Liebe Leserin, lieber Leser,

neulich war es wieder einmal so weit: Ein Kollege sprach mich an, weil er einen Restaurant-Tipp haben wollte. Sie können es sich vorstellen, mir passiert das immer und ständig, wenn die Menschen erfahren, welchen Beruf ich habe. „Oh, Sie sind Gastro-Journalist? Ich suche ja schon lange ein günstiges und gutes Restaurant in...“ Jetzt können Sie einen beliebigen Berliner Ortsteil einsetzen. Auch beliebt bei jüngeren Kolleginnen und Kollegen: „Ich habe Besuch von meinen Eltern und würde gerne mit denen gut essen gehen.“ Meine erste Frage ist dann immer: Wo ungefähr? Dann: Welche Länderrichtung? Und schließlich: Wie teuer darf es sein? Damit findet sich eigentlich immer etwas Passendes.

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Mir geht es da ähnlich wie meinem Vater. Erfuhren die Leute, dass er Arzt war, dann hieß es immer gleich: „Ach Herr Doktor, ich habe immer so Schmerzen in der Schulter, könnten Sie da mal einen Blick draufwerfen? Mein Hausarzt ist ratlos.“ Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, ich helfe immer gern und freue mich, wenn ich hinterher das Feedback bekomme, es sei ganz toll gewesen und habe den Eltern (oder der neuen Freundin respektive dem neuen Freund auch gefallen).

Aber die Anfrage des Kollegen neulich war speziell. Er schilderte mir den Fall, dass er abends länger bei einer Veranstaltung gewesen sei, die kulinarisch wohl eher sparsam ausgestattet war. Und dass er hinterher mit einem anderen Kollegen noch etwas essen wollte. Keine Currywurst, keinen Burger, keinen Döner, sondern richtig in einem Restaurant. Nur sei es da schon nach Mitternacht gewesen und sie hätten nicht so richtig gewusst, wo sie hin sollten, es habe alles zugehabt. Ob ich nicht was wüsste, so für die Zukunft.

Ich muss gestehen: Die Frage brachte mich etwas in Bedrängnis. Noch vor ein paar Jahren hätte ich zielsicher „Leibniz-Klause“ gesagt, denn schon in meiner Kindheit war sie bekannt dafür, dass es 24 Stunden warmes Essen gab. Das nutzten neben anderen auch viele Menschen, die aus fernen Ländern zu später Stunde in Berlin landeten und dank Zeitverschiebung Hunger hatten, da es in ihrem Urlaubsland gerade Zeit fürs Dinner gewesen wäre, hier aber schon 2 oder 3 Uhr morgens. Aber die „Leibniz-Klause“ gibt es nicht mehr, und so kam ich ins Grübeln. Wo bekommt man in Berlin um 1 Uhr morgens noch warmes Essen? Mir fiel auf Anhieb nichts ein, ich vertröstete den Kollegen und stellte die Frage meinen Autorinnen und Autoren sowie der KI.

Das Ergebnis war erstaunlich dürftig. Also nicht für „Metropolen“ wie Buxtehude, Bottrop oder Radevormwald. Aber für Berlin? Die Stadt, die nie schläft? Die immer am Rennen ist? Erstaunlich. Wohl gemerkt, wenn man Imbissbuden und Burgerläden ausklammert. Nach Mitternacht hat fast nichts mehr geöffnet. Und selbst einige Institutionen, die bekannt dafür waren, dass sie 24/7, also täglich und rund um die Uhr, offen hatten, teilten meiner Kollegin Juliane Eva Reichert bei ihrer Recherche mit, man habe die Öffnungszeiten verändert und schließe jetzt um 23 Uhr. Autsch.

Dennoch ließ sie nicht locker und hat schließlich wirklich einige Angebote gefunden, wo Sie auch nach Mitternacht noch verköstigt werden. Interessanterweise liegen die meisten davon in meinem geliebten Charlottenburg, nicht in Friedrichshain, Kreuzberg und Mitte. Was bei mir ein wenig Häme auslöst, wie ich zugeben muss. Von wegen spießig. Das wahre Nachtleben findet vielleicht doch in der City West statt, nicht in den hippen Ausgehkiezen.

Von Filmzitaten, Liebesknochen und luftigen Beuteln

Es gibt Spezialitäten, die lassen mich unweigerlich an Filmszenen denken. Ich bin bei meinen Bekannten und im Kollegenkreis ohnehin dafür verschrien, dass ich ein wandelndes Filmzitate-Lexikon bin, und werfe gerne mit mehr oder weniger coolen Sprüchen aus „Star Wars“- („Sie fliegen mit dem Ding? Sie sind mutiger, als ich dachte“) oder „Herr der Ringe“-Filmen („Du kannst nicht vorbei!“) um mich. Auch „Manche mögen’s heiß“ ist ein guter Lieferant („Daphne! Sie führen schon wieder!“). Und manches Essen assoziiere ich eben mit Filmszenen. Aal leider mit der „Blechtrommel“, wer den Film mal gesehen hat, weiß, welche Stelle ich meine.

Zum Glück kann ich das im Ernstfall ausblenden, so auch beim Probeessen für das Februar-Menü, da ist ein Gang Aal. Aber natürlich nicht simpler „Aalgrün“, sondern.... ach ja, das ist ja noch eine Woche zu früh, jetzt hätte ich fast etwas ausgeplaudert. Sie können sich jedenfalls schon mal freuen und den Wecker stellen. Das Morgenpost-Menü Februar wird ein echter Kracher und eines der exklusivsten Events, das wir in der Reihe jemals hatten, sowohl wegen der Lokalität, als auch wegen der Besetzung. Als der Koch mir seinen Vorschlag machte, da... Naja, lassen Sie sich überraschen und seien Sie dann bitte schnell. Ich bin sicher, dass das Menü in sehr kurzer Zeit ausreserviert sein wird, so der Fachbegriff. Deshalb wird der Newsletter Sie nächste Woche auch schon um 6 Uhr erreichen, nicht erst um 10, damit Sie eine faire Chance haben. Nein, mehr darf ich wirklich nicht sagen, nein, auch nicht den Bezirk, nein, auch nicht, ob Ost oder West. Sie werden es ja sehen. Vorfreude ist doch bekanntlich die schönste.

Victor Victoria
Julie Andrews als Victor in „Victor/Victoria“.© picture alliance / Collection Christophel | NZ

Zurück zu den Filmszenen: Bei Windbeuteln oder Éclairs muss ich immer an „Victor/Victoria“ denken. Kennen Sie nicht? Da geht es Ihnen leider wie vielen, was ich weiterhin nicht verstehe. Der Film mit Julie Andrews (bekannt aus „Mary Poppins“) als abgebrannte Opernsängerin, die im Paris der 1930er-Jahre als Frau vorgibt, ein Mann zu sein, der vorgibt, eine Frau zu sein, ist brüllend komisch und dank der großartigen Musik von Henry Mancini und der wunderbaren Stimme von Andrews auch ein sehr hörbares Filmvergnügen. Zu Beginn dieses Films geht Julie Andrews in der Rolle von Victoria Grant (später Graf Victor Grazinski) an einem Pariser Restaurant vorbei. Es ist kalt, es schneit, sie hat kein Geld, aber fürchterlichen Hunger, weil sie schon tagelang nichts mehr gegessen hat. Durch das Fenster des Restaurants sieht sie einen dicken Mann, der mit größtem Genuss einen gigantischen Éclair mit Sahne isst. Es könnte auch eine Art Cremeschnitte sein, so ganz genau ist das nicht zu erkennen. Sie folgt jeder seiner Bewegungen mit den Augen, und als er da so richtig herzhaft hineinbeißt, wird sie glatt ohnmächtig.

Windbeutel
Pâtissière Anna Plages vom „Du Bonheur“ mit dem französischen Klassiker Éclair.© Manuela Blisse | Manuela Blisse

Windbeutel und Éclairs stehen mit an der Spitze der Leckereien, die für Süßschnäbel erstrebenswert sind: Brandteig mit Sahnefüllung. Eine Versuchung, ein Genuss. Die „Liebesknochen“ konnten mich als Kind ebenfalls begeistern, vor allem die Vanillecreme hatte es mir angetan. Auch heute haben sie für viele Menschen (außer für mich) nichts von ihrer Beliebtheit verloren. Manuela Blisse hat sich für Sie im Reich der Süßen und Schönen umgesehen und verrät Ihnen, wo Sie die wahrscheinlich besten Windbeutel und Éclairs in Berlin bekommen. Aber bitte nicht gleich in Ohnmacht fallen 😉.

Zu Besuch beim „besten Italiener“ Berlins

Es war eine Meldung, die aufhorchen ließ: Ende vergangenen Jahres teilte die sehr umtriebige True-Italian-Initiative (bekannt für ihre Pizza- und Streetfood-Festivals) mit, dass das „Lagalante“ in Schöneberg zum besten italienischen Restaurant der Stadt gekürt worden sei.

Nun muss man offen sagen, dass die Bewertung durch die Macher von True Italian nicht ganz so viel Gewicht haben dürfte, wie eine durch den Guide Michelin, durch Restaurant-Ranglisten oder die 50 Best. Dennoch: Wenn ein Kiez-Italiener eine solche Auszeichnung erhält, dann ist das Grund genug, dort vorbeizuschauen.

Lagalante
Antonio Lagalante mit seinem Vitello Tonnato.© Gesa Noormann | Gesa Noormann

Meine Kollegin Gesa Noormann, die allem Italienischen sehr zugetan ist, machte sich also auf, um Besitzer und Küchenchef Antonio Lagalante kennenzulernen. Der hat früher auf hoch ästhetische Teller gesetzt, ganz der Sterneküche verpflichtet. „Aber was bringt mir das, wenn das Lokal nicht jeden Abend voll ist?“, sagt Lagalante. Tja, das ist eine Gretchenfrage, die sich zurzeit viele Restaurants stellen. Schon seit Monaten erreichen mich Pressemitteilungen und Einladungen, dass Lokale ihr Konzept ändern und es mir gerne vorstellen würden. Die meisten von ihnen gehen weg von den komplexen Kreationen auf dem Teller, hin zu einer traditionelleren, einfacheren Küche – ohne natürlich Abstriche bei der Qualität zu machen. Und erfüllen damit den Wunsch ihrer Gäste, die sich in diesen schwierigen Zeiten offensichtlich nach einfacheren, klar verständlichen Gerichten sehnen. Nichts Kompliziertes für den Verstand, sondern einfache Genüsse für die Seele.

So auch Lagalante. Er kocht jetzt traditionelle italienische Küche, aber immer auch mit einem Lagalante-Twist. Meine Kollegin war bei ihrem Besuch jedenfalls von dem, was sie auf dem Teller und im Glas vorfand, sehr angenehm überrascht und hat ihre Erfahrungen für Sie zusammengefasst.

Damit stelle ich für heute den Geschirrspüler an und schnappe mir den Putzlappen. Was gibt es bei Ihnen am Wochenende? Etwas Komplexes oder echte Seelenwärmer? In jedem Fall wünsche ich Ihnen viel Freude mit Ihren Kreationen oder denen der zahlreichen Köche in Restaurants und wie immer eine genussvolle Woche.

Herzlich, Ihr

Alexander Uhl

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