50 Jahre Mauerbau

Wie aus einer DDR-Flucht ein Drehbuch wurde

In der Serie "50 Jahre Mauerbau" berichten Zeitzeugen über ihre Erlebnisse im geteilten Berlin. Im letzten Moment flüchtet Manfred Roseneit aus der DDR – vor den Augen eines Filmteams.

Foto: M. Lengemann

Unaufhörlich trommelt der Regen auf das Zeltdach, über dem Campingplatz von Binz hängen graue Wolken. Manfred Roseneits Zuversicht, dass dieser trostlose Sommer auf Rügen doch noch schön werden könnte, schwindet täglich. Mit seinem Transistorradio, für 100 Mark in West-Berlin gekauft, empfängt der 22-Jährige den Deutschlandfunk. Der Wetterbericht meldet Sonnenschein im Norden Skandinaviens. Aber wie soll er dorthin kommen, als Ost-Berliner?

Tagträume auf der klammen Luftmatratze: Wie das wohl wäre - in Saßnitz die Fähre nach Trelleborg zu nehmen, und dann weiter zum Polarkreis! In seinem Zelt kommt sich Roseneit wie ein Gefangener vor. Die Träumerei wird immer wieder unterbrochen – dröhnende Motoren-Geräusche von Militärfahrzeugen sind zu hören. „Auf einmal gab es massive Truppenbewegungen auf der Insel“, erzählt der heute 72 Jahre alte Rentner in einem Steglitzer Lokal. Parallel verkündet der RIAS steigende Zahlen von flüchtenden DDR-Bürgern.

Roseneit ist beunruhigt. Er will zurück zu seiner Familie, schnell. Er schnürt das Zelt auf seinen Motorroller und fährt im Dauerregen nach Berlin. Wieder zu Hause in Altglienicke: Die Sonne scheint an diesem Morgen des 13. August 1961. Endlich. Roseneits Schwester hämmert an die Zimmertür ihres Bruders. „Steh auf, die machen die Grenze zu West-Berlin dicht!“

Minuten später erreicht der junge Mann die Schleichwege des kleinen Grenzverkehrs nach Rudow. Entsetzt sieht er, wie Stacheldraht ausgerollt wird. „Jetzt bist du hier eingesperrt“, schießt es ihm durch den Kopf. Und seine Arbeit? Als Grenzgänger prüft er bei einer Charlottenburger Firma Fernseh-Röhren.

„Ich wollte unbedingt rüber, jetzt gleich“, erzählt Roseneit. Nun muss er einen anderen Weg finden. Die Kiefholzstraße, Ecke Dammweg fällt ihm ein. Dort, in Treptow, ist er als Junge oft mit dem Fahrrad gewesen. Nun fährt er mit dem Motorroller hin. „Eine Straßenseite bildete die Grenze zu Neukölln. Am Dammweg war die Straße abgeriegelt worden – nur ein kleiner Fußweg führte noch von Ost nach West.“ Roseneit verharrt vor dem Stacheldraht, überlegt verzweifelt, was er machen soll.

Auf der westlichen Seite stellt ein Filmteam gerade seine Kamera auf. „Ja, dachte ich, filmt nur, was die mit uns hier machen!“ Sein Blick wandert zur Lücke in der Grenze, durch die er in die Freiheit laufen könnte. Aber er hat nichts dabei, keine wichtigen Unterlagen, keine persönlichen Dinge. Roseneit fährt noch einmal zurück. In Altglienicke sitzt die Mutter im Garten und stopft Socken, als ihr Sohn auf sie zustürmt. „Mutti, ich muss gehen!“ Manfred Roseneit schießen Tränen in die Augen, als er sich an das Schluchzen seiner Mutter erinnert. „Blitzschnell packte ich dann meine Papiere zusammen. Mein Radio nahm ich auch mit.“ Wieder in Treptow, glaubt er seinen Augen nicht zu trauen: Die letzte Lücke ist inzwischen auch dicht. Voller Panik fährt er mit dem Motorroller zu den nahen Laubenpiepern, sein jüngerer Bruder Joachimsitzt hinter ihm. Er überlegt, ob er mit in den Westen geht, ringt noch mit sich - er ist frisch verliebt. In einem Garten entdecken die beiden einen hochgebogenen Drahtzaun. Manfred Roseneit robbt in die Freiheit. Bruder Joachim bleibt zurück.

Mit der S-Bahn fährt er zu seiner Patentante nach Friedenau, bei der er unterkommt. Im Herbst wechselt der Rundfunkmechaniker seine Arbeitsstelle und geht zu Bosch, wo er elektronische Anlagen prüft. „Beruflich lief es bestens, aber meine Familie vermisste ich sehr.“

Vier Monate nach seiner Flucht bekommt Roseneit, inzwischen West-Berliner, von einem Bekannten den Tipp, doch mal ins Kino zu gehen. Er sei in der UFA-Wochenschau zu sehen, die damals noch vor jedem Film läuft. „Vier Monate nach meiner Flucht sah ich in einem Rückblick zum 13. August in Überlebensgröße mein verzweifeltes Gesicht“, erinnert sich Manfred Roseneit. Er nimmt Kontakt zur Ufa auf, wird sofort zu neuen Wochenschau-Aufnahmen nach Hamburg eingeladen. „Im ersten Bericht war ich nur der unbekannte junge Mann aus dem Osten“, sagt er. Im zweiten Film schildert er die Umstände seiner Flucht.

Und das tut er heute noch, als Mitglied der Zeitzeugen-Börse. „Ich gehe in die Schulen, um Geschichte lebendig zu machen.“ Der engagierte Rentner bedauert, dass die Nachfrage ausgesprochen gering sei. Aber er ist auch beliebt: „Sehr interessiert sind dagegen immer die Abitur-Klassen einer Wiesbadener Schule, die ihre Abschluss-Fahrt regelmäßig nach Berlin machen. Ich zeige denen den Ufa-Film und gehe mit ihnen ins Mauer-Museum“, sagt der heute 72 Jahre alte Rentner.

In der Hauptstadt und in Brandenburg wüssten die meisten Schüler dagegen fast nichts über ihre jüngste Geschichte, meint Roseneit kopfschüttelnd. Steigt auf seine schwere Boxer-BMW und fährt davon.

Am heutigen Donnerstag um 19.30 Uhr berichtet in der „Abendschau“ Peter Hohmann, wie ihn Ludwig Erhard zur Flucht ermutigte.