„Nicht richtig deutsch“, „nicht leistungsstark genug“, „zu wenig demokratisch“: Solche Vorurteile gehören zum Schulalltag vieler muslimischer Jugendlicher in Berlin. Laut Diskriminierungsdaten von 2024 hinderte Schulpersonal Schüler*innen teilweise sogar körperlich am Beten. An einer anderen Einrichtung sagte eine Lehrkraft zu einer Gruppe Jugendlicher, sie verwechsle sie immer mit palästinensischen Terroristen.

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Rund 76 Prozent der gemeldeten Diskriminierungen muslimischer Schüler gehen von Lehrkräften aus. Das haben Auswertungen gemeldeter Fälle ergeben. Zum bundesweiten Tag gegen antimuslimischen Rassismus am 1. Juli stellte ADAS, die Anlaufstelle für Diskriminierungsschutz an Schulen, ihre aktuellen Daten exklusiv der Berliner Morgenpost vor.
Antimuslimischer Rassismus an Berliner Schulen: Keine Einzelfälle
„Benachteiligungen finden in allen Berliner Bezirken und Schulformen statt. Dabei geht es nicht um Einzelfälle. Sondern um strukturelle und institutionell verankerte Muster. Wir wollen diese Diskriminierungsrealitäten sichtbar machen“, sagt die Sozialwissenschaftlerin Sabine Gauch. Sie ist bei ADAS für das Monitoring zuständig. Gauch wertet die von ihren Beratern und Beraterinnen dokumentierten Fälle statistisch aus.

Die ADAS-Statistik bildet nur einen Ausschnitt der Situation an Berliner Schulen ab. Einerseits muss man eine „Dunkelziffer“ mitdenken: Viele Vorfälle werden nicht gemeldet. „Wenn Jugendliche negative Konsequenzen befürchten oder wiederholt die Erfahrung machen, dass ihre Beschwerden eh nichts verändern, entsteht ein ‚Resignationseffekt‘“, erläutert Gauch. Was bedeutet: Die Fälle werden gar nicht erst gemeldet, weil die Betroffenen resignieren.
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Doch auch gemeldete Diskriminierungsfälle landen nicht zwangsläufig bei ADAS. Rassismus kam in den vergangenen Jahren in 70 bis 80 Prozent ihrer Beratungsfälle vor. Mit 100 dokumentierten Fällen war antimuslimischer Rassismus im Jahr 2025 die häufigste Unterkategorie. Einige Diskriminierungsformen erscheinen in der Statistik seltener, weil sich Betroffene an andere spezialisierte Beratungsstellen wenden. „Deshalb erreichen uns wahrscheinlich wenige Beschwerden im Zusammenhang mit Antisemitismus, weil sich Betroffene eher direkt an OFEK Berlin wenden“, sagt Gauch. „Antiziganistische Vorfälle erreichen ADAS nur selten – diese werden von Sinti*zze und Rom*nja generell kaum gemeldet.“
Rassismus an Berliner Schule: Schüler zwischen Kopftuch und Terrorverdacht
Das bedeute nicht, dass zum Beispiel Diskriminierung von Jüdinnen und Juden oder von Sinti*zze und Rom*nja bei ADAS keine Rolle spielten, betont die Sozialwissenschaftlerin. „Sie treten jedoch deutlich seltener auf als antimuslimischer oder antischwarzer Rassismus. Auf Platz drei der häufigsten Vorfallskategorien liegen geschlechtsbezogene Benachteiligungen.“ Diese könnten auch in Verbindung mit anderen Diskriminierungsarten, unter anderem mit antimuslimischem Rassismus, auftreten. „Muslimischen Schülerinnen wird unterstellt, Entscheidungen wie das Tragen eines Kopftuchs nicht selbst getroffen zu haben. Muslimischen oder als muslimisch gelesenen Schülern hingegen wird häufig Aggressivität und eine größere Gewaltbereitschaft zugeschrieben“, so Gauch.
Muslimischen Schülerinnen wird unterstellt, Entscheidungen wie das Tragen eines Kopftuchs nicht selbst getroffen zu haben.
Sabine Gauch,, Anlaufstelle für Diskriminierungsschutz an Schulen
Dass Eltern die meisten Fälle bei ADAS melden (64 Prozent), überrascht wenig. Auffällig ist, dass nur knapp sechs Prozent der Meldungen von Schüler*innen selbst kommen. „Das hängt zum Teil mit ihrem Alter zusammen. Etwa die Hälfte der dokumentierten Diskriminierungen betrifft Grundschulkinder. Sie erzählen ihren Eltern mehr von ihrem Schulalltag als pubertierende Jugendliche“, erklärt die Expertin. Eltern erlebten oft selbst schulische Diskriminierung, bevor sie sich bei ADAS melden. „Ihre Beschwerden werden von der Bildungseinrichtung bagatellisiert. Oftmals gibt schon die psychosoziale Beratung im Rahmen eines Erstgesprächs mit ADAS diesen Eltern Rückhalt: Sie erleben, dass ihre Erfahrungen ernst genommen werden.“
Rassismus melden: Schulleitungen unterstellen mitunter Vertrauensbruch
Auf Wunsch der Betroffenen nimmt ADAS Kontakt zur Schule auf. „Viel hängt davon ab, wie offen die Schulleitung dafür ist, Diskriminierung anzuerkennen und Maßnahmen zu ergreifen“, kommentiert Gauch. In manchen Fällen empfänden die Schulleitungen dies geradezu als Vertrauensbruch: „Dann lautet die Reaktion des Leitungspersonals: ,Warum haben Sie den Fall nach außen getragen?‘ – als hätten die Eltern nicht zuvor versucht, das Problem schulintern zu klären. Der Fokus der Schulleitungen ist in diesen Fällen gar nicht auf die betroffenen Schüler*innen gerichtet.“
Kommen Eltern und ADAS mit den Verantwortlichen der Schule nicht weiter, kann die Schulaufsicht eingeschaltet werden. Sie ist die letzte Instanz innerhalb des Schulsystems und den Bildungseinrichtungen gegenüber weisungsbefugt. So kann sie etwa verlangen, dass eine Beschwerde in einem Schulgespräch aufgegriffen und bearbeitet wird. Ob die Perspektiven der Betroffenen dabei ausreichend berücksichtigt und vereinbarte Maßnahmen tatsächlich umgesetzt werden, steht auf einem anderen Blatt.




