Kinder bleiben immer die Kinder ihrer Eltern, ganz unabhängig vom Alter. Und wenn alles so läuft, wie von der Natur vorgesehen, müssen sich diese Kinder rund um ihren 60. Geburtstag auf den unvermeidbaren endgültigen Abschied von den Eltern einstellen. Aber doch nicht mit sechs Jahren! So wie das Mike Buller geschah. 1973 verbrachte er als Sechsjähriger viel Zeit mit Besuchen in Krankenhäusern in Buch und Mitte. Seine Mutter starb. Er war noch so jung, dass die zweite Frau seines Vaters im täglichen Sprachgebrauch zur Mutter wurde und er später den Unterschied zur biologischen klarmachte, indem er die seine leibliche Mutter nannte.

Nicht seine einzige Begegnung mit dem Tod in jungen Jahren. Opas Lötkolben hätte ihn fast umgebracht, da war Mike 13 oder 14 Jahre alt. Der Großvater hatte einen Schalter an das Lötgerät gebastelt. Nicht eben fachmännisch, wie sich herausstellte, denn nun stand das Ding unter Strom: „Als ich anfasste, um herauszufinden, ob der Lötkolben warm wird, bekam ich einen Stromschlag. Ich verkrampfte, konnte also nicht loslassen. Und so wälzte ich mich schreiend am Boden, bis mein Vater angerannt kam und den Stecker rauszog.“ Im Krankenhaus wurde ein EKG gemacht. „Ich musste da einige Stunden bleiben. In dieser Zeit sah ich andere Patienten, die spektakuläre Unfälle mit der Kreissäge hatten. Das war gut. So konnte ich denken: Noch mal Glück gehabt – letztendlich.“

Dieses Glück im Unglück blieb ihm treu. Mike erinnert sich an eine Fahrt auf dem Beifahrersitz eines Trabis durch Brandenburg. Er war eingeschlafen, wachte kurz auf und dachte: „Ach, ich gurte mich mal an.“ Und döste wieder ein. Kurz darauf knallte der Trabi auf ein Stauende. Mike kam mit Rippenbrüchen davon, der Fahrer mit zwei gebrochenen Beinen. 

Wie der Freund zum Bestatter wurde

Für Mike endete gerade die wichtigste Phase seines Berufslebens. 1995 hatte er mit einem Freund gemeinsam das Künstlerheim Luise in Mitte gegründet. Von Künstlern gestaltete Zimmer, die bei Berlin-Besuchern gut ankamen. Charmante Idee: die Künstler erhielten Anteile am Mietpreis der von ihnen gestalteten Räume. In der ersten Januarwoche verabschiedete sich Mike nun vom Haus. „Die Luise“, wie er sie nennt, ist verkauft. Sein Freund Torsten, der andere Gründer, hatte sich schon vor Jahren zurückgezogen. Er wurde auf Umwegen Bestatter. „Das hat mich überrascht, Torsten kam ja aus dem Kulturbereich. Und nun das.“

Der Vater von Mike Buller war ein großer Fußballfan, hatte die Spielstatistiken aus Jahrzehnten im Kopf. Einer der glücklichsten Tage seines Lebens war der 9. Juli 2006. Da hatte ihm sein Sohn nämlich eine ganz besondere Eintrittskarte besorgt und er saß im Finale der Fußball-Weltmeisterschaft zwischen Italien und Frankreich im Berliner Olympiastadion neben Lukas Podolski. Als Mikes Vater starb, mit 93 Jahren und bei seiner Lieblingsbeschäftigung, beim Anschauen eines Fußballspiels im Fernsehen, übernahm Torsten das Begräbnis.

Andreas Kurtz, Kolumnist und Trauerredner.
Andreas Kurtz, Kolumnist und Trauerredner.© Christian Schulz

Mike erinnert sich: „Vater wollte anonym begraben werden, weil er ganz realistisch davon ausging, dass sich niemand darum drängen würde, das Grab zu pflegen und da regelmäßig hinzugehen. Torsten schlug ein Baumbegräbnis vor.“ Damit konnte sich Mike anfreunden: „Nicht anonym, aber trotzdem keine Grabpflege. Also wurde es ein Baum auf dem Südwestkirchhof in Stahnsdorf.“ Und vorher eine Trauerfeier in der wunderschönen hölzernen Friedhofskapelle dort, in der schon Szenen für die Serien „Dark“, „Babylon Berlin“ und „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ gedreht wurden. Und während es in der Rede um Mikes Vater ging, fiel in diesen dunklen Raum ein Sonnenstrahl und traf genau auf Vaters Foto, das neben der Urne stand. Für die musikalische Gestaltung der Feierstunde hatte er einen Wunsch hinterlassen: „Drei schwarze Lilien“, ein Trinklied, das auch als Lied der Drucker gilt (was jedem naheliegend vorkommt, der schon mal mit Druckern getrunken hat).

2004 war die Tante von Mike gestorben. Sie hatte ihm eine Generalvollmacht und den Auftrag hinterlassen, sich um die Abwicklung ihrer Hinterlassenschaften zu kümmern. Diese Tante hatte ihr eigenes Begräbnis schon geplant. Im Nachhinein begriff Mike: leider. „Bestattungsunternehmen, Friedhof und Grabredner standen fest und waren bezahlt. Und das, was dabei herauskam, war trostlos und einfach schrecklich.“ Aber sein Freund Torsten wurde ja erst 2011 Bestatter. 

Die Frage, wie den der Bestatterberuf verändert hat, lässt Mike nur kurz stutzen: „Seine ruhige Art, die hat er vorher schon gehabt, die kommt dem natürlich sehr entgegen. Ich denke, dass er vielleicht sogar seine Berufung gefunden hat. Vor den Trauerfeiern für Vater und Mutter kam er zu uns nach Hause und wir haben geredet und gemeinsam mit den Kindern einen Kranz gesteckt. Das war schön.“ Mike Buller, Jahrgang 1967, wird nächstes Jahr 60 Jahre alt. Und schiebt den Gedanken an sein eigenes Ende weit von sich: „Meine Mutter wurde nur 45. Unsere jüngste Tochter ist erst fünf. Ich muss noch durchhalten.“