50 Jahre Mauerbau

Wie ein Mann vom Flüchtling zum Fluchthelfer wurde

In der Serie "50 Jahre Mauerbau" berichten Zeitzeugen über ihre Erlebnisse im geteilten Berlin. Peter Hohmann sprang erst an der Bernauer Straße über den Stacheldraht, dann holte er seine Schwester, seine Freundin und einen DDR-Grenzer nach.

Foto: M. Lengemann

Es ist wie das Geräusch von damals, dieses dröhnende Hämmern von Pressluftbohrern. Peter Hohmann und Ingeborg Hiekel-Henning stehen an der Bernauer Ecke Brunnenstraße. Genau dort, wo Hohmann am 14. August geflüchtet ist – und wo seine Schwester verzweifelt zurückblieb. Wie damals wird hier heute gebaut. Doch diesmal erweitern die Arbeiter nur die Gedenkstättenanlage der Stiftung Berliner Mauer. Für die Geschwister ist es die passende Kulisse für eine Reise in die Vergangenheit.

„Ich wohnte damals in Hohenschönhausen und arbeitete am Kurfürstendamm, im Hotel am Zoo“, erzählt der heute 69-jährige Hohmann, „ich war also ein Grenzgänger.“ In der Nacht zum 13. August zechte der junge Kellner mit seinem Freund und Kollegen Peter Schiemann in einer Kneipe gegenüber dem Theater des Westens. Mitten in der Nacht kamen Gäste herein, die aufgeregt erzählten, dass DDR-Grenztruppen die Grenze abriegeln. Die S-Bahn fahre schon nicht mehr. „Mein erster Gedanke war: Das wird eine Blockade wie 1948/49 sein.“ Mit einem Taxi fuhren die beiden Ost-Berliner zum Brandenburger Tor; im Tiergarten verbuddelten sie ihr Trinkgeld in Westmark. Dann passierten die Freunde die hell erleuchteten Stacheldraht-Sperren und liefen durch das Tor gen Osten. „Was für ein Fehler! Aber ich dachte, morgen wäre auch noch Zeit, sich abzusetzen.“

Am folgenden Tag jedoch war guter Rat teuer. „Dabei hatte ich genau einen solchen Rat schon Monate zuvor von Ludwig Erhard persönlich bekommen, aber leider nicht angenommen. Ich bediente den Bundeswirtschaftsminister oft im Hotel am Zoo, wo er in Berlin stets wohnte. Häufig brachte ich ihm auch Zigarren aufs Zimmer. Er meinte, ich solle doch bloß rüber in den Westen kommen.“

Zwar hatte der Hotelkellner schon mit diesem Gedanken gespielt, den entscheidenden Schritt aber immer wieder verschoben. Jetzt war der 19-Jährige abgeschnitten von seiner Arbeit. Vorbei schien die Zeit, da er während der Filmfestspiele Stars wie Gina Lollobrigida bediente, aber auch dem „Regierenden“ Willy Brandt oder Konrad Adenauer das Essen servierte. „Brandt kippte einen Kümmel nach dem anderen. Und den Platz des Kanzlers schmückte ich immer mit Rosen.“ Das alles sollte nun vorbei sein? Die Kino-Besuche am Kudamm, die Kaugummis und Tarzan-Hefte? Die Trinkgelder?

Daheim in Hohenschönhausen beriet er sich mit seiner Schwester. „Sie hatte einen Freund im Wedding und wollte ebenso flüchten wie ich.“ Die Geschwister fuhren zum Sophienfriedhof an der Bernauer Straße, dessen Mauer die Grenze zum Westen bildete. „Wir wollten darüber klettern. Um keinen Verdacht zu erregen, besorgten wir uns Blumen und gingen damit auf das Tor zu. Aber schon davor wiesen Grenzposten uns ab.“ Also weiter, zur Kreuzung Bernauer/Ecke Brunnenstraße. Hohmann wandte sich an einen der sechs Volkspolizisten, die breitbeinig auf der Brunnenstraße standen. „Ich behauptete, dass ich hier von meinem Weddinger Schwager seinen Hund übernehmen sollte. Eigentlich wollten wir dann gleich an den Grenzposten vorbeirennen, aber der Vopo ließ sich erst noch meinen Ausweis zeigen.“

In diesem Augenblick setzte hinter ihnen ein Mann zum Spurt an, im Zickzack durch die Sperren. „Der Vopo hinterher, meinen Ausweis immer noch in der Hand. Auch die anderen Grenzposten nahmen die Verfolgung auf.“ Peter Hohmann reagierte blitzschnell und sprintete los. Zurück blieb Ingeborg: „Auf einmal sah ich, wie Vopos einen Mann im hellen Trenchcoat festnahmen. Peter trug so einen Mantel!“ Entsetzt fuhr Ingeborg heim. „Ich heulte, bis am Nachmittag mein Freund vor der Tür stand – West-Berliner durften ja noch eine Woche nach dem 13. August in den Ostteil. Er bestellte mir Grüße von Peter!“ Einen hellen Trenchcoat hatte auch der Mann getragen, der als erster losgerannt war. Er hatte weniger Glück gehabt.

Beim nächsten Besuch brachte Ingeborgs Freund zwei Tage später den West-Ausweis einer Kollegin mit, die ihr ähnelte. „Peters Freundin Brigitte war Friseurin und machte mir die Haare zurecht wie auf dem Foto.“ Dann fuhr Ingeborg mit ihrem Freund zum S-Bahnhof Friedrichstraße. „Dort musste ich drei Kontrollen passieren.“ Ihr späterer Mann hatte seinen Hund dabei, der einen Maulkorb trug. „Um mein Gesicht zu verbergen, beugte ich mich immer wieder herunter und tat so, als säße der Beißschutz nicht richtig. Endlich konnten wir in die S-Bahn steigen und in die Freiheit fahren.“

Nun waren zwar die Geschwister glücklich vereint im Westen. „Brigitte mussten wir aber auch noch irgendwie herüberholen“, erzählt Hohmann. Er wohnte inzwischen am Gleimtunnel und stieg in der Bernauer Straße oft auf die Aussichtsplattform, um seiner Freundin wenigstens zuzuwinken. „Und dann verlobten wir uns: Eine befreundete Amerikanerin brachte ihr von mir den Ring, und so feierten wir eines Abends – ich auf dem Dachgarten des Hilton-Hotels in der Budapester Straße, sie auf dem Dachgarten des Hotels Stadt Berlin am Alex, jeder mit ein paar Freunden.“ Und mit sehnsuchtsvollen Gedanken, die über die stetig wachsende Mauer gehen.

Wenig später verabreden sich die beiden an der Grenze zwischen Neukölln und Treptow. Hohmann: „An der Heidelberger Ecke Elsenstraße stand noch keine Mauer, nur ein Zaun. Als wir uns dort trafen, kam ein Volkspolizist vorbei, den wir zufällig vom Tanzen kannten. Er hatte gesehen, dass Brigitte bis zu dem Hauseingang vorgelaufen war, der gleich an die Sperren grenzte – was für uns beide in Rufnähe, aber nur Hausbewohnern erlaubt war. Im nächsten Moment erkannte der Vopo mich auf der anderen Seite. Er war verblüfft und wollte wissen, seit wann ich denn im Westen sei.“

Peter Hohmann erzählte ihm von seiner Flucht und fragte, ob Brigitte am nächsten Abend um 18 Uhr wieder herkommen dürfe. Kurzes Kopfnicken. Das sei kein Problem, er habe dann wieder Dienst. „Brigitte informierte gleich meinen Freund Peter Schiemann.“ Es war der 5. Oktober 1961 und es dämmerte schon, als sich Hohmann von West-Berliner Seite aus mit einer großen Drahtschere am Zaun an der Heidelberger Straße einfand. An der verabredeten Stelle kam bald der Vopo auf seiner Streife vorbei: „Wenn ihr was vorhabt – ich will auch!“, rief er seinem Bekannten zu.

Hohmann begann sofort, den Stacheldraht zu zerschneiden. Ein kurzes Aufflammen seiner Zigarette war für Brigitte und Peter Schiemann, die im Hauseingang gewartet hatten, das Zeichen zur Flucht. „Sie liefen los, aber Brigitte stürzte. Ich zog sie durch das Loch im Stacheldraht zu mir herüber.“ In diesem Moment knallten Schüsse. Aber der Vopo hatte nur in die Luft gefeuert. Sofort darauf warf er die Waffe fort und folgte den beiden Flüchtlingen. „Wir alle konnten unser Glück kaum fassen. Gefeiert wurde bei mir zu Hause, Ingeborg war natürlich auch dabei.“ Kurz darauf bediente Peter Hohmann wieder einmal Ludwig Erhard. „Ich erzählte ihm, dass ich geflüchtet bin. Da schenkte er mir 20 Mark als Startgeld und gab mir wieder einen Rat: ,Immer schön sparen!' Daran habe ich mich bis heute gehalten.“