Denk’ ich an Weihnachten...

Cynthia Barcomi - Ach, du heiliger Strumpf

Bei Cynthia Barcomi, Gründerin der gleichnamigen Kaffeehäuser, wird amerikanisch gefeiert. Das heißt: Erst am 25. Dezember gibt es Geschenke und ein großes Festtagsfrühstück – im Pyjama.

Foto: Amin Akhtar

Vorsichtig zupft Cynthia Barcomi dem Weihnachtsmann die allzu verfilzten Stellen aus dem buschigen Bart, dann streicht sie über seine Mütze. Das Gesicht von Santa Claus prangt auf dem tannengrünen Stoff des Weihnachtsstrumpfes. Es ist ein Filzaufnäher. „Diesen Strumpf habe ich mit meiner Mutter gemacht, als ich drei Jahre alt war“, erinnert sich Cynthia Barcomi, Besitzerin der Barcomi-Kaffeehäuser. „Meine Mutter hat ihn genäht, und ich habe die Aufnäher gebastelt.“

Solche Strümpfe gehören zu einem amerikanischen Weihnachtsfest, sie hängen am Morgen des 25. Dezember am Kamin, bis oben gefüllt mit Süßigkeiten und kleinen Gaben. Cynthia Barcomi ist Amerikanerin, ebenso ihr Mann Harvey. Jedes Familienmitglied hat seinen eigenen Strumpf, die Eltern, aber auch die beiden älteren Töchter Coco und Esmé, 21 und 26 Jahre alt, sowie der zehn Jahre alte Sohn Jaeger und die kleine Savoy, sieben Jahre alt. „Als ich klein war, hatte sogar unser Familienhund Penny seinen eigenen Strumpf“, erinnert sich Cynthia Barcomi versonnen.

Das Weihnachtsfest wird im Hause Barcomi in Zehlendorf amerikanisch begangen. Das bedeutet: Am 6. Dezember gibt es keine gefüllten Stiefel. „Aber wir haben eine nette Nachbarin, die die Kinder am Nikolaustag versorgt“, sagt die 51-Jährige. Auch an Heiligabend gibt es keine Geschenke – aber ein besonderes Essen, Raclette in diesem Jahr.

Und am 1. Weihnachtstag, den 25. Dezember, ist es so weit: Bescherung, Festessen – und eine kurze Nacht. Die Kinder springen früh aus ihren Betten und stürmen ins Wohnzimmer, aufgeregt und neugierig. Also müssen auch Cynthia Barcomi und Ehemann Harvey früh aus den Federn. „Wir haben zwar einen Kamin, aber wir sind so viele, dass dort nicht mehr all unsere Strümpfe Platz haben“, sagt die Unternehmerin. Also werden die Strümpfe auf das Sofa gestellt, die Geschenke darum herum drapiert.

Versteckte Geschenke

Mittlerweile merkt Cynthia Barcomi sich, wo sie die Geschenke versteckt hat. Das war nicht immer so. Rechtzeitig verteilte die vierfache Mutter die Gaben an verschiedenen Orten – und einmal fand sie einige nicht wieder. „Ich erinnerte mich nicht mehr, wo ich sie versteckt hatte“, sagt sie lachend, als sie sich an dieses Fest erinnert, an dem Ostern und Weihnachten zusammenkamen. Heute habe sie einen Ort, wo sie die Gaben hortet. Das schönste Geschenk, das Cynthia Barcomi selbst einst bekam, war eine Zitter. „Ich war sechs Jahre alt und hatte Masern.“ Gewünscht hatte sie sich das Instrument nicht, „doch es war magisch, ich weiß auch nicht, wieso“.

Cynthia Barcomi wuchs in Seattle auf, viel bastelte sie mit ihrer Mutter, die mittlerweile verstorben ist. „Wir haben zu Weihnachten gebacken und das Heim geschmückt, auch mit selbst gemachter Dekoration. Popcorn und Preiselbeeren haben wir aufgefädelt und fertig war die Girlande“, erinnert sie sich. Der Weihnachtsbaum wurde Mitte Dezember ins Haus geholt – wobei das Frauensache war. „Mein Vater, ein Anwalt, hat gearbeitet, und meine Mutter, ich und meine beiden älteren Schwestern haben den Baum aufgestellt.“ Ein tapferes Unterfangen, denn die Tanne war stets riesig. Heute ist sie die Mutter und bastelt, backt und dekoriert mit ihren Kindern. „Ich liebe es, wenn das Haus nach Gewürzen und Essen duftet.“

Und so ist es auch am 25. Dezember, dem großen Weihnachtstag, zum dem auch die Schwiegermutter aus Pittsburgh anreist. „Vor der großen Bescherung frühstücken wir lange und gemütlich“, erklärt Cynthia Barcomi. „Ein Geschenk dürfen die Kinder schon aufmachen, sonst können sie es nicht abwarten.“ Die 51-Jährige bereitet das perfekte Frühstück, Ehrensache für jemanden, der so grandios backen kann – schon als Dreijährige sagte sie ihre Lieblingsrezepte auswendig auf.

Zu ihrem Advent gehört vor allem ein Früchtekuchen, der auf dem Rezept ihrer Urgroßmutter Cora basiert. „Damit bin ich aufgewachsen, aber es gab in dem Kuchen immer Zutaten, die ich nicht mochte, etwa Zitronat.“ Als Cynthia im Alter von 16 Jahren auf das Internat „Emma Willard School“ in Troy im US-Staat New York nahe Boston ging, schickte ihr ihre Mutter den Früchtekuchen als kleinen Adventsgruß. „Auf einmal hatte der Kuchen eine besondere Bedeutung für mich, es war ein Stück zu Hause“, sagt Cynthia Barcomi, die den Früchtekuchen seither in jedem Advent zubereitet. Abgewandelt. „Ich habe die Dinge weggelassen, die ich nicht mag und die Zutaten zugegeben, die ich lecker finde, etwa getrocknete Ananas und Aprikosen.“ (Rezept siehe unten)

Am 25. Dezember kommt stets ein süßes Hefegebäck in Form einer Zuckerstange auf den Frühstückstisch, der Dresscode ist lässig. „Wir sitzen die ganze Zeit im Pyjama da“, erklärt Cynthia Barcomi. Wenn die Kinder mit den Geschenken spielen, macht sie sich an die Zubereitung des Festmahls. „Sehr gut vorbereitet“ sei sie, perfekt organisiert. Nur das spezielle Familien-Festessen gibt es noch nicht. Eine Gans wird es wohl nicht, denn nur wenige Wochen vorher feiern die Amerikaner Thanksgiving mit einem Truthahn. „Das ist uns zu ähnlich“, erklärt Barcomi. „Wir probieren noch aus und suchen unser traditionelles Festessen.“ Eins steht fest: Im Pyjama wird es nicht verspeist. Für den Schmaus machen sich die Barcomis schick, bevor sie schließlich gemütlich Weihnachtsfilme ansehen.

Ende Dezember fahren Cynthia Barcomi und ihr Mann, wie jedes Jahr, nach London – ohne Kinder. Und dann wird auch schon bald die Weihnachtsdekoration eingepackt, die Unternehmerin schlägt ihren 48 Jahre alten Weihnachtsstrumpf in Seidenpapier ein und legt ihn in einen Karton. Denn, so sagt sie: „Diese Strümpfe sind heilig.“

Cynthia Barcomi wuchs in Seattle/USA auf, studierte Philosophie und Theaterwissenschaft an der Columbia Universität in New York, arbeitete als Tänzerin, ging dann nach Berlin und machte hier ihre Leidenschaft – das Backen – zum Beruf. 1994 gründete sie in Kreuzberg „Barcomi’s Kaffeerösterei“, 1997 folgte in Mitte „Barcomi’s Deli“. Sie brachte mehrere Backbücher heraus, mit ihrer Tochter Esmé entwickelte sie 2009 eine eigene Serie von Küchenutensilien.

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