50 Jahre Mauerbau

Eine jahrzehntelange Trennung war unvorstellbar

In der Serie "50 Jahre Mauerbau" berichten Zeitzeugen über ihre Erlebnisse im geteilten Berlin. Ursula Rahn erlebte den 13. August 1961 auf dem Pariser Platz. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass die Teilung jahrzehntelang währen würde,

Foto: Amin Akhtar

Ihre Mutter weckte sie ungewöhnlich früh an diesem Sonntagmorgen. Dabei war Ursula Brendler, wie sie damals noch hieß, erst am Vormittag mit ihrer Freundin Bärbel verabredet. Sie wollten eine Radtour machen – zum Brandenburger Tor und durch den Tiergarten. Doch ihre Mutter kam um sechs Uhr morgens in ihr Zimmer und redete sofort aufgeregt los. „Im Radio sagen die, dass die Staatsgrenze gesichert wird! Fahrt bloß nicht zum Brandenburger Tor.“

Die 18-jährige Ursula, die beim VEB Deutsche Spedition Berlin „Verkehrskaufmann“ lernte, hörte nicht auf ihre Mutter. Schnell zog sie sich an: „Wie ich zu Bärbel gekommen bin, weiß ich gar nicht mehr. Doch mit dem Bus sind wir dann direkt zum Brandenburger Tor gefahren.“ Gegen 9.30 Uhr trafen die Freundinnen dort ein. Wo heute wieder das Hotel Adlon steht, hatten sich Grüppchen von Menschen aus dem Ostteil der Stadt gebildet. „Weiter kam man nicht“, erinnert sich Ursula. Ungläubig schaute Jung und Alt Richtung Brandenburger Tor. Auch Ursula und Bärbel reihten sich ein.

Vor dem Tor liefen Soldaten der Nationalen Volksarmee hin und her. Auch die Volkspolizei war dabei und bildete eine Kette. „Eine Art Sperrkette. Wir waren ganz verdattert und harrten erstaunt aus. Was passiert dort, was machen die da eigentlich? Niemand wusste, was da vor sich geht.“ Plötzlich wurde hinter den Soldaten Stacheldraht quer über die Straße ausgerollt. Eine riesige Rolle – 60 Zentimeter hoch. Den Soldaten – alles junge Männer – war es sichtlich peinlich. Ursula fasste sich ein Herz: „Was macht Ihr da?“ Die Antwort kam prompt. „Wir bauen hier eine Grenze“, rief einer der Uniformierten. Und ein anderer: „Das ist nötig, wir müssen ab heute den antifaschistischen Schutzwall bauen.“

„Niemand wollte das wirklich glauben“, fasst Ursula Rahn das damalige Gefühl zusammen. Noch absurder kam den beiden Freundinnen die Situation vor, als sie plötzlich sahen, wie eine Gruppe schick angezogener junger Leute vom Westen durch das Brandenburger Tor in den Osten wollte. „Ganz beschwingt, eine junge Frau im blauen Abendkleid mit Blumenstrauß, die Jungs in dunklen Anzügen. Das hat sich mir ins Hirn gebrannt“, sagt Rahn. „Mein Gott, schoss es mir damals durch den Kopf. Die haben im Westen gefeiert und wollen jetzt nach Hause.“ Auch Ursula hatte ja gerade erst noch geplant, mit Bärbel in den Tiergarten zu fahren. Die junge Frau rief den Soldaten noch scherzend zu: „Wat macht Ihr denn da?“ Dann raffte sie ihr blaues Kleid und stieg lachend über den Stacheldraht. Soldaten halfen ihren Freunden und ihr. Aus der Menge der Schaulustigen schrie einer: „Bleibt doch drüben, wer weiß, was noch passiert?“ Doch die Gruppe lief kichernd weiter. Ursula Rahn wundert sich noch heute, dass sie ebensowenig wie die jungen Leute den Ernst der Lage erkannte. „Wir waren eher amüsiert. Dabei war der 13. August längst durchorganisiert.“

Wenige Minuten später tauchte ein Wasserwerfer am Brandenburger Tor auf. „Das riesige Gefährt war laut von der linken Seite angerollt gekommen. Wir dachten, es stellt sich Richtung Westen, denn da war ja der Feind.“ Dann lief ein Raunen durch die Reihen, als der Wasserwerfer sich zu ihnen drehte und die Wasserkanone gen Osten richtete. „Ich war, wie alle anderen um mich herum, wie gelähmt. Ich hatte noch nie einen Wasserwerfer gesehen. Keiner muckte auf.“

Wie ernst die Lage wirklich war, verstand Ursula zwei Tage später, am Dienstag, dem 15. August. In der Berufsschule waren alle aufgeregt, Unterricht fand an diesem Tag nicht statt. Die Schüler sprachen mit ihren Lehrern über die Situation. „Die waren ja auch nicht alle überzeugt“. Niemand glaubte daran, dass die Grenzsperre zum Dauerzustand werden soll. 14 Tage vielleicht! Doch dann stand plötzlich ihre Mitschülerin Sieglinde im Flur und weinte, ja heulte. Sie war schon verlobt, mit einem jungen Mann aus Gatow. Immer wieder sagte Sieglinde denselben einen Satz: „Ich hab' doch noch so viele Hemden von ihm zu Hause.“ Ursula konnte ihn nie vergessen. „Es war erschütternd. Da war mir klar, es gibt kein Zurück.“

28 Jahre später, als die Mauer fällt, hatte sich Ursula längst mit der Grenze arrangiert. Sie hatte im Verkehrswesen, im Außenhandel, im Schiffskommerz und bei der Defa gearbeitet. „Dort wurde das Sandmännchen gedreht und die Wochenschau ,DerAugenzeuge'. Da arbeitete ich sehr gern.“ Sie heiratete, bekam 1969 ihre Tochter Steffi, zog nach Rostock. „Für meine berufliche Entwicklung war die Staatsgrenze nicht störend. Ich gebe auch gern zu, ich hielt den sozialistischen Weg für den richtigen. Dennoch habe ich auch gedacht, dass eine Grenze mitten durch ein Land politisch nicht gut ist.“ 1986 zog sie mit Steffi wieder zurück nach Berlin und fand eine Wohnung in Marzahn.

Und wie hat Ursula Rahn 1989 erlebt? Sie lacht. „Den 9. November habe ich gar nicht bewusst mitbekommen. Das war mir zu aufregend.“ Erst am nächsten Tag im Büro erfuhr sie eher zufällig, dass die Mauer gefallen war. Eine Freundin rief an: „Weißt du, wo der Jan heute Nacht war? Am Kurfürstendamm. Die Grenze ist doch auf.“ Ursula Rahn fiel aus allen Wolken. Im Nachhinein sagt sie, dass die Einheit gut war, auch wenn sie ihr persönlich Arbeitslosigkeit brachte. „Ein Volk ist eben ein Volk.“ Ursula Rahn lebt heute immer noch in Marzahn.

Am heutigen Sonnabend um 19.30 Uhr berichtet in der „Abendschau“ der Feuerwehrmann Werner Grützmann von seinen Einsätzen bald nach dem Mauerbau.