Es nieselt leicht. Am Westhafen putzt Simone Mann gerade Tische, wirft die Kaffeemaschine an und tauscht ihr T-Shirt gegen eine weiße Bluse mit roter Krawatte. Und das alles auf ihrem eigenen Boot – der „Helgard“. Simone ist eine echte Allrounderin. Ihr eigentlicher Beruf aber ist: Kapitänin – oder fachlich korrekt: Schiffsführerin.

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In Deutschland sind nur rund sieben Prozent der Schiffsführer und Schiffsführerinnen weiblich. In Berlin sind es sogar nur fünf. Auch andere Berufe werden noch immer stark einem Geschlecht zugeschrieben. So ist nur ein Prozent der Dachdecker und Dachdeckerinnen in Berlin weiblich, bei den Elektrikern und Elektrikerinnen sind es nur zwei Prozent. Umgekehrt gibt es nur wenige Floristen, Kita-Erzieher und Kosmetiker – bislang eher frauendominierte Berufe.

Kapitänin Simone: „Direkt in die Schifffahrt verliebt“

Simone haben diese Rollenbilder nie interessiert. 1999 kam sie als Kellnerin auf die „Viktoria“ – heute ihr zweites Boot, eine alte Dame mit über 90 Jahren. „Und ich habe mich direkt in die Schifffahrt verliebt“, erzählt die 65-Jährige im Gespräch. Die gelernte Restaurantfachfrau wird Decksmann – oder in ihrem Fall Decksfrau, wie sie lachend sagt. Später wird sie Matrosin, Motorenwart und schließlich Schiffsführerin mit Patent.

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Auf der „Viktoria“ verliebt sie sich jedoch nicht nur in die Schifffahrt, sondern auch in ihren Mann Hendrik, von allen Eddy genannt. 2005 kaufen sie das Schiff und machen sich mit der Reederei Eddyline selbstständig. 2007 lassen sie die „Helgard“ bauen, auf der Simone heute steht.

Union Berlin: Mit der „Viktoria“ zum Stadion

Vom Westhafen aus steuert sie das Schiff an diesem Mittwochmorgen zum Anleger am Berliner Dom. Der Nieselregen wird stärker, sie zieht das Schiebedach zu. Auf der „Helgard“ werden Sightseeing-Touren durch Berlin-Mitte angeboten – von der Siegessäule bis zum Fernsehturm. Eine Stunde für rund 20 Euro oder 16 Euro ermäßigt – ein vergleichsweise niedriger Preis, doch laut Simone ist „die Konkurrenz groß“.

Die Viktoria mit den Fans des 1. FC Union Berlin und die Helgard von der Reederei Eddyline.
Die „Viktoria“ mit den Fans des 1. FC Union Berlin und die „Helgard“, beide von der Reederei Eddyline.© Reederei Eddyline | Reederei Eddyline

Die legendäre „Viktoria“ wiederum kann für Firmenfeiern, Geburtstage, Hochzeiten und sogar Taufen gebucht werden. Und sie ist das offizielle Schiff des 1. FC Union Berlin. Mit ihr werden die eisernen Fans regelmäßig zu Heimspielen ins Stadion An der Alten Försterei in Köpenick gefahren – Simones liebste Gegend auf dem Wasserweg. Auch die Mannschaft des 1. FC Union selbst feierte den historischen Aufstieg in die Bundesliga im Jahr 2019 auf der „Viktoria“.

Frau in der Männerbranche: „Nicht immer ganz leicht“

Eddy selbst konnte das nicht mehr miterleben. Simones Mann starb 2014 an Krebs – ein Jahr, nachdem die beiden auf der „Viktoria“ geheiratet hatten. „Danach kam eine schwere Zeit“, erzählt die Schiffsführerin, während der Regen gegen die geschlossenen Panoramafenster prasselt. Neben ihrer Trauer musste sie das Unternehmen weiterführen. Und sich nun allein in einer Männerbranche behaupten.

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„Das ist natürlich nicht immer ganz leicht“, sagt Simone. Vereinzelt wurden ihr Steine in den Weg gelegt oder Kompetenzen abgesprochen. „Alles in allem stehe ich aber immer zu meiner Crew und wir lösen Probleme gemeinsam.“ Auch mit Gästen und anderen Schiffführern verstehe sie sich prinzipiell gut.

Junge Menschen sollen ihren Weg gehen

Von den wenigen Kritikern solle man sich nicht beeinflussen lassen, sagt Simone weiter. Sie rät jedem jungen Menschen, seinen Weg zu gehen – und jungen Frauen mit Begeisterung für die See, Schiffsführerin zu werden. „Solange du bei dir bleibst und weißt, wer du bist, wird es gut gehen.“

Nach fast 30 Jahren liebt sie die Schifffahrt noch immer. Draußen an der frischen Luft zu sein, die Gäste sind meist gut gelaunt – und inzwischen verbindet sie auch den Großteil ihres Lebens mit ihren Schiffen.

CSD auf der Spree als nächstes Highlight

Derweil schippert die „Helgard“ am Hauptbahnhof vorbei zur Museumsinsel. Simone schaut etwas sorgenvoll auf die Brücken: „Wenig los heute.“ Bisher haben nur zwei Personen über die Plattform Get your Guide für diesen Tag eine Fahrt bei ihr gebucht. Auf Laufkundschaft muss sie nun hoffen. „Man merkt, dass die Leute gerade weniger Geld für solche Sachen übrig haben“, sagt Simone. Hinzu kommt: Sie musste kürzlich ihre Anlegestelle wechseln. Vom belebten Ufer mit Cafés auf die andere Seite direkt am Berliner Dom. Auch dadurch sei ihr noch einmal Kundschaft weggebrochen. Und auch der Personalmangel macht ihr zu schaffen – gerade ist sie Schiffsführerin, Kellnerin und Putzkraft in einer Person.

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Dennoch bleibt sie positiv, hofft, mit vielen Schildern auf sich aufmerksam machen zu können – und mit Aktionen. Der 1. FC Union hat zwar gerade Sommerpause. Stattdessen nimmt Simone am 23. Juli mit ihrer „Viktoria“ am CSD auf der Spree teil. Die Gäste können bunt und ausgelassen auf dem Schiff feiern – und genau wie Simone mit Geschlechterrollen brechen.