Wir treffen Margot Friedländer in ihrer kleinen Wohnung in einer Seniorenresidenz nahe des Kurfürstendamms. Dort lebt sie seit ihrer Rückkehr nach Deutschland — umgeben von vielen Bildern, Büchern und Fotos, auf denen Familienmitglieder zu sehen sind, aber auch Freunde und Politiker, die sie getroffen hat. Auf allen Stühlen und Tischen stapeln sich Unterlagen. Auf einem Sessel liegt ihre rot-weiße Katze. Alles hier erzählt von einem langen Leben und davon, wie viel noch immer zu tun ist.
Frau Friedländer, die Leserinnen und Leser der Berliner Morgenpost haben Sie zur Berlinerin des Jahres gewählt. Was sagen Sie dazu?
Margot Friedländer: Ich bin überrascht und freue mich natürlich sehr darüber. Das ist unglaublich. Wie Vieles, was ich in den vergangenen Jahren hier in Deutschland erlebt habe. Damit habe ich nicht gerechnet, als ich 2010 aus New York nach Berlin zurückgekommen bin.
Darum ist Margot Friedländer Berlinerin des Jahres
Die Leserinnen und Leser der Berliner Morgenpost und die Jury haben entschieden: „Berlinerin des Jahres 2023“ ist die Holocaust-Überlebende Margot Friedländer.
Wir möchten damit das herausragende Engagement der heute 102-Jährigen gegen Antisemitismus, Hass und Ausgrenzung und ihr unerschütterliches Eintreten für Menschlichkeit und Versöhnung würdigen.
Vor 15 Jahren erschien Margot Friedländers Buch „Versuche, dein Leben zu machen“, in dem sie ihre Lebensgeschichte erzählt. Seitdem hat sie unzählige Schulen und Jugendeinrichtungen besucht, hat über die Verfolgung und Ermordung der Juden durch die Nazis gesprochen. Sie appelliert an junge Menschen, aber auch an Politiker. Ihre Botschaften sind so gradlinig wie überzeugend: „Ich will nicht, dass jemals wieder ein Mensch das erleben muss, was wir erlebt haben damals in Deutschland“, sagt sie. Und: „Wir sind alle Menschen. Es gibt kein jüdisches, kein muslimisches, kein christliches Blut.“ Nach den Morden der Hamas-Terroristen in Israel im Oktober hat Margot Friedländer ihre öffentliche Präsenz noch verstärkt. Dafür zollen wir ihr höchsten Respekt und unseren Dank.
Viele Holocaustüberlebende wollten nie wieder einen Fuß auf deutschen Boden setzen. Auch ihr Mann wollte das nicht. Wie kam es dazu, dass sie zurückgekommen sind?
2003 war ich zum ersten Mal wieder in Deutschland. Damals sollte ein Dokumentarfilm über mich entstehen und der Filmemacher hatte gesagt, dass auch in Berlin gedreht werden müsse. Ich habe zugesagt. 2003 im August haben wir dann in Berlin gedreht. Zwei Jahre später wurde dieser Film auf dem jüdischen Filmfestival gezeigt. Da war ich wieder in Berlin. Später habe ich angefangen, ein Buch über mein Leben zu schreiben. Der Rowohlt-Verlag hat davon erfahren und mich gebeten, das gemeinsam mit einer Co-Autorin weiterzumachen. 2007 im Dezember haben wir dieses Projekt abgeschlossen. 2008 ist mein Buch „Versuche, dein Leben zu machen“ in Deutschland erschienen. Viele Einladungen folgten. 2009 etwa habe ich in Seligenstadt den Einhard-Preis für biografische Literatur entgegengenommen (der Preis wird seit 1999 von der Einhard-Stiftung zu Seligenstadt, einer 1998 gegründeten Bürgerstiftung verliehen, d. Red.). Damals bin ich zum ersten Mal auch in verschiedenen Schulen aufgetreten, habe mein Buch vorgestellt und mit Schülerinnen und Schülern über meine Erlebnisse gesprochen.
Sie sind dann also ständig hin und her gependelt zwischen den USA und Deutschland?
Ja, so war das. Irgendwann habe ich mich allerdings gefragt, was machst du eigentlich noch in New York, du kannst doch in Deutschland viel mehr bewirken. Sieben Monate lang habe ich dann hier in der Seniorenresidenz zur Probe gewohnt. Danach stand meine Entscheidung fest. Ich bin zurückgeflogen nach New York und habe dort innerhalb eines Monats meine Wohnung ausgeräumt und alles aufgelöst.
Sie sind seitdem in vielen Schulen gewesen, haben mit Schülerinnen und Schülern über Ihre Kindheit und Jugend in Berlin, ihre Flucht vor den Nazis und Ihre Gefangenschaft im Konzentrationslager gesprochen. Immer wieder sind Sie auch im Bundestag aufgetreten, haben vor dem Europaparlament geredet und im Berliner Abgeordnetenhaus. Was ist ihre Motivation?
Ich spreche für die, die es nicht geschafft haben. Nicht nur für die sechs Millionen ermordeten Juden, sondern auch für die vielen Millionen Menschen, die umgebracht worden sind, weil das Regime sie nicht als Menschen betrachtet hat. Und ich spreche auch für meinen Bruder, den die Nazis ermordet haben, wie auch meine Mutter und viele meiner Verwandten.
Was sagen Sie den Menschen, was ist ihre Botschaft?
Was ich sage, das sind verschiedene Sachen. Ich sage, das ist für Euch, ich bin für Euch zurückgekommen, um Euch die Hand zu reichen, damit Ihr die Zeitzeugen sein könnt, die wir nicht mehr lange sein können. Ich will einfach nicht, dass jemals wieder ein Mensch das erleben muss, was wir erlebt haben, damals in Deutschland. Ich sage, Ihr habt es in der Hand, dass das nicht wieder passiert. Ich sage immer, mein Bruder war ein sehr guter Schüler, er hatte nicht die Chancen, die Ihr habt. Schmeißt sie nicht weg. Und noch etwas sage ich. Ich sage, dass wir alle gleich sind, alle auf die gleiche Art zur Welt gekommen sind. Es gibt kein jüdisches, kein muslimisches, kein christliches Blut. Es gibt nur menschliches Blut. Wir sind alle Menschen.
Am 7. Oktober sind mehr als 1400 Juden von der Hamas in Israel ermordet worden. Was haben diese Ereignisse bei ihnen ausgelöst?
Es ist entsetzlich. Ich hätte nicht gedacht, dass ich so etwas noch einmal erleben muss. So fing es damals auch an. Natürlich habe ich nach diesen Morden die Bilder von damals wieder vor mir gesehen.
In Berlin, aber auch in vielen anderen Städten Deutschlands gab es Demonstrationen, haben Menschen sich mit den Palästinensern oder auch mit der Hamas solidarisiert. Wie denken Sie darüber?
Vielleicht waren wir in Bezug auf die Migration zu mild, zu hoffnungsvoll, ich weiß es nicht. Ich habe 64 Jahre in Amerika gelebt und bin nicht so gut informiert darüber, was in dieser Zeit hier geschehen ist. Aber eins ist klar, Antisemitismus gab es schon immer und es wird ihn wohl auch immer geben, befürchte ich. Es gibt Menschen, die wachsen mit dieser Haltung auf, die wird ihnen vorgelebt. Das ist ja leider nicht nur in Deutschland so, sondern überall auf der Welt.
Zur Person: Margot Friedländer
Margot Friedländer wird am 5. November 1921 als Anni Margot Bendheim in Berlin geboren. Zusammen mit ihrem jüngeren Bruder Ralph erlebt sie zunächst eine glückliche Kindheit, eingebettet in eine große, durchaus wohlhabende jüdische Familie. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 ändert sich ihr Leben dann von Grund auf. Mutter, Bruder und viele Verwandte werden verschleppt und ermordet. Margot selbst taucht im Januar 1943 unter. Da ist sie 21 Jahre alt. Von ihrer Mutter ist ihr nur die Handtasche und eine Bernsteinkette geblieben. Und eine Botschaft, die ihr eine Nachbarin übermittelt: „Versuche, dein Leben zu machen.“ Es ist jener Satz, der viele Jahre später zum Titel ihres autobiografischen Buches werden soll.
15 Monate lang lebt Margot Friedländer im Berliner Untergrund. Sie flüchtet vor der Gestapo von einem Versteck zum nächsten – letztlich vergeblich: Sie wird entdeckt und in Theresienstadt inhaftiert. Zwar überlebt sie das KZ, doch nach der Befreiung erfährt sie das gesamte Ausmaß des Grauens – und vom Tod ihrer Familie in Auschwitz.
In Theresienstadt traf trifft Margot Bendheim Adolf Friedländer wieder, den ehemaligen Verwaltungschef des Jüdischen Kulturbundes, den sie letztmalig 1941 bei ihrer Arbeit für den Kulturbund gesehen hatte. Beide erleben die Befreiung, heiraten 1945 und wandern 1946 in die USA aus. Dort lassen sie sich in New York nieder, wo Margot Friedländer als Änderungsschneiderin arbeitet und in einem Reisebüro tätig ist.
Als eine von sehr wenigen Holocaustüberlebenden kehrt Margot Friedländer 2010 nach Deutschland zurück. 88 Jahre alt ist sie zu diesem Zeitpunkt und seitdem als Zeitzeugin unterwegs. Sie arbeitet dafür, dass das, was Millionen von Menschen ihrer Generation angetan wurde, nie wieder passieren darf. Unermüdlich geht sie in Schulen, hält Vorträge, liest aus ihrem Buch „Versuche, dein Leben zu machen“, das bereits zum 14. Mal aufgelegt worden ist.
Für ein Hologramm, das auch in vielen Jahren noch Fragen beantworten kann, hat sie Studierenden der Filmhochschule Babelsberg viele Interviews gegeben. Aktiv hat sie auch an der Entstehung von Raymond Leys „Ich bin! Margot Friedländer mitgewirkt“, einem TV-Dokudrama, das ihre Lebensgeschichte erzählt. Der vielbeachtete Film hatte im November Premiere.
Im Frühsommer dieses Jahres gründet sie gemeinsam mit Freunden die Margot Friedländer Stiftung — eine Stiftung für die Zukunft der Erinnerung. Die Stiftung soll ihr Lebenswerk fortführen, in einer Zukunft ohne Zeitzeugen. Vom kommenden Jahr wird die Stiftung zudem den Margot Friedländer Preis vergeben. Mit diesem Preis sollen junge und erwachsene Menschen für vorbildliches Engagement gegen Antisemitismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit sowie für Freiheit und Demokratie. ausgezeichnet werden.
Haben Sie manchmal Angst?
Nein! Es wäre lächerlich, Angst zu haben. Ich gebe die Hoffnung nicht auf. Vielleicht gelingt es doch, dass man den Menschen, die aus anderen Ländern zu uns kommen, klar macht, wie unser Leben sein sollte, dass es das Wichtigste ist, dass die Menschen einander respektieren. Dass sie Mensch bleiben. Und ich sehe, dass die verantwortlichen Politiker hier in Deutschland viel dafür tun. Darum wird sich auch meine Margot Friedländer Stiftung kümmern, die wir im Sommer 2023 gegründet haben. Wir werden versuchen, junge Menschen zu erreichen und sie zum Menschsein zu erziehen. Wir werden uns aber auch an junge Eltern wenden. Es ist so wichtig, dass Kinder von Anfang an im Sinne der Demokratie erzogen werden, dazu, einander zu respektieren. Wenn das gelingt, wenn wir Menschen bleiben, dann ist viel gewonnen.
Woher nehmen Sie die Kraft, auch noch mit 102 Jahren immer wieder aufzutreten, immer wieder ihre Geschichte zu erzählen?
Manchmal habe ich keine Kraft. Heute etwa ist es mir nicht so gut gegangen. Ich wollte dann aber trotzdem unser Interview machen und werde auch heute Abend einen Termin wahrnehmen und mehr als 200 Jugendliche treffen. Es ist eine Herzensangelegenheit für mich, auf diese Weise aktiv zu sein. Das gibt mir Kraft. Ich mache etwas, das mir sehr wichtig ist, ich habe eine Aufgabe. Das hält mich am Leben. Wäre ich in New York geblieben, wäre ich nicht so alt geworden, da bin ich mir sicher.
Gibt es noch ein Geheimnis Ihres langen Lebens?
Ich bin immer noch neugierig auf das Leben, darauf, mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Und ich habe viele Menschen um mich, mit denen ich gern zusammenarbeite, etwa in der Margot Friedländer Stiftung. Dort engagieren sich viele neben ihrer Arbeit, das finde ich sehr beachtlich. Außerdem habe ich einen wunderbaren Freundeskreis. Hinzu kommen die vielen Ehrungen und Dankschreiben, die ich bekomme. Das alles gibt mir Kraft. Kürzlich habe ich Arne Friedrich getroffen. Er hat mir sein T-Shirt geschenkt. (Frau Friedländer zeigt uns das T-Shirt. Darauf eine Widmung: Für die beeindruckendste Frau, die ich kennengelernt habe.) Und sehen sie dieses Foto, da stehe ich auf der Bühne des Friedrichstadt Palastes. Die gesamte Girls-Reihe hinter mir. (Margot Friedländer kichert.) Das war ein Geburtstagsgeschenk des Intendanten Berndt Schmidt.
Was verbinden Sie mit Berlin?
Ich liebe Berlin. Ich bin hier geboren, das ist meine Heimat. Ich sage immer, dass ich nicht christlich bin, aber mit Spreewasser getauft. Ich bin einfach Berlinerin. Ich habe viel erlebt in dieser Stadt. Ich hatte hier eine schöne Kindheit, dann musste ich mich verstecken. Berliner haben mir damals geholfen. Ich habe mich bei vielen verschiedenen Menschen versteckt, die haben nicht weggeschaut. Sie haben etwas riskiert für mich, es hätte sie den Kopf kosten können
Bald wird ein neues Jahr beginnen. Was wünschen Sie sich für 2024?
Ich hoffe sehr, dass es ein besseres Jahr wird. Meine Freunde in der Margot Friedländer Stiftung und ich tun alles dafür. Wir haben viele gute Ideen. Ich kann ja leider nicht ewig leben, aber vielleicht geht es noch eine Weile. Außerdem ist da die Gewissheit, dass all diese wunderbaren Menschen, die ich um mich habe und die alle unglaublich interessiert, beinahe besessen sind von unserer Arbeit, weiter machen werden. Dafür bin ich ihnen unendlich dankbar. Ich habe in diesem Jahr keine Geschenke für meine Freunde gekauft, sondern all mein Geld in meine Stiftung gegeben. Ich möchte so gern, dass unsere Arbeit gelingt.
Eine letzte Frage. Egal, wo Sie auch hinkommen und ihre Geschichte erzählen, die Menschen hören Ihnen aufmerksam zu. Wie schaffen Sie das?
Ich bin unpolitisch, ich rede nur, ich spreche ohne Anklage, erzähle meine Geschichte. Ich spreche darüber, was menschlich ist. Und ich hasse nicht.


