht der Doyen der Baugeschichte, Julius Posener, gewesen, man hätte die alten Kisten in den 60er- und 70er-Jahren einfach abgerissen und durch Investorenmist ersetzt. Poseners Einsatz ist es zu verdanken, dass Nikolasse bis heute sein Gesicht wahren konnte – in einer merkwürdigen Allianz mit linksradikalen Studenten, die alte Villen besetzten, und großbürgerlichen Ästheten wurde bis heute der Grundcharakter des Viertels im Südwesten Berlins bewahrt. Und gerade setzt dieses Viertel an, wieder zu alter Schönheit zu finden, denn viele junge Familien entdecken den Liebreiz von Nikolassee.

Das hat gute Gründe: die unzähligen Grünflächen, die fast ländliche Luft, die zahlreichen guten Schulen, das umfangreiche Sportprogramm (Segeln & Rudern am Wannsee, Hockey, Tennis etc.) und nicht zuletzt jene etwas vergeistigte Grundstimmung des Ortes, der seine dörfliche Friedlichkeit nie eingebüßt hat.

In nahezu allen Häusern werden dicht gestopfte Bücherwände als eine Art Statussymbol angeleuchtet. Die berühmten Nikolasseer waren und sind Bildungsbürger wie Gesine Schwan, Sir Simon Rattle, Designer Werner Aisslinger und jede Menge Architekten. Neu dazugezogen sind Galeristenfamilien wie Bruno Brunnet und Nicole Hackert, die ihre weltberühmte Galerie Contemporary Fine Arts abwechselnd von Berlin-Mitte und Nikolassee aus managen.

Die hohe Lebensqualität in Kombination mit einer für den bürgerlichen Südwesten Berlins eher untypischen Lässigkeit hat sich herumgesprochen. Unbebautes Bauland gibt es keines mehr: Und so wird Haus um Haus, Straße um Straße liebevoll renoviert. Wo vor fünf Jahren noch Ladensterben und Leerstand drohten, erwacht das Leben rund um den S-Bahnhof Nikolassee neu. Von dem kommt man in zwölf Minuten an den Savignyplatz in Charlottenburg und in 22 Minuten an den S-Bahnhof Friedrichstraße. Pendeln fällt damit leicht.

Die Nikolasseer engagieren sich

Die Nikolasseer, die alten wie die neuen, sind engagiert, wenn es um ihr Viertel geht. So gibt es ein halbes Dutzend Bürgerinitiativen, die sich um die Belange der Natur, der Architektur, des Lärmschutzes oder um Widerstand gegen drohende Bausünden kümmern. Kaum ein Teil Berlins dürfte bürgerschaftlich so vernetzt sein wie hier ( www.wir-in-nikolassee.de ). Auch das ist der Verträumtheit des Ortes geschuldet. Neuzugezogene grüßen die Alteingesessenen spätestens beim vierten Mal, wenn sie sich mit den Hunden beim Gassigehen oder beim Bäcker am Sonntagmorgen getroffen haben. Auch hier geht es, anders als in Dahlem, entspannt zu.

Zu Nikolassee gehört neben den Vierteln links und rechts der Rehwiese auch noch das sogenannte Wagnerviertel, in dem Claus Schenk Graf von Stauffenberg bis zu seinem Attentatsversuch lebte. Das Wagnerviertel erstreckt sich bis zum S-Bahnhof Wannsee. Und auch die architektonisch auf den Hund gekommene Perle am Wannsee, Schwanenwerder, gehört zu Nikolassee, ebenso wie der elegante, westliche Teil von Schlachtensee.

Von den Nazis enteignet

Im August wurden zwei Bücher veröffentlicht, die sich mit der sehr wechselvollen Geschichte Nikolassees beschäftigen. Eines davon erzählt die traurige Geschichte jener Menschen, die dieses Viertel Anfang des 20. Jahrhunderts im festen Glauben an die Liberalität der Deutschen mitbegründet hatten. Unzählige jüdische Familien haben sich hier wohlgefühlt und wurden von den Nazis enteignet, eingesperrt und vernichtet. Bis heute wird daran nirgendwo erinnert. Die Träume der liberalen Bürger leben in Nikolassee bis heute. Die Alleen und Plätze, die Häuser und Straßen atmen jenen freien Geist des wilhelminischen Bildungsbürgertums.

Die Nazis haben sich an den Freigeistern gerächt und wollten die Autobahn durch die Rehwiese legen, was nur dank eines massiven Einsatzes der Bürger verhindert wurde. Heute ist der Lärm der Avus am Ende der Rehwiese eines der wenigen Ärgernisse vor Ort, dem die Politik lustlos gegenübersteht. Pläne, den Nikolassee wieder als See zugänglich zu machen, gibt es keine, obwohl auch dieser Ort kulturgeschichtlich Patina besitzt. Hier drehten Billy Wilder und Fred Zinnemann ihren ersten Film gemeinsam – bevor sie in Hollywood zu Superstars wurden.

Solche Geschichten gibt es unzählige, und die jüngsten Veränderungen im Viertel geben zur Hoffnung Anlass, dass der Stadtteil zurück zu altem Glanz findet. Die Politik hat den Wert des Kiezes nicht verstanden. Es gibt keine Pläne, den Nikolassee zu einer Naherholungsoase zwischen Schlachten- und Wannsee zu machen. Dann wäre das grüne Band von den Grunewaldseen bis zur Havel wieder als Naturerlebnis zu genießen.

Zurück in die durchaus angenehme Gegenwart: Im Winter laufen die Kinder auf dem Schlachtensee mit den Schlittschuhen, im Sommer organisieren Väter mit ihren Söhnen kleine Fußballturniere in den Auen der Rehwiese. Nicole Hackert bemerkt den Wandel: „In den 30er-Jahren als ‚verjudet‘ verfemt, besteht die Bevölkerung auch heute aus einer äußerst angenehmen Mischung aus Bildungs- und klassischem Bürgertum, Kulturschaffenden und Esoterikern. Ich sichte zunehmend alte Bekannte aus Mitte.“ Besonders die mit Kindern.

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