Auf Weihnachten lässt Frank Henkel nichts kommen. Er habe „durchweg gute Erinnerungen“ an das Fest, erzählt der Berliner Innensenator und Bürgermeister. Und doch: Eine kleine Episode zeigt, dass die großen Kinderaugen des kleinen Frank mindestens einmal auch, nein nicht voller Angst, darauf besteht Henkel, wohl aber voller Respekt waren – und zwar vor dem Weihnachtsmann. Denn die Worte, die der Weihnachtsmann damals zu dem Fünfjährigen sprach, hatten es in sich.

Als seine Eltern eines Abends das Haus verlassen hatten, um sich einen schönen Abend zu machen, war Frank nicht wie verabredet sofort ins Bett gegangen, sondern hatte den Eltern durch ein Fenster hinterher geguckt. Undenkbar, dessen war sich der kleine Frank sicher, dass Papa und Mama ihn dabei sehen konnten. Als der Weihnachtsmann ihn zum Heiligen Fest also mit mahnenden Worten mit genau dieser Begebenheit konfrontierte, war sich Frank Henkel sicher: Das konnte nur der liebe Gott gewusst haben! Und der musste es dem Weihnachtsmann erzählt haben.

Der heutige Landesvorsitzende der CDU mochte den Weihnachtsmann dennoch. Als einige Mitschüler ihm später erzählten, dass es ihn in Wirklichkeit gar nicht gebe, mochte er es erst nicht wahrhaben. „Ich wollte, dass es ihn gibt“, erzählt Henkel heute in seinem Amtszimmer im Alten Stadthaus an der Klosterstraße in Mitte.

Die Geschenke seien natürlich nicht das Wichtigste gewesen, sagt Henkel. Wichtiger waren das Beisammensein und die harmonischen Tage mit der ganzen Familie. Seine Eltern hatten sich dennoch mächtig anstrengen müssen, um seine Wünsche stets erfüllen zu können. Denn die großen Packungen mit den Filzstiften und die Matchbox-Autos, die er sich so sehnlich wünschte, gab es in Ost-Berlin nicht. Was für ein Glück, dass Franks Oma als Rentnerin die Genehmigung erhalten hatte, für Ausflüge in den Westen zu fahren, sodass sie die ersehnten Modellautos besorgen konnte. „Ich hatte mir nie viel gewünscht“, erzählt Frank Henkel. „Was ich mir gewünscht habe, habe ich aber eigentlich immer bekommen.“

Zwei Tannen für einen Baum

Wichtiger war ihm aber die weihnachtliche Atmosphäre: die Lichterketten in dem katholischen Kindergarten, in den er gegangen ist, die Lieder, das Familienleben. Um halb sechs Uhr abends kamen die Großeltern in die elterliche Wohnung. Um sechs Uhr klingelte das Glöckchen und dann öffnete sich die Tür und da stand, genau, der Weihnachtsmann, der die Geschenke brachte, aber eben auch alles, wirklich alles über ihn wusste.

Den Weihnachtsbaum durfte Frank Henkel immer erst an Heiligabend sehen, wenn er schon fertig geschmückt war. Den Weihnachtsbaum? Nein, eigentlich waren es zwei. Denn die Bäume, die man in Ost-Berlin kaufen konnte, seien meist krumm und schief gewachsen gewesen. „Ich sehe meinen Vater heute noch mit dem Handbohrer vor mir, wie er die Bäume so zusammengesetzt hat, dass aus zwei krummen ein ansehnlicher Baum wurde“, erzählt Henkel. Zum Abendessen gab es meist, ganz klassisch, Würstchen mit Kartoffelsalat. „Meine Oma hatte da ein ganz besonderes Rezept.“ Gans gab es immer am ersten Weihnachtsfeiertag.

Ganz besonderes Weihnachten nach dem Mauerfall

Fest zum Programm gehörte schließlich auch der Kirchgang in die katholische Herz-Jesu-Gemeinde an der Fehrbelliner Straße in Mitte – bis zum Jahr 1981. Da erhielt die Familie die Erlaubnis, nach West-Berlin ausreisen zu dürfen. Er sei seinen Eltern bis heute unendlich dankbar, dass sie es ihm durch die Ausreise ermöglicht hätten, zu studieren und das Leben zu führen, das er führen wollte, sagt Henkel.

Die Herz-Jesu-Gemeinde aber, der Ort des Weihnachtsfestes, der Ort, an dem Frank Henkel den Kindergarten besucht hatte, fehlte der Familie. Nachdem am 11. November 1989 die Mauer gefallen war, stand für sie daher fest, wo sie Weihnachten feiern würde: in der Herz-Jesu-Gemeinde in Mitte. „1989 war für unsere ganze Familie ein ganz besonderes Weihnachten“, so der 51-Jährige.

Heute wohnt der Christdemokrat in Weißensee – und hat selbst einen Sohn. Die Bedeutung von Weihnachten habe der zweijährige Leopold noch nicht ganz erfasst, sagt der stolze Vater. Den Adventskalender, ein Weihnachtsbaum aus Stoff mit Taschen, in denen kleine Überraschungen sind, findet er aber schon richtig gut. Seinen Vater begrüßt Leopold nach dem Aufstehen, so gegen sechs Uhr morgens, jedenfalls freudig mit dem Ausruf: „Papa! Baum!“

Weihnachten vor allem als Papa

An die feierlichen Tage mit seinem Sohn denkt Frank Henkel nun schon seit Wochen. „Weihnachten habe ich jetzt mal drei Tage das komplette Programm mit ihm, da freue ich mich unendlich“, sagt der zeitlich arg beanspruchte Politiker. Er werde Leopold dann die Weihnachtsgeschichte vorlesen. Nein, natürlich werde sein Sohn den Inhalt nicht wirklich verstehen. Aber die Stimme des Papa und die feierliche Atmosphäre, all das werde das Fest auch für seinen Sohn zu einem ganz besonderen Ereignis machen. „Die Eltern, die Großeltern, alle sind beisammen. Diese Geborgenheit ist für Leopold wie eine Burg“, sagt er.

Statt in die Herz-Jesu-Gemeinde wird Familie Henkel mit dem Nachwuchs vermutlich eher in eine Kirche in der Nachbarschaft gehen. Auch der Weihnachtsmann ist, zumindest in diesem Jahr, nicht zu Gast. „Da würde Leopold vielleicht doch Angst bekommen“, vermutet Frank Henkel. In einigen Jahren würde der Berliner Innensenator aber gern an die Tradition seiner Kindheit anknüpfen und mit seiner Familie wieder in die Herz-Jesu-Gemeinde gehen. Dann soll auch der Weihnachtsmann wieder nach Hause kommen.

Frank Henkel wurde 1963 im damaligen Ost-Berlin geboren. 1981 wurde der Ausreiseantrag der Familie genehmigt, sie siedelte in den West-Teil der Stadt über. Henkel absolvierte eine Ausbildung zum Groß- und Einzelhandelskaufmann. 1985 trat er in die Junge Union ein. Der 51-Jährige ist seit 2008 Vorsitzender des CDU-Landesverbands und seit 1. Dezember 2011 Bürgermeister und Senator für Inneres und Sport des Landes Berlin.