Denk ich an Weihnachten...

Gregor Gysi ist zu Weihnachten „stockkonservativ“

Bei Gregor Gysi geht es zum Fest sehr bürgerlich zu. Gans, Tannenbaum und klassische Musik dürfen nicht fehlen. Dieses Jahr wird der Chef der Linksfraktion im Bundestag in Paris feiern.

Foto: Reto Klar

Am schönsten war Weihnachten, als die Kinder klein waren. So drei, vier Jahre, das war ein gutes Alter. „Das Kind ist dann derart aufgeregt – was man dann natürlich auch noch ein bisschen anheizt“, sagt Gregor Gysi.

Das war auch schon beim kleinen Gregor so. „Meine Eltern haben mich nur etwas gequält und gesagt, geh mal raus, wenn Du die ersten Sterne am Himmel siehst, ist Bescherung“, erzählt der Fraktionschef der Linken im Bundestag. „Den ganzen Tag latschte ich raus und guckte nach den blöden Sternen, die ich heute natürlich schön finde“, sagt er.

Mit seiner Tochter Anna ist er an Heiligabend immer durch Pankow spazieren gegangen. Und er hat ihr gesagt: „Wir müssen erst alle Lichter zählen, die hinter den Fenstern stehen – vorher kann es keine Bescherung geben. Und dann hat sie ganz aufgeregt gezählt und gezählt.“

„Die großen Augen, die Aufgeregtheit“

Gysi ist gut gelaunt und entspant. Er erzählt gern von Weihnachten, fühlt sich wohl, wie er da auf dem roten Sofa vor seinem Büro im Bundestag sitzt. Drei, vier Jahre, das sei ja auch noch ein Alter, wo man mit Geschenken eine große Freude machen kann, sagt der 66-Jährige. Das werde ja nachher immer schwerer und schwerer. Heute versucht er zu dem, was seine Kinder vielleicht brauchen, noch etwas Besonderes, Individuelles zu schenken, vielleicht einen schönen Stift mit eingraviertem Namen. „Doch eigentlich brauche ich an Weihnachten Kinder – die großen Augen, die Aufgeregtheit.“

Geschenke zu besorgen, war in der Mangelwirtschaft DDR, in der er seinen Sohn George allein großzog, natürlich viel schwerer als heute. Aber Gysi wusste sich zu helfen. Er kannte einen privaten Spielzeugladenbesitzer. „Und der schloss im November seinen Laden, weil danach die Steuer so zugriff, dass er so gut wie nichts mehr verdiente“, sagt Gysi. Für ihn hat der Mann aber noch mal aufgemacht am 22. oder 23. Dezember. „Und dann haben wir überall gegraben und noch was gefunden.“

Ein Gameboy aus dem Intershop

Die besten Geschenke konnte er aber machen, wenn er „doch mal 100 West-Mark hatte“, wie er sagt. Dann ging er in einen Intershop. Und konnte mit dem Geschenk eine Freude bereiten, „wie das heute gar nicht mehr möglich ist“. Einmal gab es im Intershop sogar einen Gameboy oder etwas Ähnliches, Gysi kann sich nicht mehr so genau erinnern. „Für solchen Schnullifax brauchte ich dann Westgeld“, sagt er und lacht. Sein Sohn George, heute 43, freute sich natürlich sehr. Und ließ auch mal den Vater mit dem kleinen Computer spielen. Was aber nicht so gut geklappt hat. „Man ist ja schlau“, sagt Gysi, „aber da hat man keine Chance, die Finger von den Kindern waren immer viel schneller als meine.“

Sein schönstes Geschenk bekam Gysi Ende der 50er-Jahre. In der DDR habe es zwei gute Firmen für elektrische Eisenbahnen geben, erinnert sich Gysi. So eine habe er bekommen. Zu späteren Festen gab es dann auch immer ein weiteres Teil zur Bahn. Das habe ihm wirklich Spaß gemacht, sagt Gysi, auch die Fummelei. „Am härtesten erging es den Gleisarbeitern. Die habe ich immer aufs Gleis gestellt – und dann manchmal vergessen. Die waren dann natürlich kaputt. Sehr fahrlässig.“ Leider waren diese Gleisarbeiter nur schwer zu kriegen. Weil damals nur wenige Kinder eine elektrische Eisenbahn hatten, trafen sich seine Freunde dann gern bei den Gysis zum spielen.

Gysi hat für das Foto zwei Schallplatten mitgebracht. Die hatte er schon zu DDR-Zeiten. Er lacht, als er sie aus seinem Zimmer holt, und sagt: „Damit sie mich nicht für restlos altmodisch halten: Ich habe auch einen CD-Player zu Hause. Aber eben auch noch einen Schallplattenspieler.“ Der Thomaner Kinderchor aus Leipzig war schon damals weltberühmt, und ist es auch heute noch, sagt Gysi. „Die Lieder höre ich immer noch gerne.“ Besonders Johann Sebastian Bach ist für Gysi eine große Freude.

Überhaupt feiert Gysi, der mit Abstand populärste Linke der Republik, das Fest sehr bürgerlich. „Weihnachten bin ich stockkonservativ“, sagt er. „Ich brauche einen Weihnachtsbaum mit bunten Kugeln und richtigen Kerzen – bitte keine elektrischen. Dann brauche ich natürlich eine Gans. Und ich brauche Musik, Bach – und natürlich Stille Nacht, Heilige Nacht. Das ist ein sehr schönes Lied.“

„Ich esse immer Gans“

Die Weihnachtsgans gab es schon in Gysis bürgerlichem Elternhaus im Ost-Berlin der 50er-Jahre. Damals habe es sonst überall Wiener oder Bockwurst mit Kartoffelsalat an Heiligabend gegeben, sagt er. „Bei uns aber gab es Gans – und am ersten Weihnachtstag Pute.“ Das sei ja heute nichts besonderes mehr. Aber in den 50er-Jahren habe kaum jemand Pute gegessen. Am zweiten Weihnachtstag gab es dann die Reste.

Gysi hatte schon drei Herzinfarkte. Er raucht nicht mehr. Und er will auch nicht mehr so viel essen. Er versucht vor allem, die Kohlenhydrate wegzulassen. „Das ist nicht so einfach, da ich ja gerne esse“, sagt Gysi. „Aber ich will nicht so dick werden, deshalb achte ich da ein bisschen drauf“, sagt er.

Weihnachten ist natürlich eine Ausnahme. „Ich esse immer Gans.“ Früher habe er die auch selbst zubereitet. „Dieses Jahr wird das nichts, da bin ich in Paris bei meiner Tochter.“ Anna, 18, macht dort ein Praktikum, um ihr Französisch zu verbessern. Wenn man ihn fragt, was seine Tochter genau macht, sagt er, ganz lapidar: „Bei so ‘nem Eventmanagement managt sie halt irgendwie mit.“

Mit dabei sein werden auch sein Sohn George, heute 43, aus seiner ersten Ehe und seine geschiedene zweite Frau. Gysi graut es schon vor dem französischen Frühstück. „Die Art, wie wir frühstücken, gibt es weltweit nicht“, sagt Gysi. „Die Chinesen essen Reisschleim, die Franzosen ein Croissant mit einem Klecks Marmelade. Das ist kein Frühstück“, ruft Gysi. „Aber so Schinken, Wurst, Käse, Marmelade, Eier. So ein Osterfrühstück, das ist doch etwas, oder?“ Doch jetzt ist Gregor Gysi erst einmal gespannt, was es an Weihnachten in Paris zu essen gibt.

Vita: Gregor Gysi wurde am 16. Januar 1948 in Ost-Berlin geboren. Von 1962 bis 1966 besuchte er die Erweiterte Oberschule – gleichzeitig machte er eine Ausbildung zum Facharbeiter für Rinderzucht. Von 1966 bis 1970 studierte er an der Humboldt-Universität Jura. Mit 23 Jahren wurde Gysi der jüngste Anwalt der DDR. Von Dezember 1989 bis Januar 1993 war er Vorsitzender der PDS, bis 2000 zudem deren Fraktionschef im Bundestag. Für fünfeinhalb Monate arbeitete Gysi im Jahr 2000 als Berliner Wirtschaftssenator. Dann trat er wegen der Bonusmeilen-Affäre zurück. Seit 2005 ist Gysi Fraktionschef der Linken im Bundestag.