Vor einigen Jahren saß ich am Esstisch einer ehemaligen Kinderfernsehgröße. Damals schon 78 Jahre alt, aber noch beneidenswert fit und gut mit Tourneeprogrammen unterwegs. Sie trat inzwischen auch in Pflegeheimen auf und stellte sich rührend auf ihr langsam im Nebel der Demenz verschwindendes Publikum ein. Wir redeten über den Tod, denn die Künstlerin hatte erlebt, was den meisten von uns erspart bleibt: Sie las Nachrufe auf sich und ihr Leben.
Ihre Kinderfernsehfigur war nacheinander von drei Schauspielerinnen gespielt worden. Als eine der Kolleginnen starb, wurde plötzlich ihrem Sohn kondoliert. Die tatsächlich aber erfreulich untote Künstlerin machte nun die Erfahrung, dass sich so eine Neuigkeit vom Ableben deutlich schneller verbreitet als deren Korrektur. Als der Sohn den ersten großen Schrecken überwunden hatte, äußerte er angesichts der bis unter die Decke mit Büchern und Reisemitbringseln vollgestopften Behausung der Mutter den Wunsch, doch bitte vor ihr zu sterben, damit er diese Wohnung nicht ausräumen muss.
Loslassen zur Vorbereitung auf das eigene Ende
Früher oder später fragen wir alle uns einmal, was von uns bleibt, wenn wir gehen. Ich ertappe mich dabei, wie ich manchmal an einem alten Notizbuch festhalte, als hinge daran ein Stück Identität. In Wirklichkeit ist das nur Sentimentalität. Wer soll lesen können, was darin steht? Ich kann es ja selbst nicht mehr … Loslassen kann eine gute erste Übung zur Vorbereitung auf das eigene Ende sein.
Vielleicht helfen diese Überlegungen: Die Hinterbliebenen haben ein eigenes Leben. Und keine Zeit, die Hinterlassenschaften von meinem zu sichten, zu bewerten, zu sortieren. Wie sollte auch das, was sich bei mir in Jahrzehnten ansammelte, Platz in den Zweieinhalbzimmer-Realitäten der Kinder finden? Also landen ganze Leben unsortiert in Papiercontainern. Das ist oft ja schon deshalb so, weil die Wohnung nach dem Tod des Mieters schnell geräumt werden muss. Wer also die Hoffnung, dass vom eigenen Dasein etwas mehr als Jahr für Jahr immer stärker verblassende Erinnerungen bleiben, nicht völlig fahren lassen will, sollte Vorkehrungen treffen.
Nachrichten aus dem Jenseits
Systematisches Vorgehen könnte mit der Anfertigung einer Liste beginnen, auf der alle Menschen stehen, denen ich Erinnerungen hinterlassen möchte: Kinder, Enkel, Geschwister, Freunde, Chorbrüder und -schwestern, ehemalige Kollegen. Also werden stabile Schachteln angeschafft, in denen kleine Erinnerungsstücke und gemeinsame Fotos landen. Vielleicht auch mal ein Zettel, auf dem der Empfänger nach dem Tod des Absenders einen Gruß oder Dank entdeckt, mit dem er nicht gerechnet hätte. Wie eine Nachricht aus dem Jenseits. Ich stelle mir das sehr berührend vor. Empfehlenswert ist auch, in diesem Zusammenhang an den Trauerredner zu denken, denn der freut sich über Erinnerungen an Kindheit und Jugend, ein Grundschulzeugnis mit der Charakterisierung durch die erste Lehrerin, vielleicht sogar einen Lebenslauf, der ihm die Arbeit erleichtert.
Kann so ein Ordnungssystem dabei helfen, sich von bedeutungslosem Ballast zu trennen? Nur dann, wenn wir uns beim Sortieren der Hinterlassenschaft unseres Lebens diese Frage stellen und ehrlich beantworten: Gibt es jemanden, der ein echtes Interesse an diesem ganz konkreten Stück hat? Bei allem, was sich an Erinnerungsstücken angesammelt hat, sollten auch die ganz alltäglichen Dinge nicht vergessen werden. Ist dafür gesorgt, dass sich jemand um Katze oder Hund kümmert?
Weiß der, der es wissen muss, wo das Sparbuch liegt oder welche Onlinekonten es gibt? Existiert eine Vollmacht? Ist der digitale Nachlass geregelt? Passwörter, Konten, Profile gehören in die richtigen Hände. Für die letzte, ultimative Nachricht. Und später für das Betätigen des Lösch-Buttons. Es ist ein Akt der Höflichkeit, nicht zu viel digitales Durcheinander zu hinterlassen.
Wer sich endlich durchgerungen hat, die Dinge seines Lebens zu ordnen, sollte auch das Zwischenmenschliche nicht vergessen. Ich habe das mal erlebt. Da kam eine Mail, in der mir ein Herr von fast 100 Jahren kurz vor seinem runden Geburtstag mitteilte, dass er mir nicht mehr gram ist. Er nannte das, was zwei Jahrzehnte unser Verhältnis belastete, „Irritationen zwischen uns“ und erklärte sie für beendet. Ganz offenbar arbeitete er eine Liste ab und konnte jetzt hinter meinen Namen einen Haken setzen.

Ich wünsche jedem – auch mir! – die Kraft und charakterliche Größe, angesichts der eigenen Endlichkeit zu verzeihen, um Entschuldigung zu bitten, einen versöhnlichen Schlussstrich zu ziehen. Manchmal reicht ein Anruf, ein „Lass uns das nicht so stehen lassen“. Es geht nicht darum, alles ins Reine zu bringen. Nur darum, dass am Ende keine unnötige Schwere bleibt.
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Vielleicht würde sich das Leben leichter anfühlen, wenn wir öfter aufräumen – innen wie außen. Nicht aus Angst vor dem Ende, sondern aus Zuneigung zum Hier. Denn wer seine Angelegenheiten regelt, sagt im Grunde: „Ich bin bereit, das Leben ernst zu nehmen.“
Und vielleicht ist das die tiefste Form von Lebensfreude: zu wissen, dass man jederzeit gehen könnte, ohne Chaos zu hinterlassen. Wenn wir ehrlich sind, machen wir diese Ordnung nicht nur für andere. Ich mache sie für mich. Aus Neugier. Ich möchte wissen, was bleibt, wenn ich alles Überflüssige abziehe.


