Es scheint ruhiger als sonst zu sein. An der Skalitzer Straße in Berlin-Kreuzberg hört man zwar den dichten Straßenverkehr, die vorbeilaufenden Fußgänger sind aber eher in Gedanken vertieft – besonders wenn sie bei der Hausnummer 32 angelegt sind. Dort, wo Margot Friedländers „Judenwohnung“ war, sind am Samstagmittag viele Blumen und brennende Kerzen zu sehen. Die Holocaust-Überlebende starb am Freitag im Alter von 103 Jahren in Berlin.
Kreuzberg: Gedenken an der Skalitzer Straße
„Die Kerzen hier brennen für Margot, nachdem ihr Licht gestern erloschen ist. Eine unglaubliche Persönlichkeit, die symbolisch für ein Weltbild steht, das wir dringender denn je benötigen“, sagt ein älterer Herr, der sich bewusst in die Skalitzer Straße aufgemacht hat, um Abschied von Margot Friedländer nehmen zu können. Die vier Stolpersteine vor dem Hauseingang stehen für Friedländer sowie ihre Mutter Auguste, ihren Bruder Ralph und Rachela Meisner, die alle nach Auschwitz deportiert und dort getötet worden sind. Kaum jemand läuft an dem Blumenmeer vorbei, ohne kurz anzuhalten. Viele Trauernde kommen ins Gespräch.
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„Ich habe mich immer sehr für sie interessiert und es freut mich, dass sie ein so langes Leben haben durfte. Sie wird uns trotzdem noch als Vorbild in Erinnerung präsent bleiben. Ihr Tod hat nur ihren Körper von der Erde genommen, nicht das, für das sie einstand“, sagt eine Anwohnerin, die für einen Moment der Stille von ihrem Fahrrad abgestiegen ist und sich die Stolpersteine angeschaut hat. Man könne aus ihrer Sicht das nicht so schöne Haus mit mehr Akzenten versehen, die an die Überlebende des Holocausts und ihre Werte und Lebensvorstellungen erinnern.

Angst, dass Erinnerung an das Schreckliche verblasst
Zwei Frauen legen jeweils eine Sonnenblume vor die Türschwelle des geschichtsträchtigen Hauses. Die beiden haben sich zuvor auf die Suche nach dem Stolperstein gemacht: „Obwohl ich aus Kreuzberg komme, wusste ich nicht genau, wo dieser Ort ist. Es ist bemerkenswert, dass sich jemand, der so viel mitmachen musste, in so hohem Alter noch in die Öffentlichkeit gestellt hat und für so gute Werte eingestanden ist.“ Mit der Zeit würden immer weniger Zeitzeugen des Kriegs existent sein, das macht ihrer Begleiterin große Sorgen: „Ihre Stimme wird fehlen. Die Erinnerung an den Krieg und den Holocaust verblasst immer mehr, wenn es keine Zeitzeugen mehr gibt. Es braucht persönliche Botschaften, sonst rutschen sie mit jeder neuen Generation mehr in Vergessenheit.“
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Am Tag ihres Todes sollte die 103-Jährige das große Bundesverdienstkreuz von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier verliehen bekommen. Ob sie den Orden posthum verliehen bekommt, ist aktuell noch nicht entschieden worden. Ein Sprecher der Margot-Friedländer-Stiftung sagte gegenüber der Berliner Morgenpost, dass „baldmöglichst ein Fragen- und Antworten-Stück veröffentlicht wird“ und wollte sich nicht weiter zu ihrem Tod äußern. Ab Dienstag wird im Roten Rathaus ein Kondolenzbuch ausgelegt. Nachdem sich der Regierende Bürgermeister Kai Wegner, die Senatoren sowie die Präsidentin des Abgeordnetenhauses eingetragen haben, wird es für die Öffentlichkeit freigegeben.
Trauer und Dankbarkeit: Reaktionen aus der Politik
Senatorin und Bürgermeisterin Franziska Giffey zeigte sich betroffen und dankbar: „Unermüdlich erzählte sie ihre Geschichte und leistete mit ihrer Bildungsarbeit einen unschätzbar wichtigen Beitrag für unsere Erinnerungskultur. Gleichzeitig war sie stets auch ein Quell der Hoffnung und warb für Mitgefühl und Gemeinsamkeit. Berlin trauert um seine Ehrenbürgerin.“ Kai Wegner teilte über die sozialen Medien mit: „Ihre Erinnerungsarbeit, ihr Einsatz gegen das Vergessen und ihr Engagement in Schulen oder Universitäten waren für uns von einem unschätzbaren Wert. Margot Friedländer mahnte uns, nicht zu vergessen. Sie zeigte uns, was Menschlichkeit bedeutet. Und dass Menschlichkeit über Unmenschlichkeit siegen kann. Ihre Menschlichkeit und ihre Botschaften bleiben für uns Verpflichtung. Berlin sagt Danke!“
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Deutschlands neuer Bundeskanzler Friedrich Merz nannte sie „ein leuchtendes Beispiel für Zivilcourage und Menschlichkeit“. Auch die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel hat nichts als Bewunderung für Margot Friedländer übrig: „Wir können gar nicht dankbar genug sein, dass sie Kraft fand, von ihrer Leidens- und Lebensgeschichte zu erzählen.“





