50 Jahre Mauerbau

Für den Mauerbau 16 Stunden Beton transportieren

In der Serie "50 Jahre Mauerbau" berichten Zeitzeugen über ihre Erlebnisse im geteilten Berlin. Diesmal geht es um Dieter Weber, der frischen Beton für die Grenzsperrung an die Chausseestraße transportierte – und 16 Stunden am Stück fuhr, um den Plan zu erfüllen.

Foto: Reto Klar

Urlaubsende, endlich. Dieter Weber ist erleichtert. Der 13. August 1961 ist sein letzter Tag auf Usedom. Nach einer Woche Dauerregen in Bansin freut er sich fast auf seine Arbeit beim VEB Bautransporte. Der 23-Jährige schnürt mit seinen Freunden gerade die nassen Zelte zusammen, als er im Radio die Nachrichten hört und erschrickt. Die Grenze zwischen Ost- und West-Berlin wird abgeriegelt?

Schon am nächsten Morgen wünscht er sich an die Ostsee zurück. Der junge Kraftfahrer, der sich immer geweigert hat, in die SED einzutreten, muss nämlich mittun beim Mauerbau. „Als ich in Oberschöneweide meinen Laster holen wollte, um am Bau des Schönefelder Kreuzes weiterzuarbeiten, bekam ich einen anderen Auftrag. Ich sollte Beton vom Mischwerk in Friedrichshain zur Chausseestraße in Mitte bringen.“

Dort, nahe dem U-Bahnhof Schwarzkopfstraße, geht der 73-jährige Rentner ein halbes Jahrhundert später über einen kleinen Parkplatz. „Da stehen ja noch Mauerteile!“ Wenige Meter vor den mit Graffiti besprühten Segmenten schweift sein Blick suchend über den Boden. Nur ein paar Sekunden. Dann zeigt er auf eine längliche, unebene Stelle. „Hier, der helle Betonstreifen, der ist von uns. Das Fundament der Pfosten des Stacheldrahtzauns.“

Drei Tonnen schafft sein Laster, etwa zwei Kubikmeter Beton, normalerweise. „Aber bald quetschte ich noch einen halben Kubikmeter mehr drauf, um den Plan zu erfüllen, sonst hätte ich die Jahresendprämie nicht bekommen. Schließlich lief alles auf Akkord. Lohn der Angst sagten wir immer.“ Zwölf Stunden dauert sein normaler Arbeitstag. Beim Mauerbau fahren Weber und seine Kollegen bis zu 16 Stunden. Bis zur Erschöpfung pendeln sie zwischen Friedrichshain und Mitte. „Jeder von uns solange, wie er eben gerade konnte.“ Die Volkspolizei hat an der Chausseestraße Zelte aufgestellt. „Dort schenkte man zum Durchhalten Tee mit Rum aus. Das heißt, eher war es Rum mit Tee.“ Leicht beschwipst sei er meistens gewesen auf seinen Touren. „Dazu bekamen wir Unmengen Fliegerschokolade mit viel Koffein.“ Zwei Tage geht das so, dann kehrt wieder der Alltag ein: Das Schönefelder Kreuz wird weitergebaut. Weber ist froh, dass er nicht mehr an die Grenze muss.

Das SED-Regime spannte Dieter Weber zum Mauerbau ein. Acht Jahre zuvor aber war er schon auf der Stalinallee mitmarschiert, als 14-jähriger Maurerlehrling am 17. Juni 1953. „Ich hatte gerade angefangen zu lernen, baute mit am neuen Bettenhaus im Krankenhaus Friedrichshain.“ Morgens rufen die Gesellen dazu auf, sich an einer Demonstration zu beteiligen. Schon länger schwelt in der DDR eine wirtschaftliche und politische Krise. Nun sind auch noch die Arbeitsnormen um zehn Prozent erhöht worden.

Die Stimmung ist aufgeheizt. Dieter Weber hat Angst, weigert sich mitzugehen. Die Gesellen drohen dem schmächtigen Jungen. „,Wenn du nicht mitmachst, hauen wir dich mit dem Weichmacher tot!' So nennt man das Werkzeug, mit dem man den Mörtel umrührt. Da gab ich nach.“ Aus allen Bezirken strömen Zehntausende ins Regierungsviertel. Als die Arbeiter an der Wilhelmstraße ankommen, hat der Lehrling seine Furcht längst vergessen. Mit Steinen wirft er auf die Panzer, die plötzlich vor ihm stehen. „Dann hörten wir, vorne am Brandenburger Tor habe es Tote gegeben.“

Der Zorn entlädt sich nun noch gewaltiger. Panik erfasst Dieter Weber. Er kämpft sich durch die brodelnde Menschenmenge, flüchtet sich an der Leipziger Straße in einen Hauseingang. Von dort geht es heim zu seiner Mutter. Er ahnt nicht, dass er gerade vor dem Gebäude stand, in dem er bald arbeiten wird, als Fahrer des Presseamtsleiters beim DDR-Ministerpräsidenten.

Mit dem Mauern ist es nämlich schon 1954 vorbei. „Ich hatte immer wieder Sehnenscheidenentzündungen.“ So wird er zunächst Hilfsarbeiter beim Verlag Neues Deutschland, fährt mit Lastwagen nach Sachsen, um Druckpapier nach Berlin zu schaffen. „Ich hatte ja mit 15 Jahren noch keinen Führerschein, aber einer der Fahrer ließ mich auf der Autobahn immer ans Steuer. Der hielt dann ein Nickerchen.“ Erst kurz vor Berlin wechselten die beiden die Plätze.

Und dann landet er an der Leipziger Straße, in jenem Haus, in dessen Eingang er sich am 17. Juni geflüchtet hatte. „Vier Jahre nach dem Aufstand suchte man dort Kurierfahrer. Aber bald bekam ich einen viel besseren Posten: Der Fahrer des Presseamtsleiters ging in Rente, und man wollte es mal mit mir versuchen.“ So fährt der 19-Jährige stolz eine sowjetische Limousine. Meist geht es zum ZK der SED oder zur Volkskammer.

Die Kollegen sind nicht nur neidisch, sondern auch neugierig. „Wie alt bist Du? Wen fährst Du denn? Bist Du Genosse?“ Weber antwortet auf die letzte Frage stets ausweichend. Sein Chef lässt ihm einige Monate Zeit, doch Weber denkt nicht daran, in die SED einzutreten. Im März 1958 muss er kurz nach der Rückkehr von der Leipziger Messe die Aufgabe an einen „Genossen“ abtreten. „Auftrag des ZK der SED“, sagt der Presseamtsleiter. Sein Auto müsse ein Parteimitglied steuern. Aus der Traum. Weber kündigt noch am selben Tag. Die nächsten drei Jahre sitzt er bei der Grenzpolizei hinter dem Steuer, diesmal fährt er Armeelaster, chauffiert aber auch einen Hauptmann.

Als er mit seiner Freundin ins Kino geht, trifft er ausgerechnet seinen Vorgesetzten. „Ich hatte Zivilkleidung an, obwohl wir Grenzpolizisten eigentlich immer Uniform tragen mussten. Der Hauptmann hat mich furchtbar zusammen gestaucht. Darauf sagte ich ihm, er sehe in seiner Offiziers-Uniform ja adrett aus, aber meine hässliche, khakifarbene Grepo-Kleidung – da würde ich mich vor meiner Freundin schämen.“ Tatsächlich hat sein Chef ein Einsehen: Weber bekommt für seine Freizeit sogar eine „ständige Zivilgenehmigung“.

Glücklich geht auch ein riskanter Kinobesuch im Wedding aus. Kurz vor dem Mauerbau trifft er sich mit seinem Bruder zur Nachtvorstellung in der Brunnenstraße. „Ich als Grepo im West-Kino!“ Prompt sieht er einen Volkspolizei-Gehilfen, der in seinem Haus wohnt. „,Ach, du Scheiße, da steht Otto', sagte ich erschrocken zu meinem Bruder. Aber der verblüffte Otto wollte nur eins wissen: ,Bleibste im Westen, oder gehste zurück zu deiner Mutter?' Ich wollte ja sowieso zurück. Aber wenn er mich verpfiffen hätte, wäre ich in den Knast gewandert.“

Im Mai 1961 ist das Kapitel Grenzpolizei für Dieter Weber endlich abgeschlossen. „Zum Glück habe ich den Mauerbau nicht als Grepo erlebt, Das hätte ich noch schlimmer gefunden als Beton zur Grenze zu fahren.“ Ein Jahr lang fährt er noch für den VEB Baubetonwerke, wird dann Krankentransporteur. In den 70er-Jahren fährt er für einen Stahlbau-Betrieb. „Dort arbeitete ich 16 Stunden, wie beim Mauerbau, 150 Überstunden im Monat. Meine Tochter sah ich nur schlafend.“ Seit 55 Jahren sitzt Dieter Weber mittlerweile hinter dem Steuer, bis heute unfallfrei.

Aber nicht nur darauf ist er stolz. Er hat sich nicht verbiegen lassen. Nie. Auch nicht, als in den 80er-Jahren der sowjetische Staatschef Leonid Breschnew Marzahn besuchte, wo ich damals wohnte. „Unser Stasi-Nachbar klingelte, drückte mir eine rote Fahne in die Hand, die ich aus dem Fenster hängen sollte.“ Weber gibt sie ihm gleich wieder: „Ich bestimme, wann ich eine Fahne raushänge!“ Am 4. November 1989 ist er mitten im Geschehen, als sich auf dem Alex eine Million Menschen versammelt. Das Regime steht kurz vor dem Kollaps. Wenige Tage später macht er sich mit Werkzeug auf zur Bernauer Straße. „Ich haute mir ein großes Stück Mauer heraus, vier Meißel sind zu Bruch gegangen.“ Der Brocken liegt bei ihm im Wohnzimmerregal. Tellergroß.