Die Friedrichstraße soll nach dem Willen des Senats zum urbanen Boulevard werden. Doch im Augenblick ist die Straße im Herzen Berlins von Leerstand und Krisen gebeutelt. Am 17. April sollte das von hohen Schulden belastete Quartier 206 in der Friedrichstraße 71 zwangsversteigert werden. Das höchste Gebot für die Luxus-Immobilie, deren Verkehrswert laut Gutachten 187 Millionen Euro beträgt, kam von der Eirine Bidcom aus Luxemburg. Das zweithöchste von einem Unternehmen namens Pax Bidcom, ebenfalls aus Luxemburg.

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Eine Woche Zeit hatte die Credit Suisse International als Hauptgläubigerin, über die Gebote nachzudenken oder zu verhandeln. Dem Schuldner und ursprünglichen Eigentümer des Gewerbegebäudes, Anno August Jagdfeld, kam bei der Zwangsversteigerung lediglich ein Vetorecht zu.

Am 24. April wollte die Schweizer Großbank dem Gebot von 40 Millionen Euro für das Quartier 206 zustimmen, obwohl der Wert der Immobilie weit höher liegt. Doch das Gericht vereitelte den Deal. Rechtspflegerin Kuhnert, die der Verhandlung im Amtsgericht Mitte vorsaß, lehnte das Gebot wegen erheblicher juristischer Fehler ab.
Ein Insider, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, verriet der Morgenpost: „Hinter Pax und Eirine steckt eine amerikanische Heuschrecke, die sich das Quartier zum Fünftel des Verkehrswertes unter den Nagel reißen wollte.“ Als „Heuschrecke“ werden im Immobilienbereich Private-Equity-Gesellschaften, Hedgefonds oder andere Finanzinvestoren bezeichnet, die verschuldete Gewerbeimmobilien oder Wohnungen aufkaufen, nur um diese mit möglichst hoher Rendite weiterzuverkaufen.
Immobilienzeitung und Gericht entdecken „Insiderhandel“
Bereits in der vergangenen Woche hatte die „Immobilien Zeitung“ aufgedeckt, dass die amerikanische Kapitalgesellschaft Davidson Kempner hinter den gerade erst gegründeten Bieterfirmen Eirene Bidco und Pax Bidco aus Luxemburg steckt. Dies geht auch aus offiziellen Registereinträgen hervor.
Ein gewisser Nick Puschkasch hatte beim ersten Versuch der Zwangsversteigerung am 5. Dezember 30 Millionen Euro fürs Q206 geboten. In der Bietervollmacht der Firma Pax vom 17. April taucht er erneut auf. Daraus schließt das Gericht, dass dieser lediglich als Bevollmächtigter der Bieterin auch am 5. Dezember auftrat und „die Wertgrenzen nicht im Eigeninteresse, sondern für einen fremden Dritten beseitigen sollte“.
Dem Gericht wurde damit klar, dass Puschkasch „kein Erwerbsinteresse“ hatte und auch jetzt nicht hat und nicht für sich selbst geboten hatte und nunmehr auch nicht bieten würde, sondern für die Gesellschaften der US-amerikanischen Heuschrecke Davidson Kempner auftrat.
Damit sei für das Gericht auch erkennbar geworden, dass Bieterin und Gläubigerin zum Schaden der Schuldnerin den Preis drücken wollten. Einen Anhaltspunkt dafür sieht das Gericht zudem in dem Umstand, dass die Gläubigerin im Dezember keine Sicherheitsleistung in Höhe von zehn Prozent (18,7 Millionen Euro) von Herrn Puschkasch verlangte und dieser diese auch nicht eingezahlt hatte.
„Schleuderpreis“: Nur ein Fünftel des Verkehrswertes geboten
Überdies, so das Gericht, stehe das Gebot, das nur 21,42 Prozent (knapp ein Fünftel) des Verkehrswertes entspreche, im „krassen Missverhältnis zum Verkehrswert“. Aufgrund des „sittenwidrigen Vorgehens“ von Davidson Kempner hat das Gericht nicht nur das Gebot aus dem Termin vom 5. Dezember nachträglich für unwirksam erklärt, sondern auch das Gebot aus dem Termin am 17. April.
Das Gericht hat erst in der jetzt vergangenen Woche festgestellt, dass Davidson Kempner, eine große US-amerikanische Private-Equity-Firma, hinter Pax und Eirene steckt. Aus Insiderkreisen heißt es: Davidson-Kempner-Manager Bryan Kelly habe mit dem Sicherheitengläubiger Credit Suisse International einen schmutzigen Deal machen wollen, mit dem sie sich das Q206 zum Schleuderpreis von einem Fünftel unter den Nagel reißen wollten.
„Bei Davidson Kempner sollen Köpfe rollen“
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Der mutmaßliche Insiderhandel, also das Zusammenwirken von Anwälten, Credit Suisse International und Davidson Kempner zulasten der Schuldnerin, ist vom Gericht als rechtswidrig enttarnt und verhindert worden. Offen bleibt allerdings die Frage: Welcher Gläubiger gibt sich mit 20 Prozent des Verkehrswertes einer Immobilie zufrieden und verzichtet auf 147 Millionen Euro? Was ist im Hintergrund passiert, damit die Credit Suisse International auf so viel Geld für ihre Gläubiger verzichten will?
Aufseiten von Davidson Kempner sollen nun „Köpfe rollen“, wie aus Insiderkreisen zu hören ist. Der hier federführende Manager Bryan Kelly soll in seiner Position als Managing Partner nicht mehr zu halten sein. Das Gericht teilte mit, das Verfahren sei einstweilig eingestellt.
Formell können die Parteien binnen zwei Wochen Widerspruch beim Landgericht Berlin einlegen. In einem potenziellen Folgetermin gelten wieder die gesetzlich festgelegten Wertgrenzen. Wann mit einem neuen Termin zu rechnen ist, hängt davon ab, ob seitens der Credit Suisse International Rechtsmittel eingelegt werden. Davon ausgehend, dass dies passiert, muss sodann noch das Landgericht darüber entscheiden. Ein neuer Termin wird frühestens in einem halben Jahr erwartet.
Davidson Kempner wollte sich gegenüber der „Immobilien Zeitung“ nicht zu dem Gerichtsurteil und den Vorwürfen äußern. Auch die Credit Suisse schweigt bislang. Ein Gläubigervertreter war am Freitag nicht vor Ort.





