Es muß nicht immer "Adlon", Quartier 206 oder Heiligendamm sein. Pankow tut's auch. Anno August Jagdfeld, als Chef der Fundus-Gruppe einer der erfolgreichsten Immobilienunternehmer Deutschlands, hat den östlichen Bezirk, den sein rheinischer Landsmann Konrad Adenauer einst nur abfällig "Pankoff" zu nennen pflegte, weil dort im Schloß Schönhausen die ihm besonders verhaßte DDR-Staatsführung mit dem ersten und einzigen Präsidenten Wilhelm Pieck residierte, gleich aus zwei Gründen für unseren verspäteten Neujahrsspaziergang vorgeschlagen. Um zu zeigen, daß die Fundus-Gruppe nicht nur das Luxus-Segment bedient, will er mich durch das Rathaus-Center, ein ziemlich großes Einkaufszentrum mitten in Pankow führen; vor allem aber möchte der Bauherr des "Adlon", Eigentümer des Quartiers 206 in der Friedrichstraße und Retter von Heiligendamm, der Weißen Stadt am Meer, mit mir durch den Schloßpark gleich um die Ecke spazieren.

Ein Einkaufscenter an einem Sonnabend vormittag ist zwar ziemlich voll, aber nicht gerade ein Ort für angeregte Unterhaltung; zumal sich der schlichte Klinkerbau nicht wesentlich von anderen Ansammlungen verschiedenster Läden unter einem Dach samt Hoch- oder Tiefgarage unterscheidet. Also machen wir es kurz. Wie laufen die Geschäfte? "Die Mieter sind zufrieden. Ende des Jahres kommt in einem Erweiterungsbau noch C&A mit einem großen Textilangebot dazu ..." Gibt es nicht mittlerweile zu viele solcher Einkaufscenter in und um Berlin? "Leider wird der kleine Einzelhandel durch Center und Verbrauchermärkte mehr und mehr verdrängt. Aber das ist der Trend der Zeit. Die Mehrzahl der Verbraucher will konzentriert und möglichst billig einkaufen." Anno August Jagdfeld stammt selbst aus einer Einzelhandelsfamilie. Die Eltern hatten in Jülich bei Aachen ein Möbelgeschäft. Tut ihm das langsame Sterben des Einzelhandels nicht auch ein bißchen weh? "Natürlich bedauere ich das. Aber das ist Nostalgie und nicht zu ändern. Einzelhandel im klassischen Sinn lohnt sich nur noch für Nischen, in denen der Händler eine besondere Leistung erbringt ..."

Ortswechsel. Um ein paar Ecken und nach einigen hundert Metern stehen wir vor dem Eingang zum Schloß und Park Schönhausen. Gleich hinter dem Tor zwei renovierte ockerfarbene Verwaltungsgebäude aus DDR-Zeiten, in denen jetzt die Bundesakademie für Sicherheitspolitik Beamten-Weiterbildung in Sachen internationaler Politik betreibt. "Diese Gebäude sind uns von der Treuhand auch mal angeboten worden. Aber in der Regel prüfen wir 50 Objekte, ehe wir uns für eins entscheiden." Damit sind wir beim eigentlichen Thema. Wie ist der Klosterschüler mit humanistischer Erziehung und Bildung im großen Geld- und Immobiliengeschäft gelandet? "Mein Leben ist durch zwei Erfahrungen geprägt", holt der gerade 59 gewordene Vater von fünf Söhnen aus. "Die Salesianerbrüder im Klosterinternat, in das mich meine Eltern, weil sie wenig Zeit hatten, einer ebenso guten Ausbildung wie Erziehung wegen geschickt haben, weckten das Interesse an klassischer Philosophie in mir. Und zu Hause im Jülicher Möbelgeschäft sind meine Sinne für das Kommerzielle geschärft worden. Ich hab mich nach dem Abitur fürs Geldverdienen entschieden, neben Betriebswirtschaft allerdings noch ein bißchen Altphilologie, also Griechisch und Latein, studiert. Ich wäre auch gern Studienrat geworden", sagt der Mann, der mit seiner Fundus-Gruppe bisher 34 Fonds aufgelegt und mehr als fünf Milliarden Euro für sie eingeworben hat. Mit diesem Geld der Anleger, die im Gegenzug auf gute Rendite hoffen, investiert er in den Wohnungs- und Bürobau, in Hotelanlagen wie das "Adlon" oder Heiligendamm und als vierten Sektor in Shopping-Center.

Schon während des Studiums ("Das war oft ziemlich langweilig") hat er sich auf das Fachgebiet Kapitalanlagen spezialisiert und Anlagen verkauft. "Als ich das richtig konnte, war ich mit 21 Jahren einer der erfolgreichsten Anlagenverkäufer in Deutschland, habe mehr verdient als meine Professoren ..." Weil ihm nur eine Sache zu tun immer zu wenig war, hat er, nachdem er sich irgendwann doch zum Examen bequemt hatte, auch noch als Repetitor für Steuerlehre und Betriebswirtschaft gearbeitet und eine Prüfung als Steuerberater gemacht.

"Nach fünf Jahren Tätigkeit in meiner eigenen Steuerberaterpraxis glaubte ich, das nötige Rüstzeug zu haben, um selbst Anlagen und Fonds zu entwickeln und aufzulegen. Seitdem bin ich Produzent von Immobilienprojekten, für die wir das erforderliche Geld bei Finanzinvestoren wie Banken oder Versicherungen und über offene Fonds einsammeln ..."

Und so einer behauptet, er wäre ebenso gern Studienrat geworden? Das klingt ziemlich kokett, scheint mir aber seinem Wesen und Auftreten nach doch nicht so abwegig zu sein. Anno August Jagdfeld ist im Gespräch ein Mann von erstaunlich ruhiger Art, spricht in nicht zu überhörender rheinischer Tonart langsam und gewählt, wirft mal ein Zitat des griechischen Philosophen Platon ein, mal eins von Einstein, das er sich zu einem seiner Lebensmottos gemacht hat ("Optimismus ist die einzig sinnvolle Lebensform"), schwärmt von der Klassik, die er für sich, seine Familie und zahlungskräftige Gäste im frisch erstrahlenden Arkadien Heiligendamm - Mitte des 19. Jahrhunderts vom Schinkel-Schüler Carl Theodor Severin erbaut - hat auferstehen lassen. Auch der Firmenname Fundus kommt nicht von ungefähr. Der stammt aus dem Lateinischen und bedeutet Grund/Boden. Von hagerer Gestalt und in beigefarbener Cordhose, weinroter Strickweste unter dem karierten Jackett und mit gerundeter Hornbrille auf der Nase, könnte diesen so bescheiden wirkenden hochgebildeten Mann tatsächlich glatt für einen Lehrer alter Schule halten, wer ihn nicht kennt.

Seiner klassisch geprägten Lebensphilosophie von Schönheit und Ästhetik wird das Schönhauser Schloß zur Zeit schwerlich gerecht. Äußerlich ist von der angekündigten Renovierung nichts zu erkennen, die Restaurationssünden aus DDR-Zeiten schmerzen weiter. Also nichts wie weg und hinein ins Grün dahinter. Obwohl der kleine Schloß- und der sich anschließende große Volkspark nicht unbedingt dazu animieren, über Luxus zu sprechen, lenke ich unser Gespräch darauf. Mit dem Namen Jagdfeld verbinden sich in Berlin vor allem das "Adlon", das über einen Fundus-Fond finanziert wurde und von der Kempinski-Gruppe betrieben wird, und das Quartier 206 mit seinen Edelläden. Luxus in einer armen Stadt. Wieviel verträgt die davon? "Luxus zieht Menschen mit Kaufkraft an. Eine arme Stadt wird nicht wohlhabender, wenn nichts passiert. Berlin braucht Touristen, die viel Geld ausgeben; das sind die interessantesten. Insofern bin ich ganz sicher, daß wir mit unseren Projekten ,Adlon", dem 206, dem Nachtclub ,Felix" und dem ,China Club" die richtigen Angebote machen und auch viele Arbeitsplätze geschaffen haben. Wenn wir wohlhabende Touristen in die Stadt holen wollen, dann brauchen wir Spitzenrestaurants, gutes Shopping und Kultur auf höchstem Niveau. Das zieht Kaufkraft in die Stadt. Insofern können wir gar nicht genug Luxus anbieten." Da spricht jetzt ganz der Geschäftsmann, der von sich sagt, als solcher müsse man ganz klar seine Interessen definieren und dürfe kein Schäfchen sein.

Neureiche Russen sollen mittlerweile zur zahlungskräftigsten Klientel im neuen Berlin zählen. Kann der Luxus-Anbieter Jagdfeld das bestätigen? "Die wirklich reichen Russen kaufen in London ein. Berlin hätte die Chance gehabt, die auch in unsere Stadt zu holen. Aber dann hätten wir viel früher mehr Luxus im Angebot haben müssen. Diese Chance hat Berlin verschlafen ..." Und wie laufen die eigenen Geschäfte? "Wir sind zufrieden. Das ,Adlon" ist gut gebucht und wurde gerade zum besten Hotel Europas gewählt. Über das Quartier 206 habe ich vor ein paar Tagen mit Karstadt-Chef Thomas Middelhoff gesprochen. Wir haben festgestellt, daß Umsätze und Gewinne pro Quadratmeter Verkaufsfläche im KaDeWe und im Quartier dieselben sind. Der gesamte Komplex ist eines der wenigen Büro- und Geschäftshäuser, der in Berlin voll vermietet ist. Mit dem ,China Club" im ,Adlon" haben wir nach zwei Jahren auch den Break-even, also die Gewinnzone erreicht. Das haben wir geschafft, weil jedes unserer 300 Mitglieder, von denen in der richtigen Mischung 20 Prozent aus Berlin, 30 Prozent aus dem Ausland und 50 Prozent aus dem Bundesgebiet kommen, pro Jahr durchschnittlich zu einer Veranstaltung einlädt. Wir sind sehr zufrieden."

Keine noch so stolze Bilanz ohne Kratzer. Also die Frage, wie es um das Pyramiden-Bürohochhaus an der Landsberger Allee steht? "Als wir dort vor zehn Jahren gebaut haben, gingen alle noch von einer gewaltigen Zunahme der Bevölkerung in Berlin aus. Das war, wie jetzt alle wissen, ein Irrtum. Deshalb war dort draußen auch die Vermietung schwieriger als geplant, die Verbindlichkeiten höher als die Einnahmen. Der Fonds hat das Projekt beendet." Und die Anleger haben ihr Geld verloren? "Ja. Der Anleger trägt Chance und Risiko seiner Fondsbeteiligung. Das ist überall auf der Welt so." Aber so ganz will das FDP-Mitglied, einst von Otto Graf Lambsdorf und dem früheren Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, für die Liberalen gekeilt, diese Schmach nicht auf sich sitzen lassen. "Wir haben in der Nachwendezeit in Berlin zehn große Projekte auf den Weg gebracht. Davon ist dieses eine gescheitert. Bei anderen Fonds sind von zehn acht danebengegangen. Keiner hat in den neuen Ländern eine bessere Performance als unsere Gruppe."

Ein Hobbyphilosoph, ein Immobilienunternehmer - es gibt mindestens noch einen dritten Anno August Jagdfeld. Den treibt die biologisch-ökologische Landwirtschaft um. Nein, Sie haben sich, liebe Leser, nicht verlesen. "Es ist doch ein Elend", und bei diesen Worten zeigt der Gutsherr, der er auch ist, zum ersten und einzigen Mal während unseres Spaziergangs einen Anflug von Emotion, "daß wir unsere Lebensmittel fast nur noch aus der Fabrik bekommen. Es wäre ein Segen für Deutschland, wenn die ganze Agrarsubventionierung wegfallen und wieder biologisch reine Landwirtschaft betrieben würde." Ist damit denn genug Geld zu verdienen? "Der Ökolandbau ist auf Dauer die einzige Chance. Er hat ja schon jetzt ordentliche Zuwachsraten. Allerdings gibt es noch immer Probleme mit der richtigen Vermarktung."

Sein Gut Bollhagen zwischen Kühlungsborn und Bad Doberan in unmittelbarer Nachbarschaft von Heiligendamm war zu DDR-Zeiten eine LPG und ist heute als ökologischer Vorzeigebetrieb Teil seines Arkadiens an Mecklenburgs Ostseeküste. Dieses ländliche Hobby hat zu einer engen Bekanntschaft mit einem prominenten Gleichgesinnten geführt: Britanniens Thronfolger Prinz Charles trifft er mindestens einmal im Jahr. Im Oktober war er wieder ins Londoner Clarence House geladen. "Diesmal mußte ich leider absagen, weil zwei Geschäftstermine und eine Familienfeier dazwischenkamen." Bei aller Bescheidenheit - an Selbstbewußtsein mangelt es Herrn Jagdfeld wahrlich nicht.

Bevor er sich ins "Adlon" zum Mittagessen mit seiner Frau Anne Maria verabschiedet, die wie er aus Jülich stammt und, wie er unterstreicht, im Sinne von Ästhetik besonders kreativ ist ("Ohne sie hätte ich weder das ,Adlon" noch Heiligendamm gemacht. Ich bin eher ein Betrachter und Genießer"), gibt er noch ein kleines persönliches Geheimnis preis: "Ich beschäftige ich mich zur Zeit sehr intensiv mit Yoga und der Wirkung von indischer Philosophie, Medizin und Lebensart auf Gesundheit und Wohlbefinden. Vor unserem Spaziergang hab ich heute morgen eine Stunde Yoga gemacht. Das gibt Kraft, hält gelenkig und beugt Krankheiten vor."

Anno August Jagdfeld - ein Mann voller Überraschungen, einer, der in sich selbst ruht, der mehr als nur Immobilien und Anlagefonds im Kopf hat. Klosterschulen können so schlecht nicht sein.

Zur Person

Anno August Jagdfeld: Geboren am 30. 12. 1946 in Jülich, nach dem Abitur Betriebswirtschaftsstudium, nebenbei arbeitet er als Anlageberater. 1975 Gründung der Jagdfeld & Partner Steuerberatungsgesellschaft, 1981 der Immobiliengruppe Fundus in Köln. Nach dem Fall der Mauer Umzug nach Berlin, Finanzierung u.a. des Wiederaufbaus vom Hotel Adlon und des Quartiers 206 in der Friedrichstraße, 1996 Kauf des ältesten deutschen Seebades Heiligendamm (gegr. 1793) zwecks Total-Sanierung. Auszeichnungen: Mann des Jahres 1991 (vom Finanzmagazin Cash), Bundesverdienstkreuz. Familie: Verheiratet mit der Designerin, Innenarchitektin und Kauffrau Anne Maria Jagdfeld, fünf Söhne; der älteste 29, der jüngste 6.