Am Tag der Befreiung ist die Polizei an vielen Orten in Berlin präsent. Der Breitscheidplatz ist Donnerstagfrüh mit großen Sandsäcken und Barrieren abgesperrt. Dutzende Polizisten sichern dort den Gedenkgottesdienst an der Gedächtniskirche, die wie kaum ein Ort in Deutschland vor der Destruktivität des Krieges warnt. Der Gedenkgottesdienst ist der erste öffentliche Termin von Friedrich Merz als Kanzler in Deutschland.

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Während des Gottesdienstes betont Bischöfin Kirsten Fehrs, Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, die unvergessenen Schrecken der NS-Diktatur und des Krieges. „Fassungslosigkeit und Entsetzen bleiben, auch nach achtzig Jahren“, sagt sie. „Und wir sehen zugleich, was für ein Wunder danach möglich wurde: Versöhnung, Frieden. Ein gemeinsames, demokratisches Europa, ein Europa, das trotz Differenzen zusammenhält“, so Fehrs. „Ich hoffe inständig, dass dies so bleibt“, sagt die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche vor den wichtigsten Repräsentanten der Bundesrepublik. Neben Merz nehmen auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der Unionsfraktionschef Jens Spahn, Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner und Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke am Gedenken teil.

Fehrs betont jedoch auch die fortwährende Präsenz des Krieges. „Wahr ist auch, dass Krieg herrscht und Waffen sprechen, nicht weit von hier im Osten Europas“, so die Bischöfin. „Wieder sterben Zivilisten, wieder wird gequält, gelitten, geflohen.“

Kai Wegner legt Kranz an der Neuen Wache nieder
Kurze zeit später, Unter den Linden. Der Bereich um die Neue Wache ist weiträumig abgesperrt, damit die Spitzen der Verfassungsorgane die Gedenkkränze platzieren können. Ein Mann erklärt Touristen vor den Absperrungen den Grund für das Polizeiaufgebot. Merz und Steinmeier machen nur einen kurzen Zwischenstopp an der Neuen Wache, dann fahren die Limousinen weiter Richtung Reichstag. Am Nachmittag werden auch Berlins Regierender Bürgermeister und der ukrainischen Botschafter Oleksii Makeiev in der Neuen Wache gedenken und Kränze niederlegen.
Ein Stück weiter am Brandenburger Tor, Mittagszeit. Unter den Augen vieler Touristen fahren mehrere Pferdegespanne vor. Es ist der Friedensglocken-Treck, ein Projekt von Friedensaktivisten. Mit ihren Gespannen will die Gruppe bis nach Jerusalem fahren, rund 4800 Kilometer. Fünf Jahre lang hätten sie sich darauf vorbereitet, berichtet Pfarrer Helmut Kautz, Initiator des Projekts. Zwei Tage zuvor war der Treck im brandenburgischen Brück (Landkreises Potsdam-Mittelmark) gestartet. Am Vortag hatten die Friedensaktivisten an der Staatskanzlei in Potsdam Halt gemacht. Brandenburgs Ministerpräsident Woidke ist Schirmherr des Projekts.
Aktivisten wollen Friedensglocke an Schule in Jerusalem übergeben
Die rund 30 Aktivisten haben auf ihrer Reise eine aus Militärschrott gegossene Friedensglocke dabei. Sie wird von einer eigens dafür angefertigten Kutsche gezogen. Auf der Glocke ist die Inschrift zu lesen: „Jaget dem Frieden nach mit jedermann.“ Ein Satz, den Pfarrer Kautz an diesem Tag vor dem Brandenburger Tor nicht müde wird zu wiederholen. Dazu ist das Wort „Frieden“ in verschiedenen Sprachen auf der Glocke zu lesen. Bis Weihnachten will die Gruppe damit in Bethlehem sein. Die Glocke soll dann an die „Hand in Hand Schule“ in Jerusalem übergeben werden. Nach Angaben des Projektvereins wachsen in der Schule Kinder aus muslimischen, jüdischen und christlichen Familien miteinander auf.

Ines Witter ist eine der Reisenden. Die Pankowerin hat drei Jahrzehnte lang auf einem Wanderreiterhof gearbeitet, mittlerweile ist sie Rentnerin. „Geniale Idee“, habe sie sich gesagt, als sie vor etwa einem Jahr von dem Projekt gehört habe. Um mitfahren zu können, habe sie sich intensiv vorbereitet. Ihre beiden Welsh-Ponys sollen sie und ihre Kutsche bis zur tschechischen Grenze bringen. Für den Rest der Strecke werde sie auf eine andere Kutsche umsteigen. Mit sechs Kutschen und 16 Pferden wollen die Friedensaktivisten ans Ziel kommen. Elf Länder wollen sie dabei passieren. Geplant sind Übernachtungen an etwa 200 Stationen.
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„Es war noch recht kalt letzte Nacht“, berichtet Kautz vor dem Brandenburger Tor. Er habe in einem Ernteschuppen an der Späth’schen Baumschule in Treptow geschlafen, berichtet der Pfarrer. Witter hat sich für die Reise ein Zelt mitgenommen. Andere wollten auf ihren Kutschen schlafen, berichtet die Pankowerin. Mehrere Autos begleiten den Track bis nach Jerusalem. Ihre Kosten können die Aktivisten bislang nur zum Teil decken. Unter den schwierigen Vorzeichen des Nahostkonflikts sei es nicht einfach, Spender zu finden, sagt Witter. Ihnen ginge es nicht darum, Partei zu ergreifen, sondern um eine universelle Friedensbotschaft.

Pfarrer Kautz sieht es so: „Für das, was einem wichtig ist, muss man selber zahlen.“ Schon 2018 hatte Kautz einen ersten Treck initiiert. Damals, zum 100. Jahrestag des Endes des Ersten Weltkriegs, war er mit einer Friedensglocke nach Weliki Nowgorod in Russland aufgebrochen. „Die Pferde bringen den Frieden“, habe ihnen eine Frau damals zugerufen. „Pferde schaffen vertrauen“, sagt der 54-jährige Kautz. Auch wenn das Reisen umständlicher sei.
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Wie Kautz vor dem Brandenburger Tor berichtet, gab es schon am zweiten Tag der langen Reise einen kleinen Zwischenfall. Weil die Straße etwas zu eng gewesen sei, habe eine Kutsche drei Autos beschädigt. Mit den Besitzern sei die Gruppe dann ins Gespräch gekommen. Einer habe ihnen daraufhin 250 Euro für die Reise gespendet. Ein anderer habe sie zum Tee trinken nach Zehlendorf eingeladen.
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„Wir wollen auf der Reise mit den Menschen ins Gespräch kommen“, betont Witter. Es gehe darum, Denkanstöße für den Frieden zu geben.







