Steffen Krach war hier früher manchmal feiern. Ein Freund wollte den etwas unbestimmten Musikgeschmack des Neu-Berliners erweitern und führte ihn zu Rock-Konzerten ins Lido an der Schlesischen Straße. Und genau an jenem Ort mitten in Kreuzberg präsentierte der Spitzenkandidat der Berliner SPD am Mittwoch unter der Discokugel seine Kampagne für den Wahlkampf 2026.

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„Wieder Berlin mit Steffen Krach“ lautet der Hauptclaim, mit dem die SPD das Lebensgefühl der 2000er-Jahre heraufbeschwören möchte. Als er 2002 aus Göttingen in die Hauptstadt zog, sei Berlin eine Stadt gewesen, „die alle angezogen hat“, sagt Krach. „Alle haben gesagt, da wollen wir eigentlich auch hin“, schildert er die Reaktionen. In Berlin habe es eine „unglaubliche Dynamik, Zukunftsvisionen und Mut“ gegeben. „Das ist ein Stück weit abhandengekommen“, stellt der 46-Jährige fest. „Dorthin wollen wir wieder zurück.“ Allerdings nicht nostalgisch unter dem Motto „Früher war alles besser“.
Steffen Krach: „Man spürt eine Verzagtheit in Berlin“
Dass ihn die Berliner SPD in Hannover gefunden hat, wo er die letzten Jahre als Regionspräsident tätig war, soll an diesem Tag nicht angesprochen werden. Er habe 20 Jahre in Berlin gewohnt, sagt Krach, habe sieben Jahre lang als Staatssekretär Verantwortung für Wissenschaft und Forschung getragen. In Hannover muss er nur noch eine Personalversammlung seiner Verwaltung machen, dann sei der Job dort beendet. Seine Familie lebe inzwischen wieder in der alten Schöneberger Wohnung. Es fühle sich an, als seien sie nicht weg gewesen, lässt Krach den vom politischen Gegner angezweifelten Berliner Stallgeruch durchdringen.
Berlin habe 13 Jahre in Folge ein höheres Wirtschaftswachstum als der Bundesdurchschnitt erlebt, es gebe immer noch eine „wunderbare Kulturlandschaft“, sagt der studierte Politikwissenschaftler. „Aber man spürt eine Verzagtheit in Berlin.“ Dagegen setzt die Kampagne Sprüche wie „Wieder Zukunft ohne Zaudern“ oder „Wieder Eintracht statt Egoismus“.
Der Herausforderer wirft Kai Wegner Ambitionslosigkeit, Halbherzigkeit und Mutlosigkeit vor
Dass seine Partei in 21 der 24 Jahre seit Krachs Berlin-Umzug die Stadt regierte und somit wegen der explodierten Mieten, des Verlusts von Freiräumen für Kreative und Gründer etwas mit dem beklagten Verlust des Berlin-Gefühls zu tun haben könnte, wollte Krach nicht diskutieren. Natürlich habe es Fehler gegeben. Aber die SPD habe die besseren Senatoren im Senat. Das Problem verorten die Sozialdemokraten an der Spitze. Im Roten Rathaus regierten mit dem Christdemokraten Kai Wegner „Ambitionslosigkeit, Halbherzigkeit und Mutlosigkeit“, so Krach. „Es geht darum, wer diese Stadt führt.“ Man müsse den Mut zu klaren Entscheidungen in die Stadt zurückbringen.
Auf dem Weg in die Regierungszentrale sei die CDU mit Kai Wegner sein Hauptgegner. „Es gibt die Alternative zu Kai Wegner, das bin ich“, stellt der Herausforderer fest. Warum die SPD 2023 trotz eigener, wenn auch dünner Mehrheit aufs Rote Rathaus und die Fortsetzung der Linkskoalition mit Linken und Grünen verzichtet habe, erklärte Krach mit der unterschiedlichen Situation zu heute. Damals habe es einen klaren Wahlsieger gegeben. Nun habe sich aber herausgestellt: „Kai Wegner kann es eben nicht.“ Er wünsche sich mehr Stolz auf Berlin. Die Stadt könne Nummer eins sein bei Innovationen oder im Sport. „Wir können Expo und Olympia. Und mehr bezahlbaren Wohnraum, mehr Dynamik, mehr Solidarität“, wirbt Krach.
Ob die SPD Wegner wieder zum Bürgermeister wählen würde, sagt Krach nicht
Ob die SPD sich angesichts des extrem negativen Urteils über den Koalitionspartner denn vorstellen könne, Kai Wegner nach den Wahlen am 20. September erneut zum Regierenden Bürgermeister zu wählen, will Krach nicht sagen. Er werde gewinnen, und im Wahlkampf gebe es eben keinen Plan B.

Neben Krach demonstrieren an diesem Nachmittag führende Sozialdemokraten Einigkeit. „Berlin brauche wieder einen Bürgermeister, der anpackt, statt Tennis zu spielen“, sagt Krachs designierte Co-Landesvorsitzende Bettina König mit Verweis auf Wegners Sport-Stunde während des Stromausfalls im Januar. Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey rügt Wegners Zaudern bei der Bewerbung für die Expo 2035: „Vorne muss jemand stehen, der das auch vertritt und nicht hadert, große Ideen nach vorne zu bringen, die aus der Zivilgesellschaft kommen“, sagte die Politikerin, die zwischen 2021 und 2023 Wegners Vorgängerin an der Senatsspitze war.
Franziska Giffey wirbt für einen „Kurs der Mitte“, den in der SPD nicht alle gut finden
Gleichzeitig wirbt Giffey, deren Zukunft in der Berliner SPD keineswegs gesichert ist, mit Blick auf den Wahlausgang in Baden-Württemberg für einen „Kurs der Mitte“, den in Berlins links tickender SPD nicht alle goutieren. Die Partei müsse sich „an der arbeitenden Bevölkerung orientieren“, sagt die oberste SPD-Vertreterin im Senat. Es müsse Aufgabe der SPD sein, die 226.000 arbeitslosen Menschen in Arbeit zu bringen.
Fraktionschef Raed Saleh, nach wie vor ein sehr starker Mann im Landesverband, wirft Wegner vor, die Stadt zu polarisieren, anstatt für Ausgleich zu sorgen. „Die Menschen wollen inneren Frieden in der Stadt“, so der Spandauer. Die Menschen wollten „nicht verdrängt werden, sondern bleiben, wo sie zu Hause“ seien. Unter Wegner sei die Politik „im Kampfmodus“. Dabei gebe es eine große „Sehnsucht nach Vernunft“.
Spitzenkandidat Krach kündigt einen von Zuversicht geprägten Wahlkampf an. Das bezieht sich auch auf die Kampagne selbst. Die SPD werde es auf mehr Haustürgespräche bringen als die Konkurrenz von der Linken, die für diese direkte Art der Wählerkommunikation landauf, landab bewundert wird. Krach jedenfalls ist jetzt mit seinem Job in Hannover durch, kann nun mehr als 190 Tage Wahlkampf machen: „Ab jetzt ist Crunch-Time, es geht um alles.“





