Wer ein langweiliges Leben lebte, der wünscht sich für das Ende ja vielleicht eine deutliche Abweichung von der Norm. Sodass die, die auf sein gewesenes Dasein blicken, zum Schluss resümieren können, es sei „im Abgang spektakulär“ gewesen. Wenigstens das!

Mir kommt da eine Dienstleistung in den Sinn, von der ich vor Jahren las: Da ließ sich für die Trauerfeier eine geheimnisvolle Dame mieten. Aufsehenerregend im Auftritt, optisch wie einem Hollywood-Begräbnis entsprungen, Model-Maße, Hütchen mit schwarzem Schleier vor dem Gesicht. Typ heimliche Geliebte. Eine Erscheinung. Und sichtlich tief bewegt vom Abschied in der Kapelle und am Grab. Familie und Freunden ein großes Rätsel, denn niemand kennt die Dame. Womit sie genau das liefert, wofür sie engagiert wurde: Verwirrung, Irritation, Lästereien hinter vorgehaltener Hand, bei denen auch mal Bewunderung mitschwingt („Hätte ich ihm gar nicht zugetraut …“). Diese geheimnisvolle Trauernde konnte von Sterbenden mit besonderem Sinn für Humor gebucht werden. Um das Begräbnis zu würzen. Vielleicht hilft der Gedanke daran ja auch, mit einem Lächeln zu sterben.

Die Betonung verschiebt sich von der Trauer auf die Feier des Lebens

Eine US-amerikanische Dienstleistung. Die Kultur der Trauerfeier ist dort eine andere. Auch spontane Wortbeiträge von Freunden, Verwandten, Nachbarn oder Kollegen, die eine Anekdote über den Verstorbenen erzählen, gehören dazu. Diese ganz persönlichen Erinnerungen bringen im Idealfall eine gewisse Leichtigkeit in den Abschied, verschieben die Betonung bei der Trauerfeier von der Trauer auf die Feier des Lebens.

Bei den minutiös durchgeplanten Trauerfeiern in Deutschland wird Spontaneität eher als störend empfunden. Schließlich wartet doch draußen schon die nächste Trauergesellschaft. Bitte nicht stehen bleiben, hier gibt es nichts zu sehen! Störungen im Betriebsablauf sind zu unterlassen. Wer in Berlin die Friedhofskapelle nur für den üblichen Halbstundentermin gebucht hat (wovon ich generell abrate – nehmt die volle Stunde!), der erlebt dann auch noch den peinlichen Moment, in dem der Herr von der Friedhofsverwaltung streng auf seine Uhr schaut.

Wenn ich eine Trauerrede halte, rechne ich mit Überraschungen

Wenn ich eine Trauerrede halte, rechne ich immer mit Überraschendem. Vielleicht öffnet sich ja mittendrin wirklich mal die große Tür der Kapelle und der Eintretende ruft: „Aufhören, ich bin das nicht, da in dem Sarg!“ Dann ist hoffentlich jemand so geistesgegenwärtig und fängt die in Ohnmacht fallende Nicht-Witwe auf! Ich werde dazu nicht in der Lage sein.

Einmal fühlte ich mich so einer Situation schon nah. Etwa zur Hälfte der Rede öffnete sich die Tür, die ja genau in meinem Blickfeld lag. Der Eintretende ließ sich nicht davon irritieren, dass ich gerade das Leben der Verstorbenen erzählte. Ohne zu zögern oder sich von mir stören zu lassen, kam der Verspätete nach vorn, schaute sich die Blumen rund um die Urne an, legte seine dazu und setzte sich dann in die erste Reihe. Neben einer der Töchter der Frau, deren Abschied wir feierten. Da es nur eine einzige Chance gibt, so eine Grabrede anständig vorzutragen, zwinge ich mich immer – so auch in diesem Moment – zur vollen Konzentration auf den Text und den Moment. Jetzt bloß nicht verhaspeln! Seltsamerweise hatte mein damit doch eigentlich gut ausgelastetes Hirn noch freie Kapazitäten für einen etwas abseitigen Gedanken. Angesichts von Kleidung und Habitus des Störers kam mir in den Sinn, dass der bestimmt mit einem Liegerad vorgefahren sei.

Kolumnist und Trauerredner Andreas Kurtz
Kolumnist und Trauerredner Andreas Kurtz© Christian Schulz | .

Ich habe mir angewöhnt, in den Gesprächen mit Hinterbliebenen, in denen ich mir in Vorbereitung auf die Rede das Leben der oder des Verstorbenen erzählen lasse, diese Frage zu stellen: Gibt es ein Familiengeheimnis, das ich kennen sollte, damit es mich bei der Trauerfeier nicht kalt erwischt? Einmal schauten die beiden Kinder der Verstorbenen in diesem Moment einander tief in die Augen und stutzten kurz. Dann erzählten sie von der verstoßenen Schwester. Es gäbe eine theoretische Möglichkeit, dass die auftaucht…

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Und einmal teilte ich mit der Witwe in der ersten Reihe ein Geheimnis. Sie war ihrem Mann in der Zeit zwischen seinem Tod und dem Begräbnis draufgekommen, dass der sie mit anderen Frauen betrogen hatte. Der uneingeweihte Betrachter der Szenerie konnte nun den falschen Schluss ziehen, dass sie die Urne des Gatten während der gesamten Trauerfeier freundlich zugewandt betrachtete. Dabei war es Zufriedenheit in ihrem Gesicht. Denn sie hatte den Fremdgeher überlebt.