Am 20. September wird in Berlin gewählt. 17 verschiedene Parteien stehen zur Wahl. Neben den etablierten Großparteien wie CDU, Linke, SPD, Grüne, und AfD sind in Berlin durchaus die Klein- und Kleinstparteien beliebt. Das sind die Parteien, die entweder unter fünf Prozent oder sogar unter einem Prozent Zustimmung liegen.

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Oftmals werden diese Parteien in Umfrage- und Wahlergebnissen unter „Sonstige“ zusammengeführt. Nach derzeitigen Umfragen, knapp vier Wochen vor der Wahl, liegen die kleineren Parteien zusammengerechnet bei rund sieben Prozent.

News zur Berlin-Wahl 2026

Dieser verhältnismäßig hohe Zuspruch in Berlin liegt laut Dr. Jan Philipp Thomeczek am sogenannten Metropolen-Effekt. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Vergleichende Politikwissenschaft an der Universität Potsdam und Experte für Parteien- und Wahlforschung – darunter auch Kleinparteien.

„In Berlin gibt es eine sehr heterogene Bevölkerung. Allein schon innerhalb der Bezirke“, so Thomeczek. Durch diese Kleinteiligkeit nimmt Berlin eine gewisse Sonderrolle ein. Die Menschen würden, im Gegensatz zu Mecklenburg-Vorpommern oder Sachsen-Anhalt, auch auf viele verschiedene Aspekte Wert legen. Diese würden wiederum bei kleineren Parteien aufgegriffen.

Berlin-Wahl 2026: Stimme für kleinere Parteien stärkt womöglich indirekt etablierte Parteien

In Berlin gebe es viele Menschen, die nach ihren persönlichen Präferenzen wählen, so Thomeczek. Wem etwa Tierschutz wichtig sei, wähle wahrscheinlich die Tierschutzpartei. „Das macht auch Sinn, denn bei Wahlen geht es auch immer um Zukunftschancen.“ So bekommen Parteien, die gut abschneiden, aber trotzdem nicht ins Parlament einziehen, mitunter mehr Geld in der Wahlkampfkostenerstattung.

Dennoch gilt: Wer eine Partei wählt, die es nicht ins Parlament schafft, stärkt mit seiner Stimme alle anderen Parteien. „Also die, die ich eigentlich nicht gewählt habe“, erklärt Thomeczek.

Berlin-Wahl: Fünf-Prozent-Hürde und Drei-Prozent-Hürde

Je mehr Parteien mit unterschiedlicher Ausrichtung in einem Parlament sitzen, desto schwerer können die Abgeordneten Entscheidungen treffen. Deshalb gibt es bei Bundestags- und Landtagswahlen eine Sperrklausel: die Fünf-Prozent-Hürde. Hat eine Partei weniger Zuspruch, bekommt sie keinen Platz im Parlament.

Anders ist es bei Kommunalwahlen, etwa den Wahlen zu den Bezirksverordnetenversammlungen (BVV) in Berlin. In diesem Fall gilt nur eine Drei-Prozent-Hürde. Dadurch sollen auch kleinere Parteien und Politikeinsteiger eine Möglichkeit haben, in die BVV einzuziehen.

Für die übrigen Parteien werde es so einfacher, die erforderlichen Mehrheiten zu bilden. Für Wählende ergebe sich ein strategisches Dilemma. Als aktuelles Extrembeispiel nennt der Experte Sachsen-Anhalt. Dort wird am 6. September, kurz vor Berlin, ein neues Landesparlament gewählt. Schaffen es die kleineren Parteien nicht ins Landesparlament, wird die AfD höchstwahrscheinlich die absolute Mehrheit haben. Wählerinnen und Wähler der Kleinparteien würden also noch genauer überlegen, wen sie mit ihrer Stimme unterstützen wollen.

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Wahlverhalten: Stimme für kleinere Parteien stärkt nicht automatisch die AfD

Thomeczek erklärt aber auch, dass Wählerinnen und Wähler mit einer Stimme für Kleinparteien, die es nicht über die erforderliche Hürde schaffen, nicht automatisch die AfD stärken. „Die Parlamentssitze werden unter weniger Akteuren aufgeteilt. Jeder bekommt ein Stückchen mehr. Ähnlich wie bei einem Kuchen“, veranschaulicht der Experte. Bei einzelnen Wahlen habe die eigene Wahlentscheidung daher durchaus Einfluss auf Mehrheiten.

Abgeordnetenhaus-Wahl
Am 20. September stehen in Berlin die Wahlen zum Abgeordnetenhaus und zu den Bezirksverordnetenversammlungen an. © Britta Pedersen/dpa | Britta Pedersen

Als Wissenschaftler spricht Jan Philipp Thomeczek keine Wahlempfehlungen aus. Jeder müsse sich selbst überlegen, welche Partei er mit einer Stimme unterstützen möchte. „Man sollte die Partei wählen, der man sich inhaltlich am nächsten fühlt“, so der Experte. Auch wenn das Kleinstparteien sind, die womöglich nicht ins Abgeordnetenhaus oder in die BVV kommen. Gleichzeitig warnt Thomeczek davor, zu sehr auf aktuelle Wahlumfragen zu schauen. Diese würden oftmals missinterpretiert.

Die Spitzenkandidaten bei den BVV-Wahlen 2026 in allen Berliner Bezirken

Neue Studie: Wahlumfragen beeinflussen Entscheidungsverhalten der Wähler stark

Gemeinsam mit zwei weiteren Kollegen hat Thomaczek in einer noch nicht veröffentlichten Studie untersucht, wie sich Wahlumfragen auf die Parteien auswirken, die bei einer Zustimmung von rund fünf Prozent liegen. Untersucht wurde das auf Basis der Bundestagswahl im vergangenen Jahr. Die Studie liegt der Morgenpost vor und soll demnächst in einem Fachartikel erscheinen.

Gegenüber der Morgenpost teilt Thomeczek aber schon jetzt eine zentrale Erkenntnis: Es ist für Sympathisanten einer Partei ein sehr großer Unterschied, ob eine Partei in den Umfragen zwischen vier und fünf oder fünf und sechs Prozent liegt. Dabei könne der Wert aufgrund der statistischen Unsicherheit eigentlich gar nicht so genau beziffert werden. In beiden Fällen sei es laut Thomeczek sehr gut möglich, dass die Partei entweder unter oder über fünf Prozent liegt. „Das ist eine Chance von jeweils 50 Prozent“, so der Experte.

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Das passe zu Erkenntnissen aus bisherigen Beobachtungen. „Wenn Umfragen zeigen, dass es für eine Partei knapp werden könnte oder eben auch nicht, dann reagieren die Menschen darauf“, schreibt etwa die Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung. Thomeczek hat diese Beobachtung jetzt wissenschaftlich untersucht. Auch er sagt: Wer in Umfragewerten sieht, dass die fünf Prozent erreicht sind oder eben nicht, passt sein Wahlverhalten an.

Beim Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) sei es so gewesen, sagt Thomeczek mit Blick auf die vergangene Bundestagswahl. Die Partei sei von einem einst zweistelligen Umfragewert letztlich unter der erforderlichen Fünf-Prozent-Hürde gelandet. In diesem Fall spricht man von einem „psychologischen Effekt“, sagt Thomeczek. Die Personen würden dann „nicht ehrlich wählen“, erklärt der Experte. Sie würden anhand der Wahlumfragen, mit all ihren statistischen Unsicherheiten, ihre Wahlentscheidung treffen. Oftmals seien es die kleineren Parteien, die davon betroffen sind.