50 Jahre Mauerbau

Wie ein Feuerwehrmann unter Beschuss Leben rette

In der Serie "50 Jahre Mauerbau" berichten Zeitzeugen über ihre Erlebnisse im geteilten Berlin. Der Feuerwehrmann Werner Grützmann half vielen fluchtwilligen DDR-Bürgern.

Foto: Massimo Rodari

Auf dem Straßenpflaster schlagen Farbbeutel auf. Hosen und Jacken der Feuerwehrmänner werden bespritzt. Doch das ist nichts, von dem sich die jungen Uniformierten aufhalten lassen würden. Die 16 Feuerwehrmänner aus West-Berlin ziehen unbeirrt das Sprungtuch stramm. Der Mann, der einige Meter über ihren Köpfen im Fensterrahmen hockt, zögert nur noch kurz, bevor er sich einen Ruck gibt und springt – voller Angst und Hoffnung.

Szenen wie diese in der Harzer Straße spielen sich für Werner Grützmann in den Tagen und Wochen nach dem 13. August 1961 mehrfach und ähnlich ab. Grützmann ist zu dieser Zeit Oberfeuerwehrmann in West-Berlin. Einige Male muss er anrücken, um Flüchtenden, die von Ost nach West wollen, beizustehen. Aus den Obergeschossen der schon verrammelten Grenzhäuser in die Freiheit springen sieht leicht aus – und kann doch ohne die Unterstützung der Feuerwehr tödlich enden. „Wurden wir zu diesen Einsätzen gerufen, sind wir stets ohne Blaulicht und Fanfare gefahren. Es kam nicht selten vor, dass uns trotz aller Vorsicht schon die Volkspolizisten der DDR auf der anderen Seite erwartet haben.“

Dann bleibt es nicht bei den von den Dächern geworfenen Farbbomben. Bei einigen Hilfsaktionen fallen auch Warnschüsse – abgegeben von den Vopos. „Gezielt auf uns angelegt haben die aber nicht, eher in die Luft geschossen“, so sein Eindruck. „Zum Glück waren wir auch nicht auf uns allein gestellt. Männer der West-Berliner Polizei hielten uns jedes Mal den Rücken frei. Haben teils auch mit gezückter Waffe in der Hand Posten bezogen.“ So ist die Stimmung an der Grenze Mitte August 1961: Polizei muss Feuerwehrleute schützen, die verzweifelten Menschen helfen wollen.

Grützmann kennt beide Gesichter Berlins. In Friedrichshain geboren und aufgewachsen, zieht er im Alter von zehn Jahren mit seiner Mutter zum Stiefvater nach Neukölln. Die Grenzen und ideologischen Schranken, die die Stadt mehr und mehr zerschneiden, nimmt der Junge zwar wahr. Aber er lässt sich davon nicht aufhalten. Als er die Chance hat, eine Ausbildung als Werkzeugmacher in Ost-Berlin zu bekommen, greift er zu. „Die Betriebskantine im Osten bot eindeutig das bessere Essen“, erinnert sich Grützmann schmunzelnd. „Die Russen haben zu dem Zeitpunkt nicht schlecht für die Berliner in ihrem Sektor gesorgt“, ist sein Eindruck. Dass ein Teil seines Lehrlingsgehaltes in Ost-Mark ausgezahlt wird, ist für Grützmann, Jahrgang 1931, kein Problem. Lebensmittel, auch andere Waren des täglichen Bedarfs, kann der Lehrling für wenig Geld in Ost-Berlin unproblematisch besorgen.

Mit typisch jugendlichem Hang zur Provokation eckt Grützmann an seiner neuen Arbeitsstätte allerdings wiederholt an. Als die DDR-Zeitung „Junge Welt“ ein Bild von Erich Honecker, dem damaligen Vorsitzenden der Jugendorganisation Freie Deutsche Jugend (FDJ) und späteren DDR-Staatschef, abdruckt, schneidet der Geselle kurzerhand das Foto aus, heftet es an die Wand seines Betriebskabuffs und setzt dem „Genossen“ ein selbst gefaltetes „Teufelshütchen“ auf. Seine Kollegen lassen beides hängen.

Wenige Jahre später drückt Grützmann noch einmal die Schulbank und lässt sich in West-Berlin zum Feuerwehrmann ausbilden. Ab 1956/57 fährt er seine ersten Einsätze. Bald bestimmen Selbstmörder, Unfallopfer, Ermordete, Verletzte und alle Arten von Bränden seinen beruflichen Alltag. Dass Grützmann das Zeug zum guten Feuerwehrmann hat, steht schnell fest. „Benötigt jemand Hilfe, darf man sich nicht von eigenen Emotionen aufhalten lassen, sondern muss schnell reagieren“, sagt er. Das kann er, und so wird er schon nach kurzer Zeit zum Oberfeuerwehrmann befördert. „Die Arbeit bei der Feuerwehr war für mich immer mehr als nur ein Broterwerb. Das ist eben kein Beruf, sondern eine Berufung“, bilanziert der Rentner heute nach mehr als 35 Jahren als Lebensretter und Brandbekämpfer.

Ein Einsatz an der Grenze sticht aus Grützmanns Erinnerungen heraus. Am Teltowkanal, 27. Dezember 1962. „Bitterkalt war es. Die Temperaturen lagen bei minus 11 Grad “, weiß er noch. In dieser Winternacht werden die Männer der Feuerwache Britz (heute Buckow) alarmiert. „An der Späthbrücke stationierte Polizisten hatten die Hilfeschreie eines Mannes gehört und vermuteten ihn irgendwo verletzt am Ufer des Teltowkanals.“ Grützmann und seinen Kollegen ist klar, dass es sich eigentlich nur um einen gescheiterten Fluchtversuch handeln kann.

„Um die Grenzsoldaten auf der anderen Seite des Kanals nicht aufzuschrecken, haben wir uns bewusst ohne Handscheinwerfer auf unserer Seite durch die Uferböschung geschlagen“, sagt Grützmann. Nicht eine Sekunde zögert er, als er eine hilflose Person auf der Kanalseite gegenüber liegen sieht. Er lässt ein Schlauchboot zu Wasser. Gemeinsam mit einem jungen Kollegen paddelt er vorsichtig ans andere Ufer. Das Bild der Wassertropfen, die an der Schlauchboothülle fast sofort zu kleinen Eiszapfen gefrieren, steht vor seinen Augen. „Ich wusste, wenn wir nicht sofort reagieren, kann der Mann sterben.“

Die Handgelenke des Mannes, der auf der Böschung liegt, sind verletzt. Grützmann tippt auch auf Prellungen an seinem Körper. Mit Hilfe der beiden Feuerwehrleute kann er sich trotz allem fast allein ins Schlauchboot ziehen. Dann stößt das Boot leise ab – ohne Aufmerksamkeit zu erregen. Bald ist klar, was geschehen ist: Der 36-jährige Horst K., von Beruf Artist, wollte zu seinem Vater fliehen, der am Hermannplatz wohnte. An der damals noch nicht gekappten Hochspannungsleitung über den Teltowkanal versuchte er sich entlang zu hangeln. Doch irgendwann verließen ihn die Kräfte, er stürzte ab. „Sein Glück, dass er auf die weiche Uferkante gefallen ist. Beim mindestens acht Meter tiefen Fall hätte er sich ohne weiteres das Genick brechen können“, sagt Grützmann. Er hat genug Stürze gesehen, um das zu beurteilen.

Das Happy End bleibt allerdings aus. Ein halbes Jahr später erfahren die Retter, dass Horst K. in den Osten zurückgekehrt sei. „Er scheint auch im Westen keinen Fuß auf den Boden bekommen zu haben“, glaubt Grützmann. Erst 48 Jahre nach dem Vorfall am Teltowkanal erfährt der einstige Helfer die Details. „Aus Sehnsucht nach Sohn und Frau, die noch in der DDR lebten, ist er zurückgegangen. Er kam für zwei Jahre ins Gefängnis, bevor er schließlich von der Bundesrepublik freigekauft wurde.“ Ein Schicksal, so typisch für diese Zeit, sagt Grützmann.

Am heutigen Sonntag um 19.30 Uhr berichtet in der „Abendschau“ Dieter Weber, wie er Betonplatten zu Mauerbaustellen fuhr.