Berliner Weltkulturerbe

"Onkel Toms Hütte" soll auf die Unesco-Liste

Zehlendorfs Bezirkspolitiker fühlen sich übergangen. Als im vergangenen Jahr verschiedene Wohnanlagen in die Unesco-Liste des Weltkulturerbes aufgenommen wurden, war die Siedlung Onkel Toms Hütte des Architekten Bruno Taut nicht dabei. Nun fordern sie die Korrektur dieses Fehlers.

Was den Neuköllnern die „Hufeisensiedlung“, ist den Zehlendorfern die Waldsiedlung Onkel-Toms-Hütte. Beide Wohnensembles stehen für die Klassische Moderne und den Architekten Bruno Taut. Sie wurden annähernd zur selben Zeit geplant und gebaut (um 1925) und sind sogar in ihrer Größe (etwa 1900 Wohneinheiten) vergleichbar. Und doch gibt es einen eklatanten Unterschied: Die Hufeisensiedlung wurde vor einem halben Jahr gemeinsam mit fünf weiteren Siedlungen der Moderne in die Liste des Unesco-Weltkulturerbes aufgenommenen; die Waldsiedlung ging leer aus.

Das wollen die Steglitz-Zehlendorfer Bezirksverordneten nicht auf sich sitzen lassen. Sie prangern gar an, dass die Siedlung an der Argentinischen Allee zwischen der Onkel-Tom-Straße und Holzungsweg einfach vergessen wurde. Deshalb fordern sie das Bezirksamt auf, sich mit Nachdruck bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung für eine Nominierung der Waldsiedlung als Welterbe einzusetzen. Als Großsiedlung der Klassischen Moderne, so heißt es in der Begründung des Beschlusses, der von allen Fraktionen außer der FDP mitgetragen wird, solle ihr derselbe Rang zuerkannt werden wie den anderen neuen Siedlungen auf der Unesco-Liste. Dazu gehören neben der Hufeisensiedlung, die Wohnstadt Carl Legien, die Siedlung Schillerpark, die Gartenstadt Falkenberg, die Weiße Stadt sowie die Großsiedlung Siemensstadt.

Ein Verfechter der Anerkennung der Waldsiedlung als Welterbe ist Stadtplaner Jörn Dargel. Für den Zehlendorfer ist Onkel Toms Hütte „einzigartig“. „Während die Hufeisensiedlung auf dem Acker geplant wurde, entstand die Zehlendorfer Siedlung ohne Bebauungsplan mitten im Wald mit direktem Bezug zur Natur“, sagt der Stadtplaner. Einzigartig seien auch der direkte U-Bahn-Anschluss mit Ladenzeile und die herausragende Farbgebung, die dem Viertel auch den Namen „Papageiensiedlung“ eingebracht habe. Sollte es mit einer Nominierung für die Unesco-Liste nicht klappen, will sich Jörn Dargel dafür einsetzen, dass die Waldsiedlung zumindest als „Nationales Weltkulturerbe“ – wie bereits das Studentendorf Schlachtensee – ausgewiesen wird.

Anwohner unterstützen sein Engagement. „Der Unesco-Eintrag würde das Erscheinungsbild dieser Siedlung sichern“, sagt Birgit Küttner. Sie wohnt seit acht Jahren in einem Reihenhaus der Siedlung. Auf der Sonnenseite rot und auf der Schattenseite grün angestrichen. Die Gärten der Häuser sind über Wirtschaftswege miteinander verbunden, „was vor allem die Kinder für gegenseitige Besuche sehr schätzen“, sagt Frau Küttner. Aber auch im Inneren seien die Häuser effektiv gestaltet, jeder Quadratmeter sei optimal genutzt. Über die steile gewundene Treppe habe sie immer das Gefühl, in ihren Turm zu steigen.

„Wie in einer hochgestellten Fünf-Zimmer-Wohnung“ – so beschreibt Bernd Sandbothe das besondere Wohngefühl. Er genieße den Garten und dass die Kinder auf der Straße spielen könnten, sagt der Lehrer. Es habe ihn schon sehr gewundert, dass die Siedlung nicht auf die Unesco-Liste gesetzt wurde.

Dass es doch noch mit einer Ernennung zum Weltkulturerbe klappt, hofft auch Bezirksbürgermeister Norbert Kopp (CDU). Er verspricht sich davon einen Schub für den Tourismus. Schon heute werden Architektur-Studenten regelmäßig durch die Siedlung geführt, auch Berlin-Besucher kommen extra angereist. Eine Tatsache, die nicht störe sondern eher in das bunte, lebendige Bild der Siedlung passe, findet Anwohnerin Birgit Küttner.

Tatsächlich ist die Aufnahme in die Unesco-Weltkulturerbe-Liste in erster Linie von symbolischem Wert. Mit Sicherheit taucht die Siedlung nach der Ernennung in noch mehr Architekturführern auf. Die Auflagen des Denkmalschutzes werden in den ohnehin geschützten Siedlungen aufgrund des Titels nicht verschärft, aber mehr überwacht. Und da jetzt die Stadt und der Staat in der Pflicht sind, das Weltkulturerbe zu erhalten, gibt es für die Aushängeschilder besondere Förderprogramme, aus denen dann Geld in Sanierung und Erhalt fließen.

In diesen Genuss soll nach dem Willen der Bezirkspolitiker auch die Waldsiedlung kommen. Doch Hoffnung macht die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung nicht. „Wir haben die Waldsiedlung nicht vergessen“, sagt Sprecher Marko Rosteck. Man habe die Auswahl intensiv überdacht. Die Unesco-Kommission hätte dazu geraten, sich zwischen den typologisch ähnlichen Kandidaten – der Hufeisensiedlung und der Waldsiedlung – zu entscheiden. In der Konsequenz sei die Wahl auf die besser erhaltene Hufeisensiedlung gefallen. Einer nachträglichen Nominierung räumt der Sprecher „äußerst geringe Chancen ein“.

Das wird die FDP-Fraktion im Bezirk gern hören. Sie hat als einzige gegen den Beschluss gestimmt. „Unter touristischen Aspekt sind wir auch dafür“, sagt Fraktionsmitglied Kay-Heinz Erhardt. Aber sollte die Siedlung als Weltkulturerbe gelten, dürfe nichts mehr verändert werden. Das könnte Investoren abschrecken.

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