50 Jahre Mauerbau

Berlinerin robbt auf dem Bauch in die Freiheit

In der Serie "50 Jahre Mauerbau" berichten Zeitzeugen über ihre Erlebnisse im geteilten Berlin. Annemarie Salzmann hatte sich spontan zur Flucht entschlossen. Sie robbte 1962 nachts über ein einsames Feld. Dann kam plötzlich der Mond durch die Wolken.

Foto: Marion Hunger

Irgendwann ist es normal. Am Anfang aber hat sie „geschluckt“. Damals, am 2. Januar 1965, als sie mit Mann und Sohn nach Staaken zieht. Dass die neue Wohnung im Westen so dicht an der Mauer lieg, hat etwas Bedrohliches. „Später dann, je länger ich dort wohnte, habe ich mich daran gewöhnt“, sagt Annemarie Salzmann, die heute noch immer in der 2,5-Zimmer-Wohnung in Staaken wohnt und sich dort wohl fühlt. Die Hoffnung, dass sie mit ihrer Familie eines Tages doch noch einmal zusammenkommen würde, hat die heute 66-Jährige nie aufgegeben.

In einer Nacht- und Nebel-Aktion überwindet Annemarie Salzmann die Grenze und lässt sie ein für alle Mal hinter sich. Das ist die Nacht vom 23. auf den 24. März 1962 gewesen, als Annemarie es wagt und ein hohes Risiko eingeht. Sie ist gerade einmal 17 Jahre alt. „Heute würde ich das nicht mehr machen, aber wenn man jung ist, überlegt man nicht lange.“ Ihr Entschluss steht damals schnell fest. Sie will weg – in den Westen, mit ihrem Verlobten Wolfgang Salzmann. Sie, die gern mit Kindern arbeitet und Kindergärtnerin werden will, hat es satt, den Kleinen den Kommunismus zu erklären. Wolfgang Salzmann, der Verlobte, will nicht zum Militär. „Keiner hatte Lust zu bleiben“, erinnert sich Annemarie Salzmann. Den Fluchtplan „baldowert“ sie mit ihrem Verlobten und dessen Freund Schicki in einer Milchbar in Pankow aus. „Das war nur wenige Monate nach dem Mauerbau im Jahr 1961“, erinnert sie sich. Der 13. August 1961 hat ihnen Angst gemacht. Annemarie Salzmann arbeitet damals als Küchenhilfe in einem Ferienheim in Eberswalde. Dort lernt sie den Rettungsschwimmer Wolfgang Salzmann kennen. „Wir hatten erst gar nichts mitgekriegt. Doch als wir am 13. August aus dem Radio erfuhren, dass Berlin abgeschottet war und keiner mehr von Ost nach West und umgekehrt durfte, herrschte im Ferienheim ein Riesenaufruhr.“ Die Kinder aus Westdeutschland geraten in Panik. Sie haben Angst, nicht mehr nach Hause zu kommen.

Sieben Monate später – am 23. März 1962 – fassen sich Annemarie und Wolfgang Salzman ein Herz und setzen den Fluchtplan um.

Das junge Mädchen wohnt noch bei ihrer Mutter in Heinersdorf. Am 23. März fährt die Mutter nach Dessau, die Tochter bringt sie zum Bahnhof – verschweigt jedoch ihren Fluchtplan. „Sie hätte mich zurückgehalten, weil sie Angst um meinen Bruder hatte, der als Nationalhandballer beim Dynamo Polizeiverein spielte. Der hätte Schwierigkeiten bekommen“, sagt Annemarie Salzmann. Der 23. März ist ein Sonnabend. Das junge Mädchen und ihr Verlobter müssen warten, bis es dunkel wird. Um sich die Zeit zu vertreiben, gehen die beiden ins Kino. „Ich war so aufgeregt. Ich habe von dem Film gar nichts mitbekommen.“ Nach dem Film eilen sie nach Hause, holen zwei dunkle Overalls und Handschuhe. Annemarie Salzmann zieht mehrere Kleidungsstücke übereinander an. „Sonst haben wir nichts mitgenommen.“ Mit der Straßenbahn fahren sie nach Rosenthal, steigen eine Station vor der Endhaltestelle aus. Quickborner- Ecke Wilhelmsruher Damm ist ein Feld. Dort wollen sie die Grenze überwinden. Sie ziehen die Overalls an, legen sich auf den Bauch und robben los. Es ist Mitternacht, der Himmel ist bedeckt. Es ist kalt. Sie hören die Grenzposten, das Hundegebell.

Dann reißen die Wolken auf, der Mond kommt raus. „Was glauben sie, was ich für eine Angst hatte. Schrecklich! Wolfgang, der schon 18 Jahre alt war, wäre wegen Fahnenflucht und Entführung Minderjähriger rangekommen.“ Doch sie haben Glück. Nach einer Viertelstunde schieben sich die Wolken wieder vor den Mond. Die Dunkelheit ist zurückgekehrt. Die beiden Flüchtlinge robben weiter. Stacheldrahtzaun und Stolperfallen überwinden sie mühelos. Doch dann tut sich ein Wassergraben vor ihnen auf. Er ist einen Meter breit, aber zugefroren. Aber wenn das Eis bricht? Der Belastung nicht standhält? Stillschweigend einigen sie sich darauf, es zu versuchen. Wolfgang Salzmann hangelt sich als erster rüber – es klappt. Annemarie Salzmann kommt hinterher. Anschließend müssen sie noch zwei Stacheldrahtzäune überwinden. Mit ihren Handschuhen ziehen sie den Draht auseinander – „ha, und dann waren wir im Westen“.

Es ist drei Uhr. Mitten in der Nacht. Annemarie und Wolfgang Salzmann stehen auf einem Kohlenplatz. In einem Haus sehen sie Licht, klopfen an die Fensterscheibe. Die Bewohner sind überrascht: „Wo kommen sie denn her?“ Im Haus werden Annemarie und Wolfgang Salzmann mit Obst bewirtet. Doch vor lauter Aufregung kriegen sie nichts runter.

Der Weg aus der DDR nach West-Berlin war hart, doch das Gefühl von Freiheit will sich bei Annemarie und Wolfgang Salzmann nicht so recht einstellen. Polizei, Aufnahmelager in Marienfelde, Verhöre durch die Alliierten. Die Mutter des jungen Mädchens drängt darauf, dass ihre Tochter zurückkommt – der Sportkarriere des Bruders wegen. „Wir sind dann aus Berlin ausgeflogen worden und landeten im Durchgangsheim in Ludwighafen“, erinnert sich die heute 66-Jährige. Wolfgang und Annemarie Salzmann heiraten im September 1962. Im Januar 1963 kommt Sohn Manfred auf die Welt. Im Herbst 1963 gehen sie nach Berlin zurück. Nach einem Zwischenstopp in Moabit landen sie im Januar 1965 in Staaken. Dort ist die Odyssee zu Ende. 1970 darf ihre Mutter, die inzwischen Rentnerin ist, ihre Tochter besuchen.