50 Jahre Mauerbau

Ostberliner wurde Imker wider Willen

In der Serie "50 Jahre Mauerbau" berichten Zeitzeugen über ihre Erlebnisse im geteilten Berlin. Nach dem Mauerbau musste sich Jürgen Raddatz plötzlich um die Bienenvölker eines ehemaligen Nachbarn kümmern – insgesamt 13 Jahre lang.

Foto: Massimo Rodari

Wenn Jürgen Raddatz über sein unfreiwilliges Hobby redet, benutzt er immer die Einzahl. „Die Biene, ja, die hat einem schon ganz schön was abverlangt“, sagt er zum Beispiel. Ganz so, als handele es sich nur um ein einziges, etwas störrisches Haustier. Dabei hatte er zu Spitzenzeiten etwa eine Million Bienen in seiner Obhut. 20 Völker schwärmten zuletzt über der Kleingartenkolonie Dreieck Nord in Heinersdorf aus. Dann befreite sich Raddatz von der Imkerei, die ihm der Mauerbau aufgezwungen hatte.

„Ende August 1961 erhielt mein Vater einen Brief aus dem Westen“, erinnert sich Raddatz. Ein flüchtiger Bekannter meldet sich und mutet Familie Raddatz einiges zu: Als West-Berliner könne er sich ja nicht mehr um seine acht Völker in der Ost-Berliner Kleingartenkolonie kümmern. Ob nicht die Möglichkeit bestehe, die Bienenstöcke zu übernehmen, heißt es in dem Brief. Und so wird Jürgen Raddatz, gerade 20, zum Imker. Dabei hatte er doch ganz andere Dinge im Kopf. Kino zum Beispiel, bevorzugt Western oder Piratenfilme. Mit Leichtigkeit zählt er die Namen der Lichtspielhäuser auf, die im Westen die große weite Welt von Hollywood auf die Leinwand brachten: Vineta, Atlantic, Fox, Alhambra, Prinzenpalais. Das waren die Orte, die ihn von Prenzlauer Berg in den Westen lockten.

Auch am 12. August 1961, einem Sonnabend, machen sich Jürgen Raddatz und seine Verlobte Ruth zu Fuß auf den Weg zum Gesundbrunnen. Zunächst zu den „Ramschbuden“ an der Bernauer Straße, um sich mit „Jerry Cotton“-Heftchen einzudecken, die im Osten als „Schundromane“ verboten sind. Dann weiter zum „Bilka“-Kaufhaus und in Modeläden: Anständige Schuhe gibt es da, eine Levis-Jeans für 50 Westmark oder eine Lederjacke für 105 Westmark. Schließlich besuchen sie das Kino Atlantic. „Ich glaube, an dem Abend haben wir uns ,12 Uhr mittags' mit Gary Cooper und Grace Kelly angeschaut“, erinnert sich Raddatz. Nach dem Westernklassiker kehrt das Pärchen spätabends heim in den Osten. Nichts deutet darauf hin, dass sie für lange Zeit das letzte Mal die Sektorengrenze passieren.

„Junge, die haben die Grenze dicht gemacht!“ Mit diesen Worten weckt ihn am folgenden Morgen gegen zehn Uhr sein Vater. „Ich bin sofort mit dem Motorrad zur Eberswalder. Vater hatte leider Recht“, sagt Jürgen Raddatz. Volkspolizisten und Schaulustige stehen sich dort gegenüber, der Übergang ist provisorisch mit Stacheldraht abgeriegelt. „Ein erschreckendes Gefühl. Die Situation war zwar schon vorher angespannt, aber das hatte keiner erwartet. Da habe mich mir schon die Frage gestellt, warum ich nicht vorher abgehauen bin“, sagt Raddatz. Ein Fluchtversuch kommt für ihn dennoch nicht infrage. Zuerst will er sein Abendstudium zum Ingenieur abschließen. Dann kommt schon die sEinberufung zum Wehrdienst. Und schließlich sind da noch die Bienen.

„Wir wollten die Tiere nicht umkommen lassen. Mit der Zeit haben mein Vater und ich sogar gewissen Ehrgeiz entwickelt.“ Er wälzt Fachbücher, lässt sich von Experten über Tricks und Kniffe aufklären, opfert seine Freizeit. Er lernt Begriffe wie Schwarmstimmung oder Hochzeitsflug und lernt, dass man die Völker nicht sich selbst überlassen kann. „Von Februar bis September waren die Wochenenden völlig im Eimer. Die Biene braucht ständig neue Weideplätze, immer eine neue Blüte“, sagt Raddatz. Die Stiche, die er sich bekommt, kann er bald nicht mehr zählen.

In manchen Sommern hungern die Tiere, müssen dann mit Zuckerwasser gefüttert werden. Auch Ruth, mit der er inzwischen verheiratet ist, hat zu leiden. „Es war entsetzlich. Die Bienestöcke standen direkt neben dem Garten-WC. Ich habe mich dann immer mit einem Topfdeckel gegen die Bienen abgeschirmt“, sagt sie. Immerhin einen kleinen Lohn gibt es für die Mühen: Rund 100 Ostmark kann man im Jahr pro Volk verdienen – durch den Verkauf des Honigs und durch Prämien, die Bauern für die Bestäubung ihrer Felder zahlen. 1974 aber ist Schluss, Raddatz verkauft seine Völker an einen Kollegen. „Ich war einfach zu jung für die Imkerei. Nach 13 Jahren hatte ich es dicke.“ An seine Bienenzeit erinnert nur noch ein „Raucher“, mit dem sich aggressive Insekten beruhigen lassen.

Wem genau die Völker ursprünglich gehörten, das weiß Jürgen Raddatz heute nicht mehr. Der Brief aus West-Berlin stammte von einem ehemaligen Nachbarn in der Kolonie. Doch als die Mauer immer höher, riss der Kontakt ab. Nach der Wiedervereinigung recherchierte Raddatz, erkundigte sich bei der Verwaltung, fragte in Heinersdorf herum – mit mäßigem Erfolg. „Schlump oder Schlumpf, das war wohl sein Name“, sagt er. Mehr weiß er nicht.

Seinen Kleingarten im grünen Berliner Norden hat der 70 Jahre alte pensionierte Ingenieur noch immer, ein schmuckes Einfamilienhaus steht mittlerweile auf dem Grundstück. Die Bienenstöcke sind dagegen längst verschwunden. An die Stelle der aufreibenden Imkerei sind Oldtimer getreten. In Raddatz' Garage parkt heute ein grasgrüner Trabant 601, ein schnittiges Cabrio, Baujahr 1989. Daneben eine Jawa 350, ein altes tschechisches Motorrad. Die alten Motoren summen und surren – genau wie damals die Bienen. Nur drohen keine Stiche mehr.