Was bringt einen Menschen dazu, einen anderen kaltblütig zu ermorden? Mit einem Hammer auf ihn einzuprügeln, bis er stirbt? Diese Frage beschäftigte in den 1990er Jahren die Polizei in Berlin. Denn nach dem Tod eines Obdachlosen fehlte jede Spur – vom Täter und vom Motiv. Wie die Polizei den Fall doch noch aufklären konnte, lesen Sie in dieser Folge unserer True-Crime-Serie „Das dunkle Berlin“.
Berlin-Moabit, Mai 1992: Im Kleinen Tiergarten riecht es nach Regen und Bier; Pfützen glänzen auf dem Asphalt der Turmstraße. Zwischen Parkbänken liegt ein Mann, reglos, der Schlafsack aufgerissen. Als Passanten ihn umdrehen, sehen sie Blut und das Ausmaß einer brutalen Gewalttat, die sich wenige Stunden zuvor abgespielt hatte. Herbert W. (52) ist tot. Sein Kopf zertrümmert – mit seinem eigenen Zimmermannshammer. Jahrelang fahndet die Mordkommission nach dem Täter: ohne Erfolg. Bis schließlich 17 Jahre nach der grausamen Tat eine neue Spur auftaucht – und die Ermittler auf die Fährte eines polizeibekannten Mannes führt.
Hammermord von Moabit: Die Fakten zum Fall im Überblick
| Fall | Mord an Obdachlosem in Moabit |
| Tat-Zeitpunkt | Nacht vom 19. auf den 20. Mai 1992 |
| Tatort | Kleiner Tiergarten, Berlin |
| Status | Täter 2010 vom Berliner Landgericht zu lebenslanger Haft verurteilt |
| Besonderheit | Teil einer Mordserie im Frühjahr 1992 |
True Crime Berlin: Schockierender Fund im Kleinen Tiergarten
Es ist ein Fall, der in Berlin und darüber hinaus für großes Aufsehen sorgte: In einer Grünanlage in Moabit, dem Kleinen Tiergarten an der Turmstraße, entdeckten Passanten 1992 einen Mann reglos auf einer Parkbank liegend. Herbert W., der wechselweise bei Verwandten und Bekannten übernachtete, verbrachte die Nacht im Freien. Das wurde ihm zum Verhängnis: Er wurde gegen Mitternacht des 20. Mai 1992 mit einem Zimmermannshammer erschlagen. Der Anblick der schlimm zugerichteten Leiche schockierte selbst hart gesottene Ermittler.
23 Schläge mit der stumpfen und mit der spitzen Seite des Hammers hatten den Schädel des Opfers regelrecht zertrümmert. Außerdem wurde mehrfach mit einem scharfen Gegenstand auf den Sterbenden eingestochen. Nach dem Fund der Leiche ermittelte die 6. Mordkommission zunächst im einschlägigen Milieu, gab es doch Hinweise auf ein Zechgelage des Getöteten, bei dem es zum Streit gekommen sein könnte. Doch alle Spuren verliefen im Nichts – fast 18 Jahre lang blieb der Fall ein Rätsel, das die Polizei trotz beharrlicher Bemühungen nicht lösen konnte.
Aus unserer True-Crime-Serie „Das dunkle Berlin“
Hammermord von Moabit: Täter auf der Flucht – Ermittler stochern im Dunkeln
Zwar hatte die Spurensicherung eine der beiden Mordwaffen noch am frühen Morgen des 20. Mai 1992 am Tatort sicherstellen können: den Hammer, der dem Mordopfer, einem Bauhelfer, der sich in der unlängst wiedervereinigten Hauptstadt mit Gelegenheitsarbeiten durchschlug, selbst gehörte. Doch im Labor erwies sich das Beweisstück, das die Hoffnungen der Ermittler geschürt hatte, weitere Hinweise zum flüchtigen Täter zu erhalten, als Sackgasse. An der Tatwaffe konnten keine Fremdspuren festgestellt werden. Alle Tatortspuren, Zeugenaussagen und Öffentlichkeitshinweise führten die Mordermittler in den 90er-Jahren nicht auf die Spur des Täters. Der Fall wurde zu einem von Berlins zahlreichen Cold Cases der Nachwendezeit.
Da Mord aber nicht verjährt – und Totschlag auch erst nach 20 Jahren – werden die Akten der Mordkommissionen im Landeskriminalamt (LKA) auch dann nicht dauerhaft geschlossen, wenn ein Fall jahrelang ungeklärt bleibt. Von Zeit zu Zeit bewerten Ermittler die Sachlage neu und prüfen, ob es neue Fahndungsansätze gibt. Oder es werden Beweise, die jahrelang in der Asservatenkammer ruhten, mit moderneren Verfahren untersucht.

DNA-Spuren führen Kripo-Beamte nach 17 Jahren zum Mörder
Das geschah Ende 2009 auch im Fall des ermordeten Wohnungslosen in Moabit. Die Tat gehörte zu den knapp 200 unaufgeklärten Berliner Fällen, die im Zuge neuer technischer Möglichkeiten durch die Polizei-Sonderkommission „SE 11“ dahingehend untersucht wurden, ob mit modernerer Technik doch noch Spuren ermittelt werden können, die zu einer Aufklärung führen.
Die Ermittler der Soko „SE11“ ließen Experten erneut den Zimmermannshammer untersuchen, der kurz nach Mitternacht des 20. Mai 1992 neben der Leiche von Herbert W. geborgen worden war – und dieses Mal gelang der entscheidende Durchbruch. Moderne Analysegeräte machten möglich, wofür die Technik zuvor nicht ausgereicht hatte. Auf dem Schaft des 500 Gramm schweren Hammers wurden kleinste Hautpartikel sichtbar gemacht, die nicht von W. stammten: fremde DNA, die mutmaßlich der Täter hinterlassen hatte. Der Abgleich des genetischen Fingerabdrucks mit der DNA-Datenbank des Bundeskriminalamtes ergab einen Treffer. Die Spur führte zu Ali K. – kein Unbekannter für die Polizei.

Das dunkle Berlin: True Crime aus der Hauptstadt
In ihrer Anfangszeit sorgte die Berliner Morgenpost mit der Erfolgsserie „Über das dunkle Berlin“ für Aufsehen. Nun knüpfen wir daran an – und berichten über die aufsehenerregendsten Verbrechen der Stadt. Unsere True-Crime-Serie: Das dunkle Berlin.
Hammermord von Moabit als Teil einer grausamen Mordserie Anfang der 90er-Jahre
Eine Fahndung konnten sich die Ermittler sparen. Seit 1992 verbüßte Ali K. wegen dreifachen Mordes eine lebenslange Haftstrafe in der Justizvollzugsanstalt Tegel. Der Serienmörder hatte im Frühjahr 1992 eine regelrechte Blutspur in Moabit hinterlassen. Am 14. April 1992 erschoss er einen 28-jährigen Tankwart an einer Shell-Tankstelle an der Kaiserin-Augusta-Allee, um 2000 D-Mark aus der Kasse zu rauben. Drei Wochen später tötete er seine Geliebte in ihrer Wohnung in der Bremer Straße per Kopfschuss, weil sie nach seiner Meinung Beziehungen zu anderen Männern hatte.
Noch am Tatort wurde er von ihrer gerade heimkehrenden Mitbewohnerin überrascht, die er ebenfalls erschoss, um unerkannt flüchten zu können. Die achtjährige Tochter der Toten entdeckte wenig später die Leichen. Mithilfe von Untersuchungen der Projektile konnte die Polizei damals rasch feststellen, dass alle drei Mordopfer durch dieselbe Tatwaffe getötet worden waren. Auch damals wurde Ali K. durch eine verräterische DNA-Spur überführt.

Serienmörder in Berlin: Speichelproben überführten ihn
Von allen Bekannten und Verwandten der beiden Frauen hatte die Polizei Speichelproben erbeten. Die von Ali K. stimmten überein mit Proben, die an frischen Zigarettenkippen in der Wohnung der Mordopfer gefunden wurden. Es war einer der ersten Mordfälle in Berlin, der in den frühen 1990er-Jahren mithilfe von DNA-Analytik gelöst werden konnte – einer Technik, die die Strafverfolgung in Deutschland seit 1988 revolutionierte. Konfrontiert mit dem Beweismaterial gestand Ali K. 1992 die drei ihm zur Last gelegten Morde. Eine Tatbeteiligung im Fall von Herbert W. verschwieg er damals – auch im Prozess, bei dem er 1993 zu lebenslänglicher Haft verurteilt wurde.
Wie ein Ermittler sagte, sei es erstaunlich, dass K. während seines ersten Prozesses nicht auch diese Tat zugegeben habe. Das spreche für seine Abgebrühtheit, ebenso wie die falsche Fährte, die er nach den beiden Schüssen auf die Frauen gelegt hatte: Um einen Raubmord vorzutäuschen, hatte er mehrere Geräte aus der Wohnung entwendet und sie dann in der Spree versenkt.
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War es Notwehr? Gericht urteilt 2010
Seit 17 Jahren saß Ali K. wegen dreifachen Mordes in Haft. Hatte er Anfang der 1990er-Jahre noch einen vierten Mord begangen? Und konnte man ihm das nachweisen? Das waren die Fragen, die sich die Strafverfolger 2009 in Berlin stellen mussten. Wieder war es moderne Kriminaltechnik, die den türkischstämmigen Ali K. schwer belastete – und wieder war der Beschuldigte in den Vernehmungen geständig. Ja, er habe in jener Mainacht 1992 Herbert W. getötet, gab der Straftäter bei Befragungen durch die 6. Mordkommission zu. Doch es sei Notwehr gewesen. Er behauptete, ein Streit mit dem betrunkenen W. sei eskaliert; er habe sich nur gewehrt.
Diese Version sei nicht mit dem Tatbild in Einklang zu bringen, befand das Berliner Landgericht, vor dem der Fall 2010 verhandelt wurde. Ali K. wurde für den Mord verurteilt. Das Gericht stellte fest: Äußerst brutal sei der damals 27-Jährige bei der Tat vorgegangen. Zusammen mit dem früheren Strafmaß bildeten die Richter eine Gesamtstrafe: lebenslange Haft. Zudem stellten sie erneut die besondere Schwere der Schuld fest, womit ein Antrag auf vorzeitige Entlassung zur Bewährung erschwert ist.








