Während die Berliner Rekordhitze im Schatten um die 40-Grad-Marke schwankt, ist es in vielen Teilen der Stadt noch deutlich heißer. Nämlich vor allem auf den sogenannten „Stadtglatzen“, also versiegelten Flächen ohne Vegetation und Schatten. Die Aktivisten der Initiative „Baumentscheid“ waren am frühen Samstagnachmittag mit Thermometer und Wärmebildkamera in der Stadt unterwegs, um die gesundheitsgefährdenden Temperaturen auf vielen Straßen und Plätzen zu dokumentieren. Damit verbunden ist die klare Forderung an die Politik, ihre Zusagen an die Initiative umzusetzen und die Offensive für mehr Straßenbäume und Stadtgrün schnell auf den Weg zu bringen.

Am Washingtonplatz vor dem Hauptbahnhof wurden fast 63 Grad gemessen

Die höchste gemessene Oberflächentemperatur betrug 62,6 Grad auf dem Washingtonplatz vor dem Berliner Hauptbahnhof. Bei solchen Temperaturen drohen schon bei kurzem Barfußkontakt Verbrennungen zweiten Grades für Menschen und Haustiere, schreibt der „Baumentscheid“. Auf der Heidestraße in der neuen Europacity waren es 59,9 Grad, der Platz zwischen Kanzleramt und Bundestag heizte sich auf 59 Grad auf. Auf dem Boulevard Unter den Linden wurden 56,7 Grad gemessen, auf der Friedrichstraße 55 Grad. Ähnlich heiß war es am Potsdamer Platz. Auch am Alexanderplatz war es deutlich über 50 Grad, am Brandenburger Tor und am Humboldt Forum wurde diese Marke ebenfalls erreicht.

Nur wenig angenehmer war es mit 49,9 Grad am Kulturforum und auf dem Platz vor dem Roten Rathaus mit 47,8 Grad. Auf dem gerade wegen seiner vegetationslosen Neugestaltung kritisierten Gendarmenmarkt wurden Temperaturen zwischen 45,1 und 48,8 Grad Celsius gemessen.

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„Berlins Straßen und Stadtglatzen werden für Tiere, Einheimische und Touristen zunehmend zu gesundheitlich gefährlichen Orten“, sagte der Mitinitiator und Vorstand des „Baumentscheids“, Heinrich Strößenreuther: „Die Wärmebilder zeigen eindrucksvoll, warum Berlin das Klimaanpassungsgesetz jetzt konsequent umsetzen muss. Der Senat ist gesetzlich verpflichtet, Hitzequartiere wirksam zu kühlen. Dafür braucht es endlich ausreichendes Personal, Budgets und konsequent mehr schattenspendende Bäume sowie entsiegelte Flächen.“

Wärmebildkamera zeigt die Hitze am Humboldt Forum
Glutofen Humboldt Forum: Die baumlose Steinwüste um das wiederaufgebaute Schloss sorgt für extreme Hitze.© BaumEntscheid e.V. | BaumEntscheid e.V.

Senat und Koalition hatten sich Ende vergangenen Jahres mit der „Baumentscheid“-Initiative auf einen massiven Ausbau des Stadtgrüns verständigt und die Vorgaben für zusätzliche Bäume sowie Grün- und Kühlflächen auch gesetzlich festgelegt. Damit wurde ein aussichtsreicher Volksentscheid für mehr Straßenbäume vermieden und das Thema aus dem Wahlkampf herausgehalten. Aus dem Sondervermögen des Bundes wurden mehrere 100 Millionen Euro für die nötigen Investitionen bereitgestellt. Aber der verabredete Aufbau der nötigen Strukturen stockt. Der „Baumentscheid“ hatte das in den vergangenen Wochen mehrfach kritisiert, unter anderem im Umweltausschuss des Abgeordnetenhauses.

Alle Spitzenkandidaten bekannten sich zu Kleingärten und Stadtgrün

Berlins Spitzenpolitiker legten am Wochenende ein Bekenntnis zu Grün in der Stadt ab, zumindest, wenn es um Kleingärten geht. Im klimatisierten Konferenzsaal im Hotel Sol Melià an der kochenden Friedrichstraße debattierten die Spitzenkandidaten für die Abgeordnetenhauswahl im September auf Einladung des Verbands der Gartenfreunde. Neben den in solchen Runden dauerpräsenten Steffen Krach (SPD), Elif Eralp (Linke) und Werner Graf (Grüne) war diesmal auch der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) dabei. Die AfD war nicht geladen. Stattdessen saß für die FDP der Charlottenburger Kommunalpolitiker Felix Recke-Friedrich auf dem Podium.

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Wegner lobte das Kleingärtensicherungsgesetz seiner Koalition: „Wir sehen das Wetter, wir erleben den Klimawandel“, sagte der Regierende Bürgermeister: „Wir brauchen Kleingärten für ein lebenswertes Berlin.“ Man müsse auch für die 20 Prozent der Berliner Parzellen kämpfen, die auf privatem Grund liegen und vom Sicherungsgesetz nicht erfasst werden. Es sollten sogar noch mehr Kolonien entstehen.

Werner Graf (Grüne): „Wir müssen die Stadt kühlen, es darf nicht nur ums Bauen gehen“

Der Grüne Graf sprach sich für den Erhalt sämtlicher Kleingärten und Grünflächen aus. „Wir müssen diese Stadt kühlen, es darf nicht nur um Bauen, Bauen, Bauen gehen“, sagte Graf. Neue Kleingartenkolonien hält er kurzfristig jedoch für wenig realistisch. Er warb für „mehr Urban Gardening oder Dachgärten, um den vielen Leuten auf den Wartelisten der Gartenvereine schneller etwas anbieten zu können“.

Die Linke Eralp schlug den Bogen zur Wohnungspolitik. „Eine gute Wohnung und ein Kleingarten macht glückliche Menschen“, sagte sie. An der Friedrichstraße könne jeder sehen, „wie es ist mit den Betonwüsten“. Sozialdemokrat Krach warb dafür, das Tempelhofer Feld nicht zu bebauen. Es sei wichtig für das Stadtklima. Es gebe andere geeignete Flächen für Wohnungsbau, sagte Krach. Den Christdemokraten Wegner, der auf dem Feld 21.000 Wohnungen bauen lassen möchte, wies er darauf hin, dass es „niemand gibt, der das mit ihnen machen möchte“.