An vielen Berliner Schulen gehören Gewalt und Mobbing inzwischen zum Alltag. Das geht aus einer Studie hervor, die Berlins Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch vorgestellt hat. Mehr als die Hälfte der für das „Berliner Konflikt- und Gewaltbarometer“ befragten Lehrkräfte und pädagogischen Mitarbeiter bewerteten Gewalt und Konflikte an der eigenen Schule als großes oder sogar sehr großes Problem. Fast zwei Drittel berichteten von einer Zunahme der Gewalt seit der Corona-Pandemie. Die Daten seien ein deutliches Warnsignal, sagte die CDU-Politikerin.

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„Wenn mehr als die Hälfte der Lehrkräfte Gewalt und Konflikte an ihren Schulen als großes oder sehr großes Problem wahrnimmt, dann reden wir nicht über Einzelfälle“, sagte Günther-Wünsch. „Wenn 4 von 5 Lehrkräften sagen, dass die Frustrationstoleranz und die Impulskontrolle bei Schülerinnen und Schülern nachgelassen haben und Konflikte schneller eskalieren, dann ist das ein deutliches Warnsignal.“
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Besonders besorge sie die Entwicklung an den Grundschulen, sagte die Bildungssenatorin. Gerade dort berichteten die Lehrkräfte in der Studie häufig von einer Zunahme von Gewalt und Konflikten, sagte Günther-Wünsch. „Sie berichten von Kindern, die wegen Kleinigkeiten explodieren, und von Konflikten, die deutlich schneller eskalieren.“
79 Prozent der Lehrkräfte sehen Schulbetrieb durch Gewalt beeinträchtigt
Für die repräsentative Studie wurden vom Institut für Demoskopie Allensbach zwischen November 2025 und Januar 2026 gut 14.000 Schülerinnen und Schüler aus der sechsten, neunten und zwölften Klasse befragt sowie mehr als 2500 Lehrkräfte und pädagogische Mitarbeiter.
Bei der Befragung gaben 38 Prozent der Lehrkräfte und pädagogischen Mitarbeiter an, dass sie Gewalt unter Schülern als großes Problem wahrnehmen, 18 Prozent sogar als sehr großes Problem. Die Gewaltbelastungen seien dabei an verschiedenen Schulformen deutlich unterschiedlich groß. Während an den Grundschulen, den Integrierten Sekundarschulen ohne Oberstufe und den Gemeinschaftsschulen für rund zwei Drittel bis drei Viertel des pädagogischen Personals Gewalt und Konflikte ein großes bis sehr großes Problem darstellen, gaben dies an den Gymnasien gerade mal 15 Prozent der Lehrkräfte an.
Die hohe Gewaltbelastung habe deutliche Folgen im Schulalltag: 79 Prozent der Lehrkräfte der Schulen mit hoher Gewaltbelastung gaben an, dass der Schulbetrieb in hohem Maße leide, weil zu viele Ressourcen durch die Konflikte gebunden seien.
Gewalterfahrungen an Schulen: Schüler schildern harte Realität
Die Angaben der Lehrkräfte decken sich mit den Erfahrungen der Schülerinnen und Schüler. Schon in Klassentufe sechs haben gut vier von fünf Schülern in diesem oder im letzten Jahr Gewalt durch Mitschüler erfahren, in Klassenstufe neun waren es mehr als neun von zehn. Das Spektrum der Gewalterlebnisse reicht dabei von Beleidigungen bis hin zu Schlagen, Treten und Verprügeln. Besonders deutlich wird das in den Antworten von Jugendlichen aus der neunten Klasse auf die Frage nach entsprechenden Erfahrungen in diesem oder im vergangenen Schuljahr.
Knapp zwei Drittel (63 Prozent) von ihnen berichteten von Beleidigungen, knapp die Hälfte (49 Prozent), dass sie von Mitschülern lächerlich gemacht oder blamiert worden seien. Jeweils rund ein Viertel gab an, ausgegrenzt oder gemobbt (26 Prozent) beziehungsweise geschlagen, getreten oder geboxt (25 Prozent) worden zu sein. Vier Prozent berichteten davon, sogar verprügelt worden zu sein. Ein Fünftel (20 Prozent) nannte sexistische Kommentare.
Gewalt hat oft kaum wahrnehmbare Auslöser: So gaben 42 Prozent der Schülerinnen und Schüler aus den Klassen 9 und 12 mit entsprechenden Erlebnissen an, sei es aufgrund von Kleinigkeiten zu Gewalt oder Mobbing gekommen. Häufig ging es um das Aussehen, die Kleidung oder den Körper (33 Prozent), bei einem Fünftel (19 Prozent) um schulische Leistungen.
Für die Zahl der Vorfälle insgesamt spielt antisemitische, rassistische oder queerfeindliche Gewalt eine untergeordnete Rolle, wie die Studie zeigt. Innerhalb der jeweiligen betroffenen Gruppen sei aber oft ein hoher Anteil von Schülerinnen oder Schülern betroffen. Prof. Marc Grimm von der Uni Wuppertal, der die Studie wissenschaftlich begleitet hat, sagte, es sei inzwischen brüchig, was überhaupt als Gewalt wahrgenommen werde - das Schubsen anderer Kinder beispielsweise nicht.
Gewalt an Schulen ist kein Einzelfall
Aus Sicht der Pädagogen ist die wichtigste Ursache für die Zunahme von Gewalt unter Schülerinnen und Schülern, dass die Impulskontrolle und Frustrationstoleranz der Kinder und Jugendlichen nachgelassen habe und Konflikte deshalb schneller eskalieren würden. Insgesamt 80 Prozent stimmten dieser Aussage zu, darunter überdurchschnittlich oft das pädagogische Personal an den Grundschulen (91 Prozent). An den Gymnasien waren es 57 Prozent der Lehrkräfte.
Eine Folge der zunehmenden Gewalt an den Schulen sei nach Auffassung der Autoren der Studie ein verbreitetes Unsicherheitsgefühl unter den Schülerinnen und Schülern. Ab der Klassenstufe 9 gab rund jeder sechste Schüler an, sich an der eigenen Schule weniger oder gar nicht sicher zu fühlen, an integrierten Sekundarschulen ohne Oberstufe waren es sogar 27 Prozent. Besonders betroffen von dem Gefühl der Unsicherheit seien geschlechtlich diverse Schülerinnen und Schüler (30 Prozent) und Schülerinnen und Schüler jüdischen Glaubens (28 Prozent).
Das Ziel der Studie sei gewesen, eine belastbare Datengrundlage für die weitere politische und fachliche Arbeit zu schaffen. Gemeinsam mit Schulleitern und anderen Akteuren wolle man nun auf Grundlage der Ergebnisse konkrete Maßnahmen für mehr Sicherheit, Respekt und Zusammenhalt an Berliner Schulen entwickeln. „Dabei wird der weitere Prozess von einem klaren Dreiklang geleitet: Prävention, um Gewalt gar nicht erst entstehen zu lassen. Intervention, um Konflikte frühzeitig zu erkennen und wirksam einzudämmen. Und Repression dort, wo Grenzen überschritten werden und Gewalt nicht folgenlos bleiben darf“, so Günther-Wünsch.
Fälle von Gewalt und Mobbing an Berliner Schulen sorgen für bundesweite Schlagzeilen
Etliche Fälle von Mobbing, Diskriminierung und Gewalt an Berliner Schulen haben immer wieder bundesweit für Schlagzeilen gesorgt. Schon vor zwei Jahrzehnten galt die Rütli-Schule in Neukölln weit über die Landesgrenzen hinaus als Paradebeispiel gescheiterter Bildungspolitik. Von einer „Terrorschule“ war die Rede, als frustrierte Lehrkräfte im März 2006 einen dramatischen Brandbrief an den Senat schrieben und auf aus ihrer Sicht unhaltbare Zustände an der Neuköllner Schule hinwiesen. Mittlerweile gilt die Rütli-Schule als Vorzeigeprojekt.
Im November 2024 setzte dann das Kollegium der Friedenauer Friedrich-Bergius-Schule einen Hilferuf ab. Die Lehrkräfte berichteten über zahlreiche Probleme mit aggressiven, gewaltbereiten und bildungsfernen Schülern, die zum Teil zuvor noch nie eine Schule besucht hätten und kaum Deutsch sprechen könnten. In dem Schreiben war die Rede von „massiven Verhaltensauffälligkeiten und ungebührlichem, asozialem Unterrichtsverhalten“.
Es gebe eine „bedrohliche Gewaltbereitschaft und verbale Übergriffe“, vor allem der männlichen Schüler. Die Schule müsse zunehmend die Polizei rufen, um bei eskalierenden Situationen etwa nach Schulschluss vor dem Schulgebäude einzugreifen. Im vergangenen Jahr geriet eine Schule in Berlin-Moabit in den Fokus der Aufmerksamkeit. Dort hatte sich eine pädagogische Unterrichtshilfe über wiederholtes, monatelanges Mobbing wegen seiner Homosexualität beklagt, bei der Schulleitung und der Bildungsverwaltung aber wenig Gehör gefunden.
Dass auch muslimische Schülerinnen und Schüler an Berliner Schulen Opfer von Diskriminierung sind, belegen Daten der ADAS, der Anlaufstelle für Diskriminierungsschutz an Schulen. Die Zahlen liegen der Morgenpost exklusiv vor. Sie zeigen, dass rund 76 Prozent der gemeldeten Diskriminierungen muslimischer Schüler von Lehrkräften ausgehen.
„Benachteiligungen finden in allen Berliner Bezirken und Schulformen statt. Dabei geht es nicht um Einzelfälle. Sondern um strukturelle und institutionell verankerte Muster. Wir wollen diese Diskriminierungsrealitäten sichtbar machen“, sagt die Sozialwissenschaftlerin Sabine Gauch, die bei ADAS für das Monitoring zuständig ist. Sie betonte, dass die ADAS-Statistik nur einen Ausschnitt der Situation an Berliner Schulen abbilde, viele Fälle würden nicht gemeldet, man müsse deshalb die Dunkelziffer mitdenken.
mit dpa





