Als Gregor Gysi kommt, läuten die Kirchenglocken über Westend. Auf der Galerie stimmt der Chor ein Halleluja an. Die Menschen strömen in die Heilig-Geist-Kirche, am Ende müssen Leute stehen. „Voll wie sonst nur am Heiligabend“, stellt ein regelmäßiger Besucher der sonntäglichen 11.30-Uhr-Messe fest.

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Ein alter Kommunist in einem katholischen Gotteshaus: Dieser Kontrast zieht auch im bürgerlichen Westen Berlins, wo die Menschen politischer Sympathien für die Linke eher abhold sind. Und Gysi, der immer noch prominenteste Kopf der Linken und Alterspräsident des Bundestages, geht immer. Er macht am Sonntag den Auftakt zu einer Predigtreihe, in der verschiedene Persönlichkeiten ihre Sicht auf Gott und die Religion darlegen. „Wir sind offen für ihre Worte“, sagt Pfarrer Gerald Tanye. Er stammt aus Ghana und leitet seit 2016 die Gemeinde an der Bayernallee.

„Ich glaube nicht an Gott“, sagt Gregor Gysi

Gysi kann sich eine kleine Nebenbemerkung nicht verkneifen. Er rede hier nicht wegen „Personalmangels“ unter katholischen Geistlichen. Aber wenn er eingeladen werde, spreche er auch gerne in Kirchen. „Ich glaube nicht an Gott“, stellte der Ost-Berliner klar. „Aber ich fürchte eine Gesellschaft ohne Religionen.“ Damit hebt sich der langjährige Vorsitzende der SED-Nachfolgepartei PDS von anderen Linken ab.

Nur Religionen könnten eine „allgemein verbindliche Moral“ formulieren, stellte der Jurist mit Blick auf die Zehn Gebote und die Bergpredigt fest. Dort habe Jesus den alttestamentarischen Grundsatz „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ durch die Aufforderung ersetzt, nach einem Schlag auch die andere Wange hinzuhalten. „Das prägt unsere Moral ganz entscheidend“, sagt Gysi. Für ihn selbst bedeutet das, dass er politische Gegner, die ihn gehasst hätten, nicht auch „zurück gehasst“ habe. Geliebt habe er sie aber auch nicht, so der 78-Jährige.

Sozialisten hätten mit dem real existierenden Sozialismus den Anspruch auf moralische Allgemeinverbindlichkeit verspielt. Konservative seien zu nah am Kapitalismus, der die Welt zerstöre und viel Leid verursache. Zwischen Christen und Linken findet Gysi einige Parallelen. Beide wollten die Welt besser machen und sollten sich davon nicht abbringen lassen. „Nächstenliebe, man kann auch Solidarität sagen, ist in uns stärker verankert, als manche uns weismachen wollen“, sagt Gysi.

Ein Appell von der Kanzel: Demokraten von CSU bis Linke sollten miteinander reden

Als gemeinsame Aufgabe von Christen und Linken, ja von Parteien überhaupt, benennt er, das Vertrauen dieser 44 Prozent der Bevölkerung in die Demokratie zurückzugewinnen, die entweder gar nicht, rechts außen oder chancenlose Kleinstparteien gewählt hätten. Demokraten von CSU bis Linke müssten „miteinander reden“ können, sonst würden die Diskussionen „enger“, mahnte Gysi einen Dialog über politische Lager hinweg an. So wie er ihn an diesem Tag über die Grenzen von Konfessionen hinaus demonstrierte.

Beim Gespräch im Pfarrsaal zeigten sich die Katholiken dann kirchenkritischer als der Linke. Sie sprachen von Verbrechen der Kirche und fragten sich, wie Christen in den USA die „menschenverachtende Politik“ von Trump unterstützen könnten. Gysi hatte auch dafür eine Antwort. Trotz aller Mängel seien die Kirchen wichtig, um die Demokratie zu verteidigen. Die Evangelikalen in Amerika seien fanatisch. „Das ist nie gut.“