Niemanden würde es wundern, wenn Georg Strecker irgendwo an einer unauffälligen Stelle, vielleicht hinterm Ohr oder unter einer Fußsohle, die Inventarnummer 001 tragen würde. Er gehört seit Jahrzehnten zum Wintergarten Varieté. Bei jeder Premiere gelang es ihm als Gastgeber mit tadellosen Umgangsformen, jedem einzelnen Besucher, den er persönlich begrüßte, die Gewissheit zu vermitteln, dass er der wichtigste Mensch im Saal ist. Das muss Strecker sich nun, auch wenn es schwer fällt, abgewöhnen. Er hat die Leitung des Hauses an die nächste Generation übergeben, bleibt dem Wintergarten nur noch für eine Übergangszeit als Berater verbunden. Plötzlich hat er den Kopf frei für ein Gespräch über Leben und Tod.

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Ein Thema, das für ihn früh Bedeutung erlangte. Als jüngstes der neun Kinder seiner katholischen Eltern musste er sich schon von drei Geschwistern verabschieden. „Mein Bruder Norbert starb, als ich 15 Jahre alt war. Er war gerade bei der Bundeswehr in Koblenz und wurde in Frankfurt am Ufer des Mains gefunden. Ermordet. Sein Tod Anfang der Siebzigerjahre war damals auch Thema in der Fahndungssendung ‚Aktenzeichen XY‘, der Mord blieb aber unaufgeklärt. Man weiß bis heute nicht, wie er an das Flussufer kam, was er da wollte und wer ihn umbrachte.“

Abschied und Erinnerung: Wie Familie und Bühne mit dem Tod umgehen

Von den Toten verabschiedet man sich in Georg Streckers Familie am offenen Sarg. Einmal, bei der Mutter, gelang sogar der Abschied mit den letzten Atemzügen. Die Familie hatte von den Ärzten den Hinweis bekommen, dass ihr nur noch wenige Stunden bleiben. Und weil Weihnachten war, waren sowieso schon alle versammelt. Nur einer der Söhne befand sich auf dem Weg zur Schwiegerfamilie. Er wurde erreicht und kehrte um. Obwohl die Mutter nicht mehr bei Bewusstsein war, schien sie genau zu registrieren, als die Familie schließlich vollständig war. Und starb eine Minute später. Maria Strecker, eine gläubige Frau, die neun Kinder aufgezogen hatte, verabschiedete sich an einem 25. Dezember. Seitdem ist das Weihnachtsfest in der Familie mit besonderen Erinnerungen an sie verbunden.

Als Theaterdirektor muss man sich auf alle Eventualitäten einstellen. Einen Tod im Zuschauerraum, auf oder hinter der Bühne gab es unter Georg Streckers Verantwortung nie. Er erinnert sich an den Sänger mit Kreislaufproblemen hinter der Bühne. Und an den Clown Sergej Maslennikov, der für eine Show im Wintergarten, dessen Publikum ihn liebte, eingeplant war. Aber kurz vor der Premiere starb. „Damit mussten und wollten wir umgehen. Wir haben dann also in jeder Show am Ende der Pause, als Einstieg in den zweiten Teil, ein Video mit Maslennikov gezeigt.“

Maslennikovs Tennisschläger-Jonglage begeistert zum Gipsy-Kings-Sound

Dieses Video verdeutlichte die besondere Kunst des Clowns. Er jonglierte mit Tennisschlägern, was für sich genommen nicht spektakulär war. Viele Artisten zeigen Jonglagen, die mehr hermachen, weil sie eine größere Zahl von Objekten in höherer Geschwindigkeit, vielleicht sogar brennend, durch die Bühnenluft wirbeln. Das absolut Sensationelle an der Nummer von Maslennikov bestand darin, dass er seine Tennisschläger in unfassbarer Perfektion synchron zur Musik der Gipsy Kings bewegte. Jeder Ton eine elegante Bewegung. Eine Nummer, an deren Ende noch das verwöhnteste Publikum in Ekstase versetzt war. Zur Erinnerung an Sergej Maslennikov hängen seine Tennisschläger jetzt in einer der großen Vitrinen des Wintergarten-Zuschauerraums.

Georg Streckers Mutter, diese feinsinnige, musische Klavierlehrerin, war ihr halbes Erwachsenenleben schwanger und damit beschäftigt, Kinder aufzuziehen: „Sie war zu katholisch, um zu verhüten. Und wenn nicht das erste Kind unserer Eltern noch während des Krieges gleich nach der Geburt verstorben wäre, dann wären wir sogar zehn Geschwister gewesen.“

Persönliche Abschiedsbotschaft soll Leben feiern

Auf dem Waldfriedhof in Bad Homburg gibt es eine Familiengrabstätte der Streckers. Am längsten liegt darin inzwischen der ermordete Bruder. Später kamen die Eltern dazu. Auch wenn es in Deutschland längst mehr Feuerbestattungen als Sargbegräbnisse gibt, gehörte bei den Streckers lange das, was von einem Familienmitglied übrigblieb, in einen Sarg. Ein Schwager und die zuletzt verstorbene Schwester ließen sich gegen diese Tradition verbrennen und ihre Asche in einem Friedwald begraben. Georg Strecker hat noch nicht festgelegt, was einmal in möglichst vielen Jahren mit seiner Hülle geschehen soll. Vielleicht legt er das noch fest, ansonsten gilt: „Das kann meine Frau entscheiden.“

Das Begräbnis eines Freundes vorletztes Jahr, der einen Brief an seine Hinterbliebenen verlesen ließ, hat einen Gedanken verstärkt, der seit einiger Zeit durch Streckers Unterbewusstsein huscht: „Ich mag nicht als schrumpelige Leiche oder Haufen Asche in Erinnerung bleiben. Deshalb würde ich gern eine kleine Ansprache an die, die mich überleben, aufnehmen. In der würde ich meine Zuhörer bitten, nicht nur traurig zu sein, sondern auch mein schönes Leben zu feiern.“