50 Jahre Mauerbau

Für jede Fünf in Russisch gab es eine West-Mark

In der Serie "50 Jahre Mauerbau" berichten Zeitzeugen über ihre Erlebnisse im geteilten Berlin. Die Schülerin Renate Reich hasste die SED-Propaganda. Ihr Vater holte sie nach West-Berlin – doch die Mutter blieb zurück.

Foto: Amin Akhtar

Renate Reich sagt es ihrem Russisch-Lehrer direkt ins Gesicht: „Was Sie hier mit uns machen, erinnert mich an die Nazizeit!“ Sie kennt Dokumentarfilme aus den Hitlerjahren. Sie sieht die Parallelen, und sie kann die Phrasen dieses Mannes nicht mehr hören. Ost-Berlin, Mitte der 50er-Jahre. Schon als Kind steht sie auf Kriegsfuß mit den Kommunisten. Die Wut der Schülerin aus Prenzlauer Berg ist weit größer als die Angst vor Konsequenzen. Sie erscheint nie zum Fahnen-Appell, ist weder bei den Jungen Pionieren noch in der FDJ. Stattdessen geht sie in die Kirche. Der Vater, der in Wedding wohnt, belohnt seine Tochter für jede Fünf in Russisch mit einer West-Mark.

Die Rektorin handelt schließlich. Sie will das aufsässige Mädchen in ein staatliches Erziehungsheim stecken. Doch Renate Reichs Mutter warnt: Der Vater würde seine Tochter in diesem Fall sofort zu sich nach West-Berlin holen. „Damit war die Sache erledigt. Aber als ich den Antrag für die Oberschule ausfüllte, zerriss mein Russisch-Lehrer den Zettel: Für solche Subjekte wie mich gäbe die DDR kein Geld“, erzählt die heute 67 Jahre alte Rentnerin aus Blankenfelde. Eine bittere Erfahrung: Schließlich will Renate Reich später nach West-Berlin und Lehrerin werden. Nun macht die 14-Jährige beim Mitropa-Friseur am Bahnhof Friedrichstraße eine Lehre. „Aber ich plante, im Januar 1962 in den Westen zu gehen. Dann war ich 18, wollte mein Abi nachholen und studieren.“

Mit dem Mauerbau am 13. August 1961 drohen ihre Träume zu platzen. Dabei ist sie noch am Tag zuvor bei ihrem Freund am Fehrbelliner Platz gewesen. „Leider fuhr ich nachts mit der U-Bahn nach Ost-Berlin zurück.“ Der Zugverkehr verlief planmäßig. Noch. Erst am nächsten Morgen hört sie im Radio von der Abriegelung des Ostteils. „Ich war panisch – nun schien ich für immer getrennt vom Vater und von meiner ersten Liebe.“ Doch das Mädchen erinnert sich an den 17. Juni 1953, den Tag des Aufstands der Arbeiter in der DDR. Renate Reich ist damals neun Jahre alt, will ihren Vater besuchen, der am Gesundbrunnen eine Druckerei besitzt. „Von der Husemannstraße lief ich immer zum Übergang Bernauer Straße. Aber an diesem Tag waren die Grenzen vorübergehend dicht.“ Ein Volkspolizist empfiehlt ihr, zur Kremmener Straße zu gehen, einer Parallelstraße der Bernauer. Dort könne sie über die Höfe in den Westteil gelangen. „Das klappte auch.“

Am 13. August 1961, acht Jahre später, versucht sie es wieder. Vergeblich. Überall Betriebskampfgruppen. Verzweifelt fährt sie zu ihrer Mutter in die Charité. Die ist am Bein operiert worden und hat gerade Besuch von ihrem Ex-Mann – als West-Berliner darf er noch einige Tage über die Grenze. „Mach dir keine Sorgen, ich hol dich rüber“, beruhigt Fritz Reich seine aufgewühlte Tochter. Ihre Mutter, die mit gesundem Bein gleich mitgekommen wäre, sagt: „Wenn Papa das schafft, dann gehst du!“ Renate Reichs Freund Manfred besorgt sich den Ausweis einer Bekannten. Er gibt die Papiere dem Vater seiner Freundin, der den Stempel des Ausweises fotografiert und in seiner Druckerei kopiert. Anschließend tauscht er das fremde Passbild gegen ein Foto von seiner Tochter aus.

Am 15. August 1961 ist es dann soweit. Es dämmert schon, als Vater und Tochter zur Harzer Straße laufen. Ein Übergang, der Fritz Reich weniger gefährlich als andere erschien: Im schwachen Schein einer Laterne steht ein einzelner Grenzposten, der nur einen flüchtigen Blick in die Ausweise wirft. Geschafft. Die Reichs sind in Neukölln. Ein paar Schritte weiter fallen sich Vater und Tochter wie erlöst in die Arme. „Nun mussten wir noch meine Mutter in den Westen holen.“

Der Bruder ihres Vaters besitzt ein Casino in der Hasenheide. Eines Abends hört er, wie sich ein Gast damit brüstet, Ost-Berliner mit ausländischen Pässen nach West-Berlin zu holen. Kurz entschlossen nimmt der Onkel Kontakt zu dem Fluchthelfer auf. Zwei Tage vor Weihnachten steigt die Mutter von Renate Reich am Bahnhof Friedrichstraße mit einem schwedischen, professionell gefälschten Ausweis in die Bahn und fährt zu ihrer Tochter nach Steglitz. Heiligabend ist die Familie wieder vereint.

Zu Renate Reichs Glück fehlt jetzt nur noch das Abitur. „Aber für die Abendschule war keine Zeit, ich musste Geld verdienen“, erzählt sie. Dennoch erfüllt sich ihr Traum – sie wird Religionslehrerin.

Ihre Mutter hingegen holt die Vergangenheit ein. In Düsseldorf findet 1968 eine Papierwaren-Messe statt, die Inhaberin eines Schreibwaren-Ladens will hin. Statt wie andere Flüchtlinge nach Westdeutschland zu fliegen, nimmt sie das Auto. „Sie glaubte, seit ihrer Flucht sei genug Zeit vergangen“, erinnert sich Tochter Renate Reich.

Die Volkspolizei am Grenzübergang Dreilinden ist anderer Meinung. Gertrud Reich kommt in Ost-Berlin ins Gefängnis, wird depressiv und schwer herzkrank. Nach neun Wochen kauft die Bundesregierung sie frei. Doch die damals 44-Jährige erholt sich nicht, wird zwei Jahre später Frührentnerin. Die Erinnerungen bewegen Renate Reich noch immer: „Von all diesen Erlebnissen in der DDR würde ich sehr gerne in Schulen als Zeitzeugin erzählen.“

Am heutigen Montag um 19.30 Uhr berichtet in der „Abendschau“ Peter Guba, wie er als Volkspolizist heimlich an Grenzübergängen filmte.