Von Jörg Krauthöfer

Deutschland ist ein Wanderland. Rund 300.000 Kilometer Wege führen von der Nordsee bis zu den Alpen. Auch Berlin und Brandenburg sind beliebte Ziele für alle, die gern zu Fuß unterwegs sind, ganz unabhängig vom Alter.  Unser Redakteur Jörg Krauthöfer nimmt die Leserinnen und Leser mit auf Wandertouren durch Berlin und Brandenburg. Wöchentlich gibt es einen Wandertipp: mal ein Spaziergang durch den Kiez, mal eine längere Tour in die Brandenburger Landschaft, oft auch über versteckte Pfade. Ob dichte Wälder, glitzernde Seen oder innerstädtische Parks, für jede und jeden ist etwas dabei. Jörg gibt zudem Hinweise zu Ausrüstung und Planung und zeigt kulturelle und historische Besonderheiten entlang der Strecken. Die heutige Wanderung führt von der Friedrichstraße immer an der Spree entlang bis zum Schloss Charlottenburg und zeigt die Stadt von einer ganz ungewohnten Seite.

Infos zur Wegstrecke

  • Start: S-Bahnhof Friedrichstraße
  • Ziel: Bahnhof Jungfernheide
  • Weglänge: 10 Kilometer
  • Wegbeschaffenheit: Asphalt, Schotterwege
  • Höhenmeter: 20 hoch, 20 runter
  • Gastronomie: Diverses am Wegesrand
  • Link zu den GPX Daten
Hauptstadtwanderer unterwegs

Der Wanderweg führt mitten durch das Regierungsviertel.

Bild: © FUNKE Foto Services | Jörg Krauthöfer

Zu Fuß durch das Regierungsviertel der Hauptstadt

Wir starten am Dorothea-Schlegel-Platz, direkt gegenüber vom Bahnhof Friedrichstraße, und wandern am Presse- und Informationsamt der Bundesregierung über das Reichstagufer westwärts bis zur Marschallbrücke. Namensgeber für das Bauwerk war der preußische Generalfeldmarschall Gebhard Leberecht von Blücher, der durch den Sieg über Napoleon in der Schlacht bei Waterloo berühmt wurde. Südöstlich der Marschallbrücke befindet sich das ARD-Hauptstadtstudio; auf der anderen Straßenseite an der Wilhelmstraße liegt der Gebäudekomplex des Jakob-Kaiser-Hauses.

Hauptstadtwanderer - Wer Berlin neu entdecken will, sollte an der Spree entlangwandern – überraschende Ausblicke und spannende Geschichten warten am Wegesrand.

Auf der Nordwestseite grenzt das Marie-Elisabeth-Lüders-Haus an die dort beginnende Luisenstraße. Wir sind also mittendrin im Regierungsviertel. An der dem Fluss zugewandten Seite des Jakob-Kaiser-Hauses stehen 19 rund drei Meter hohe Glasstelen, in die die 19 Grundrechtsartikel des Grundgesetzes eingraviert sind. Der Künstler Dani Karavan schuf diese Installation.

Es geht am Reichstag, dem Sitz des Deutschen Bundestages, vorbei und die Stufen hinunter zur Spree. Sieben weiße Kreuze stehen am Fluss, der vor einigen Jahrzehnten noch als streng bewachte Grenze zwischen Ost-Berlin und West-Berlin verlief. Das Denkmal soll an alle Menschen erinnern, die bei dem Versuch, aus der DDR in den Westen zu flüchten, ihr Leben verloren.

Hauptstadtwanderer unterwegs
Weiße Kreuze direkt am Spreeufer erinnern an die vielen Menschen, die beim Versuch, die DDR in Richtung Westen zu verlassen, ihr Leben ließen.© FUNKE Foto Services | Jörg Krauthöfer

Wir genießen die Nähe zur Spree und wandern am Ludwig-Erhard-Ufer entlang bis zur Willy-Brandt-Straße. Auf der Ostseite sind das Futurium, das sogenannte Haus der Zukunft, und später der Berliner Hauptbahnhof zu sehen. Dort, wo heute das gigantische gläserne Dach, entworfen vom Stararchitekten Meinhard von Gerkan, in den Berliner Himmel ragt, stand bis 2002 der Lehrter Stadtbahnhof einsam und verlassen im ehemaligen Niemandsland.

Berliner Hauptbahnhof: architektonisches Juwel mit kaputten Rolltreppen

Das alte Backsteingebäude riss man nieder. 2006 wurde an gleicher Stelle Berlins wichtigster Personenbahnhof feierlich eröffnet. Etwa 350.000 Menschen nutzen am Tag die insgesamt 14 Bahnsteiggleise, um von hier aus in alle Himmelsrichtungen weiterzureisen. Zurzeit muss man als Reisender allerdings richtig fit sein: Keine der Rolltreppen, die die unterschiedlichen Stockwerke miteinander verbinden, funktioniert.

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Blick vom Ludwig-Erhard-Ufer über die Spree in Richtung Berliner Hauptbahnhof. In den warmen Sommermonaten ist die Liegewiese am Fluss ein beliebter Treffpunkt für Sonnenanbeter.

Bild: © FUNKE Foto Services | Jörg Krauthöfer

Nächstes Highlight auf der Wandertour ist die Moltkebrücke, eine kunstvoll geschwungene Sandsteinbrücke. Sie verbindet auf einer Länge von 78 Metern den Ortsteil Tiergarten mit dem Moabiter Werder. Eigentlich verläuft der Weg auch hier immer an der Spree entlang. Weil die Berliner aber unglaublich baubegeistert sind, wird zurzeit für mehrere hundert Millionen Euro der Erweiterungsbau des Bundeskanzleramts umgesetzt. Eine neue, riesige Stahlbrücke verbindet dann das Bundeskanzleramt mit dem neuen Areal. 

Die „Schwangere Auster“ und der Blick auf die Moabiter Skyline

Unser Weg führt also um das Kanzleramt herum zur Paul‑Löbe‑Allee. Dort geht es nach rechts in Richtung Haus der Kulturen der Welt und zurück zur Spree. Natürlich hat sich der Berliner Volksmund auch für dieses charakteristische Veranstaltungsgebäude einen Spitznamen einfallen lassen und ihm aufgrund der Muschelschalenform die Bezeichnung „Schwangere Auster“ verpasst. Schlagzeilen machte die Kongresshalle, als im Jahr 1980 Teile des Daches einstürzten. Der Grund war vermutlich Materialermüdung.

Hauptstadtwanderer unterwegs
Wenn es um Spitznamen für ungewöhnliche Gebäudeformen geht, sind die Berliner nicht auf den Mund gefallen. Das Haus der Kulturen der Welt ist als „Schwangere Auster“ bekannt.© FUNKE Foto Services | Jörg Krauthöfer

Der Uferweg ist ein beliebter Spazierweg der Berlinerinnen und Berliner und schlängelt sich nun ein paar Meter direkt am Tiergarten entlang, kreuzt den Spreeweg und führt uns an der Rückseite von Schloss Bellevue, dem offiziellen Amtssitz des Bundespräsidenten, vorbei weiter am Bellevue-Ufer entlang bis zur Moabiter Brücke. Von ihr, aber auch vom vorgelagerten Gerickesteg, hat man eine wunderschöne Aussicht über die Spree und auf die markanten Türme des Quartiers Spreebogen in Alt‑Moabit.

Wir sind im Hansaviertel, und auf der linken Straßenseite am Holsteiner Ufer reihen sich wunderschöne Bürgerhäuser aneinander. Es geht unter der Lessingbrücke hindurch, am Gymnasium Tiergarten und dem Schifferbrunnen vorbei bis zum Wullenwebersteg. Der Name soll an den Lübecker Bürgermeister Jürgen Wullenwever (1492–1537) erinnern. Dieser wurde seinerzeit wegen seines demokratischen Machtverständnisses hingerichtet.

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Wildromantisch ragen die Bäume am Wullenwebersteg in die Spree.

Bild: © FUNKE Foto Services | Jörg Krauthöfer

Wir überqueren die Spree und setzen die Wanderung am anderen Ufer nordwestwärts fort. Rechts befindet sich der Muriel‑Park. Einige Wandermeter weiter bietet der Aussichtspunkt „Spreekurve“ einen schönen Blick auf die städtebauliche Entwicklung, und vor der Gotzkowskybrücke ragen die markanten Türme der evangelischen Erlöserkirche in den Moabiter Himmel.

Insel-Blick, eine historische Brücke und Berlins schönstes Schloss

Kurz vor der Dovestraße mündet der Charlottenburger Verbindungskanal in die Spree. Seinen Anfang nimmt er einige Meter weiter nördlich im Westhafenkanal. Und weil die etwa 15.000 Einwohnerinnen und Einwohner der umliegenden Häuser mit dem Mierendorffplatz als zentralem Mittelpunkt des Stadtteils somit komplett vom Wasser umgeben sind, gaben sie ihrem Wohnviertel kurzerhand den Namen Mierendorff‑Insel.

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Hinter der Röntgenbrücke gelangen wir zum Siemenssteg. Die historische Stahlbrücke mit ihren Sandsteinrahmungen ist ein architektonisches Highlight am Wegesrand und führt vom Uferweg zur Straße Am Spreebord. Dahinter liegt das Heizkraftwerk Charlottenburg. Wir bleiben auf dem Uferweg, unterqueren die Caprivibrücke, passieren den Österreichpark, dann das Bonhoefferufer und wenden uns an der historischen Schlossbrücke nach links. Auf der anderen Seite wartet der Schlossgarten von Schloss Charlottenburg auf uns.

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Der Siemenssteg in Charlottenburg ist ein beliebter Fotospot.

Bild: © FUNKE Foto Services | Jörg Krauthöfer

Berlins schönste und wohl prächtigste Schlossanlage verzückt mit barockem Ambiente. Fast 200 Jahre diente sie den preußischen Königen als Sommerresidenz. Heute ist sie ein Museum und bei Touristinnen und Touristen aus aller Welt beliebt. Wer sich Zeit nimmt, vor allem im Sommer, wenn die unzähligen Blumenbeete in voller Blüte stehen, und durch den Englischen Garten schlendert, fühlt sich sofort ins 18. Jahrhundert zurückversetzt.  

Am Ende des Karpfenteichs im Norden der Schlossanlage führt eine rote Brücke über die Wasserkanäle. Von ihr hat man einen wunderbaren Blick auf das historische Ensemble. Über den Fürstenbrunner Graben gelangen wir zur Fußgängerbrücke „Tegeler Brücke“ und weiter zum Bahnhof Jungfernheide, dem Endpunkt unserer Wanderung entlang der Spree von der Friedrichstraße bis nach Charlottenburg.

Hauptstadtwanderer unterwegs

Blick vom Schlosspark über die Brücke am Karpfenteich bis zur markanten Kuppel des Schlosses Charlottenburg.

Bild: © FUNKE Foto Services | Jörg Krauthöfer