50 Jahre Mauerbau

West-Berliner gehen gegen West-Berliner vor

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Andrea Kolpatzik

Foto: M. Lengemann

In der Serie "50 Jahre Mauerbau" berichten Zeitzeugen über ihre Erlebnisse im geteilten Berlin. Wilfried Mommert demonstrierte nach dem Tod Peter Fechters 1962 vor dem Checkpoint Charlie – und wurde von der West-Berliner Polizei vertrieben.

Wilfried Mommert drückt und schiebt, doch er kommt nicht voran. Er steckt fest, zwischen den beiden deutschen Staaten. Eingeklemmt zwischen Ost und West. Menschenmassen drängen sich durch den schmalen Durchgang in der Invalidenstraße, blockieren sich gegenseitig. Alle wollen raus aus der DDR. Schnellstmöglich. Nur Wilfried Mommert möchte an diesem 9. November 1989 nach Ost-Berlin. „Der Reflex des eingemauerten West-Berliners“, sagt der heute 66 Jahre alte Journalist.

Die DDR ist kaum gegründet, da führte die Freie Deutsche Jugend (FDJ) die Blauhemden ein. Kinder in Uniform? „Nicht noch einmal!“, beschließen Wilfried Mommerts Eltern. Sie flüchten mit dem damals sechsjährigen Sohn aus Nauen nach Spandau, West-Berlin. Nationalsozialismus und Hitler haben die Eltern geprägt. Sie wollen die Freiheit kein zweites Mal verlieren. Am 13. August 1961 passiert es wieder. Wilfried Mommert, inzwischen 16 Jahre alt, ist noch im Halbschlaf, als er die Nachricht von der Schließung der innerdeutschen Grenze hört. Das Brandenburger Tor werde abgeriegelt, heißt es in den Nachrichten. Es ist Sonntag. Die Familie ist erst in der Nacht aus den Ferien im Sauerland zurückgekehrt. Doch für Wilfried Mommert ist schnell klar: „Da muss ich hin! Da ist was los!“ Am späten Vormittag eilt er zum Brandenburger Tor. Grenzsoldaten mit Maschinenpistolen, Stacheldraht, Absperrungen und Wasserwerfer. „Ich war völlig von den Socken. Was ist jetzt los? Ist jetzt Krieg?“, erinnert sich Wilfried Mommert.

Entsetzt verfolgt der Jugendliche die Abriegelung der Grenze. Versucht, die Ereignisse zu begreifen. Irgendwann kommt die Wut. Mit anderen West-Berlinern fordert er: „Werft die Waffen weg! Stacheldraht weg!“ Und direkt an die DDR-Grenzsoldaten gerichtet: „Schämt euch!“ Wilfried Mommert bleibt den ganzen Tag vor dem Brandenburger Tor. Erst abends diskutiert er seine Erlebnisse mit der Familie. Die Eltern und die fünf Brüder sind sich einig: Der Bau einer Mauer mitten durch Berlin – unvorstellbar. „Wir dachten, es sei eine vorübergehende Sperrmaßnahme“, erinnert sich Wilfried Mommert. Ein Irrtum. Die Familie ist nun in West-Berlin von den Verwandten abgeschnitten. Wochenendausflüge zu ihnen nach Grünau – „unsere zweite Heimat“ – sind nicht mehr möglich. „Wir fingen an, uns im Kreis zu drehen“, erinnert sich Mommert. Die Wut des West-Berliners auf das SED-Regime wächst. Auch auf die Amerikaner, denn „die taten ja nichts“.

Am 17. August 1962 dann der Tod Peter Fechters. In der Zimmerstraße unweit des Axel-Springer-Verlags erklimmt der 18-Jährige die Mauer. Ohne Vorwarnung eröffnen die DDR-Grenzsoldaten das Feuer. Der Flüchtling fällt auf die Ost-Berliner Seite, liegt über eine Stunde verletzt im Todesstreifen – bis er schließlich verblutet ist. „Diese Eindrücke ließen mich nicht mehr los“, sagt Mommert. Unter die Hilflosigkeit Mommerts, ebenfalls fast 18 Jahre alt, mischen sich Wut und Empörung: „Es war unfassbar, dass mitten in der Stadt ein Junge einfach so verblutet.“ Wilfried Mommert mischt sich am Grenzübergang Checkpoint Charlie unter die Demonstranten, brüllt: „Mörder, Mörder!“ Er sieht, wie Jugendliche Volkspolizisten mit Steinen bewerfen. Die Grenzsoldaten der DDR wehren sich mit Tränengas. Die West-Berliner Polizei beendet die Auseinandersetzung schließlich. Mit Wasserwerfern und Gummiknüppeln drängt sie die Demonstranten auseinander. West-Berliner gegen West-Berliner – „das war der eigentliche Schock“.

Dann kommt die Gewöhnung. Wilfried Mommert arrangiert sich mit der Mauer, dem eingeschränkten Leben in West-Berlin. Er heiratet und bekommt zwei Kinder. Nach seiner Lehre zum Verlagskaufmann beim Ullsteinverlag volontiert er bei der Nachrichtenagentur dpa, wird Kulturjournalist.

Erst am 9. November 1989 kehrt die Freiheit zurück. Die Pressekonferenz von Günter Schabowski verfolgt Mommert gelangweilt zu Hause in Frohnau. Seine Schwiegereltern sind zu Besuch, der Fernseher läuft nebenbei. Irgendwann fallen die entscheidenden Worte: „Ab sofort“, stammelt Schabowski. Die DDR hat ein neues Reisegesetz, doch Mommert glaubt ihm nicht: „Was redet der da für ein wirres Zeug?“ Vor Mitternacht fährt er doch an die Grenze. In die Invalidenstraße, nicht ans Brandenburger Tor. Zu gefährlich. „Das war kein ordnungsgemäßer Übergang“, sagt Mommert. „Da bin ich Preuße.“ Die Grenze in der Invalidenstraße kennt er, hat sie beruflich oft passiert. Hier macht er als Privatmann den ersten Schritt nach Ost-Berlin.