Nie wieder Faschismus. Nie wieder Krieg. Mit diesen Sätzen bin ich groß geworden. Ein unverrückbares Mantra. Geschätzt über 60 Millionen Menschen haben den Faschismus der Deutschen im Zweiten Weltkrieg mit dem Leben bezahlt. Ich selbst saß im vergangenen Jahr in einem Berliner Altersheim Margot Friedländer gegenüber. Ich rang um die richtigen Worte, derjenigen gegenübersitzend, die den Horror überlebt hat, den unsere Großeltern und Urgroßeltern angerichtet haben.
Nun hat sich wie kein anderer Staat die Bundesrepublik Deutschland mit ihrem faschistischen Erbe auseinandergesetzt. Nach dem Krieg in einigen Bevölkerungsteilen erst widerwillig, spätestens mit dem Aufstand der 1968er dann nachhaltig. Der Tod der Ungezählten bleibt, und es bleibt die Verantwortung für alle Zukunft.
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Ich selbst bin mit meinen Eltern in den Achtzigerjahren als kleiner Steppke auf Ostermärschen mitmarschiert. Für den Frieden in der Welt demonstrierend, die Geschichte unseres Landes im Gepäck. Die Welt war einfacher als heute, es gab Ost und West, Kommunismus und Kapitalismus. Faschisten und Demokraten. Und noch einige Pole mehr. Jeder konnte sich irgendwo zuordnen, in einfache Schubladen. War man gegen Faschismus und Krieg, war man gegen Atomkraft, gegen das Waldsterben. Ich habe später begriffen, dass die Welt komplizierter ist als das Schwarz-Weiß-Denken der Vor-Wendezeit.
Schrittweise Demontage der Demokratie
„Nie wieder“ bleibt ein Satz für die Ewigkeit. Doch er reicht nicht mehr aus. Je mehr die Geschichte mit den Jahrzehnten verblast, desto weniger reicht die negative Abgrenzung als Definition für das, was wir wollen. „Nie wieder“ würde im Zweifel selbst Donald Trump für sich beanspruchen. Und tritt gleichzeitig die demokratische Gesellschaftsordnung mit Füßen.
Faschismus kommt in einem anderen Gewand daher
Die schrittweise Demontage der Demokratie, wie sie derzeit in den USA organisiert wird, macht zugleich deutlich: Der Faschismus kommt heute in einem anderen Gewand daher als 1933 und sucht sich andere Wege. Propaganda wird heute nicht über den Volksempfänger verbreitet, sondern über Instagram-Reels. Niemand propagiert die Vernichtung eines ganzen Volkes - stattdessen aber eine Verachtung aller, die anders aussehen oder anders leben.
Wir haben es in der Hand
Im Nachkriegsdeutschland haben wir uns daran gewöhnt, alle vier Jahre (oder öfter) neu zu wählen, eine neue Regierung wird es dann schon irgendwie richten. Politische Debatten empfinden wir als wichtig, aber existentiell bedroht fühlen mussten wir uns nicht. Nun haben einige Politiker und Journalisten in den vergangenen Wochen formuliert, „die letzte Chance“ habe die Koalition von Friedrich Merz in dieser Legislatur, unsere demokratischen Errungenschaften zu verteidigen. Diese Feststellung greift jedoch viel zu kurz. Am Ende ist es nicht Merz, es sind wir Wählerinnen und Wähler, die Mehrheiten im Bundestag bestimmen. Wir haben es in der Hand. Nicht Merz.
Demokratie lebt nicht nur von der Wahlurne
Dazu kommt, Demokratie lebt nicht von der Wahlrune. Wir gestalten die Gesellschaft immerfort. Jeden Tag müssen wir aufpassen, mit dem Finger nicht auf andere zu zeigen, wenn mal etwas nicht funktioniert. Wir müssen uns fragen, was wir tun können, nicht umgekehrt. Die unumstößlichen und unverhandelbaren Werte der Gesellschaft definieren wir alle. Freiheit, Toleranz, Mitgefühl, Gerechtigkeit, Respekt, Vielfalt, Solidarität, Mut, Zuversicht, Verantwortung, Nachhaltigkeit, Ehrlichkeit, Demut, Vertrauen. Die Gesellschaft bildet den Staat, nicht andersherum. Nach diesen Werten zu handeln, lehrt uns die Geschichte für die Zukunft. Oder wie Margot Friedländer sagt: „Seid Menschen!“



