Um 21.15 Uhr gehen die Lichter in der O2 World aus, der Spot liegt auf einer Frau am Flügel, man hört nur Adel Tawils Stimme, „ich folge dir in die Dunkelheit“ singt er, dann fallen die schwarzen Bühnenvorhänge, der Bass wird lauter, Tawil steht im Lichtkegel – den Arm ausgestreckt – Kunstpause: Führ uns ins Licht!

Adel Tawil ist endgültig solo unterwegs. Für ihn und die Fans macht das eigentlich keinen Unterschied, schließlich war Annette Humpe, seine Partnerin bei Ich & Ich, nicht gerade eine Rampensau. Tawil ist es gewohnt, mehr oder weniger alleine im Rampenlicht zu stehen. So routiniert er auch ist, selbst Tawil hatte sich gewundert, als er beim Echo als „nationaler Newcomer“ gewann, sei es drum.

Es sind in etwa so viele Leute gekommen wie zu Andrea Berg, dem Bad Girl des Schlagers, weil sie ab und an Jungs auf den Mond schießen will. Bislang verstand man Adel Twail eher als den einfühlsamen Pop-Saubermann – er trägt keine kurzen Glitzerfummel und oben ohne ist er, wenn überhaupt, zuletzt Mitte der 90er während seiner Boygroupzeit aufgetreten. Berg verkauft die O2-Wold zwar zweimal aus, bei Tawil gibt es dafür gleich drei verschieden bedruckte Plastik-Tour-Becher.

Adel Tawil ist jetzt auch ein Bad Boy

Teilweise ist Adel Tawil jetzt auch ein Bad Boy, manche der neuen Stücke sind härter als das was die Fans von Ich + Ich gewohnt waren. Sprechgesang zu „Herzschrittmacher“, es dröhnt, die Sitze vibrieren. „Weinen" ist wieder ein Stück vom alten Kaliber, Romantik statt brennende Mülltonnen. „Willst du unbedingt nen Mann vor dir Weinen sehn?“ fragt Tawil. Nun, für die Mädchen hier müsste er nicht. Tawil soll nicht weinen, er müsste nicht gehen, nicht mal wenn er manchmal ausbricht aus dem sentimentalen Deutschpop.

Auf zwei Leinwänden kann man Tawil von Nahem sehen, er trägt einen Zipper mit rot blauem Muster, im richtigen Licht leuchten seine Sneakers im Dunkeln. Im Hintergrund füllt sich eine Pyramide mit Wasser, verwächst sich zum Baum und wird zum fluoreszierenden Dreieck. Der Song, den die Humpe Schwestern für Tawil geschrieben haben, heißt „Graffitti Love“ und passt zu den ominösen Hipster-Dreiecken. Rockgitarre, Berlin, Mauer, Hinterhöfe – soweit so gut. Dann Synthiegefrickel, ein DJ pitcht, einige sind vom elektronischen Finale überfordert: „Interessante Musik....“ hört man es aus dem Publikum raunen.

Dann der Hit. „Lieder“ – ein Stück, in das Liedzitate wie dieses: „Kurt Cobain sagte mir, ich soll kommen wie ich bin“, verarbeitet wurden. Wenig mysteriös, und doch existieren Internetseiten, auf denen diese Zitate „entschlüsselt“ werden. Es gibt einen ähnlichen Song von Weezer, „Heart Songs“, in dem schwärmt River Coumos ebenfalls von der Nirvana Platte. Ob dem Publikum hier alle beliehenen Songs geläufig sind? „Nevermind“, das Album haben wahrscheinlich nicht alle, die hier sind, im CD-Regal stehen, brauchen sie auch nicht, denn der Text zu „Lieder“ sitzt, einig steht, singt und klatscht die Halle. Die Handy-Taschenlampen leuchten auf, es schreit nach Feuerzeugen, aber die sind nur noch draußen auf der Raucherbalustrade erlaubt. Für das WM-Hymnen-Stadiongefühl sorgt Matisyahu, ein Reggae-Rapper aus Detroit, er ist extra eingeflogen, erzählt Tawil. Zusammen singen sie gegen Krieg und Waffen, die O2 World winkt sich ins Paradies. Vom Krieg zum Herzschmerz, aus „Paradies“ wird „No Woman No Cry“, Bob Marley, jetzt wird getanzt, die mit Tawils Portrait bedruckten Becher schwingen durch die Luft.

Als Zugabe kommt „Ascheflug“ – den Song singt er mit Sido und Prinz Pi. Die beiden sind nicht da, dafür läuft das Video zum Song auf der Pyramide. Im Text geht es um Drogen und wie die einem das Leben ruinieren können. Wenn Tawil den Refrain singt, „Du bist auf einem Ascheflug, hinter dir brennt alles nieder“, stieben Flammen über das LED-Dreieck. Ja, es gibt Applaus aber noch lieber hört man hier dem gefühlvollen Tawil zu, wenn es um Weinen und Lieben und die großen Emotionen geht. Wie heißt es doch beim Schlager: Herzschmerz hin und her, eigentlich ist doch alles gut. Oder wie Anette Humpe es formuliert: „So soll es sein, so kann es bleiben“. Das ist die Zugabe, sie wird bejubelt. Das Schlager-Pop-Prinzip funktioniert.