Grüne Woche

Wer vegan leben will, muss vor allem mal mixen

An ihren letzten Tagen widmet sich die Grüne Woche noch einmal einem besonderen Publikum: den Veganern. Ein Rundgang zeigt, worauf es bei der rein pflanzlichen Ernährung vor allem ankommt.

Foto: Amin Akhtar

Zwei Herren in bayerischer Tracht, die Arme auf dem Rücken verschränkt, spazieren um die Auslage von Kenan Kayis herum. Sie stellen sich auf die Zehenspitzen, um alles genauer zu inspizieren. „Was ist jetzt das?“, fragt der eine mit bayerischem Dialekt. „Ein veganer Döner“, sagt der andere. Skeptisch blicken sie zu dem hellbraunen Spieß, den Kayis gerade bearbeitet, und gehen weiter. An den veganen Bio-Döner wagen sie sich nicht heran.

Kenan Kayis, selbst seit mehr als 30 Jahren Vegetarier, macht seit neun Jahren die fleischlose Variante des Döners – mit großem Erfolg, wie er sagt. Auf Veranstaltungen könne er oft nicht mehr das Ende der Schlange sehen, erzählt er. Das Fleisch ersetzt er durch Seitan, ein Produkt aus Weizeneiweiß. Aber warum überhaupt so tun, als sei der Döner mit etwas zumindest in der Konsistenz Fleischähnlichem gemacht? „Wer jahrelang an Fleisch gewöhnt ist, den muss man behutsam an die Sache heranführen“, sagt der Türke, der in München lebt. Er wolle den Menschen eine Alternative geben.

Alternativen für einen fleischlosen, sogar tierproduktfreien Konsum – darauf legt die Grüne Woche, auf der sonst Wurst, Fleisch, Tiere und Milchprodukte in jeder Halle im Überfluss zu finden sind – der vegane Albtraum –, in den letzten drei Tagen der Messe einen Schwerpunkt. In Halle 26b, passenderweise gleich neben der Tierhalle mit süßen Kälbchen und rosa Ferkelchen, ist an diesem Tag die „Vdelicious“ gestartet, eine Messe für Vegetarier, Veganer und Menschen, die ihren Konsum tierischer Produkte reduzieren wollen.

Wer vegan leben möchte, sollte mixen

Eines lernt der Unwissende bei einem schnellen Rundgang sofort: Wer vegan leben möchte, sollte mixen. Roter Mangold mit Orange und Banane. Rote Beete, Cashewkerne und Avocado. An ihren Ständen demonstrieren die Hersteller das Leistungsspektrum ihrer Geräte. Zwischen 400 und 850 Euro kosten die angebotenen Mixer. Scharfe Messer, stumpfe Klingen. Vorwärtsdrehend, rückwärtsdrehend. Der Konkurrenzkampf ist groß. Die einen werben mit Tradition – „wir machen schon seit 30 Jahren Mixer für Rohkost“ –, die anderen mit Design.

Paul Wollersheim hat seine Geräte in Mailand entwerfen lassen. 32.000 Umdrehungen in der Minute, zwei PS Leistung. Sogar Avocadokerne sollen die Messer zerkleinern können. Wollersheim wirbt an seinem Stand mit dem veganen Innovationspreis, den er bereits mehrmals bekommen hat. „Ich bin authentisch, deswegen ist auch mein Produkt authentisch“, sagt der Veganer. Zur Authentizität gehört auch eine Geschichte. Wollersheim war 1996 schwer krank, erzählt er. „Mit Hilfe von veganer Ernährung habe ich mich zurückgekämpft.“ Lange war er dann auf der Suche nach einem passenden Mixer, mit dem er an die wichtigen Inhaltsstoffe aus Obst und Gemüse herankommen konnte.

Doch alles, was er auf dem Markt fand, war „hässlich und laut“. Seine Geräte sind bunt, relativ leise – und teuer. Wie eine vegane Ernährung ist der Kauf wohl eine Lebensentscheidung.

Auch ein bisschen Lifestyle

Neben der „Vdelicious“ hat an diesem Tag eine zweite Sonderschau begonnen: die „Allergy & Free From Show“. Für all diejenigen, die an Allergien und Unverträglichkeiten leiden. Ein herausforderndes Thema auf einer Messe, die sich dem genussvollen Schlemmen verschrieben hat. Die Europäische Stiftung für Allergieforschung hat ihren Stand, ebenso wie die Deutsche Zöliakie Gesellschaft und der Deutsche Allergie- und Asthmabund. Ein Stand verspricht, mit Tabletten Milchprodukte wieder verträglich zu machen. Hauptsächlich gibt es Flyer und Informationsbroschüren. Doch hier und da gibt es auch ein bisschen Lifestyle. Den Wohlfühlmoment. Zum Beispiel am Stand von Ulrike Ischler. Die Österreicherin verkauft Biokosmetik. Frei von Inhaltsstoffen, die sensible Haut reizen können, wie zum Beispiel Parabene, Duftstoffe oder Salicylate, ein Konservierungsstoff. Eine junge hübsche Frau wirbt auf einem Plakat für natürliche Schönheit.

Auch bei Ulrike Ischler gibt es die persönliche Geschichte. Ihr Mann erzählt sie, genauso die vorbereitete Pressemappe. Mitte 2012 diagnostizierte man bei ihr Fibromyalgie, eine chronische Erkrankung. Sie habe sich auf die Suche nach Pflegeprodukten gemacht, die auf ihre Bedürfnisse abgestimmt waren – und fand nichts. Ulrike Ischler machte sich selbstständig. Passenderweise war sie vorher in der Pharmabranche tätig, ihr Mann kommt aus dem PR-Bereich.