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Gedächtniskirche: Das nie geplante Mahnmal

Vor 60 Jahren wurde der Grundstein für die neue Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche gelegt. Die Ruine sollte ursprünglich verschwinden.

Landesbischof Otto Dibelius (M.) legte am 9. Mai 1959 den Grundstein für das neue Gotteshaus.

Landesbischof Otto Dibelius (M.) legte am 9. Mai 1959 den Grundstein für das neue Gotteshaus.

Foto: Ullstein Bild

Berlin. Rückblickend bezeichnete Egon Eiermann (1904-1970) die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche als sein Lebenswerk. Klar war ihm aber stets, dass er dort auch hätte scheitern können. Von einer Katastrophe, „die ich allein zu verantworten hätte“, sprach er 1968. Diese Katastrophe wäre eingetreten, wenn der Kirchenneubau nicht von den Berlinern akzeptiert worden wäre. Dass es anders kam, konnte Eiermann bei der Grundsteinlegung am 9. Mai 1959 noch nicht ahnen.

Der Neubau der Gedächtniskirche war eines der umstrittensten Bauvorhaben der Nachkriegszeit. Lange wurde diskutiert, was mit der 1943 von britischen Bomben weitgehend zerstörten alten Kirche passieren soll. Während die Stiftung der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche als Eigentümer ab 1947 einen originalgetreuen Wiederaufbau präferierte, war die Politik stets skeptisch. 1955 wurden die Pläne vom neuen Berliner Senat unter SPD-Führung endgültig gestoppt. Denn an den Pathos und die deutsch-nationale Tradition der bis 1895 in Gedenken an Kaiser Wilhelm I. errichteten Prunkkirche im neoromanischen Stil wollte man nach dem Zweiten Weltkrieg nicht anknüpfen.

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Schließlich einigte man sich 1956 auf einen Architektenwettbewerb für einen Neubau. Dieser sollte modern und zeitgemäß in die Umgebung passen, in der zeitgleich etwa das Bikini-Haus, der Zoopalast oder das Huthmacher-Haus am Hardenbergplatz entstand. Der von der Politik bevorzugte Abriss der kurz zuvor gesicherten Turmruine war allerdings nicht Wettbewerbsbedingung. Sechs der neun eingereichten Entwürfe sahen ihren Erhalt vor. Gewinner Eiermann gehörte aber nicht dazu.

Dass die Ruine stehenblieb, war dem öffentlichen Druck zu verdanken. Nachdem Eiermanns Pläne in der Presse veröffentlicht wurden, ging eine Welle der Empörung durch Berlin. Seine Warnungen vor „überstürzten und von der Volksmeinung diktierten Beschlüssen“ blieben ungehört, und er wurde aufgefordert, seine Pläne zu überarbeiten.

Besondere Stärke durch Anleihen beim Original

„Zum Glück“, sagt Martin Germer, seit 2005 Pfarrer der Gedächtniskirche. „Wir erleben die klare Architektur Eiermanns heute als etwas ganz Starkes, allerdings hat es seine besondere Stärke erst durch den Kontrast zum Alten und Ruinösen.“ Letzteres habe Eiermann nicht überbieten wollen und baute seinen Turm mit 53 Metern 15 Meter kleiner.

Außerdem finden sich Bezüge. So hat der neue Turm wie die Turmruine einen achteckigen Grundriss. „Eine moderne Kirche, die stark in der Geschichte steht“, sagt Germer und verweist auf die Glaswände, die Eiermann nach dem Vorbild gotischer Kirchenfenster bauen ließ und die den Innenraum noch heute mit blauem Licht fluten.

In die Rolle eines Mahnmals gewachsen

Nach der Fertigstellung im Dezember 1961 verflogen Eiermanns Bedenken schnell. Bereits im ersten Monat zählte die neue Kirche mehr als 100.000 Besucher. In den folgenden Jahren wurde sie zur zentralen Kirche West-Berlins und gehört noch heute mit jährlich 1,3 Millionen Gästen zu den bedeutendsten der Stadt.

„Aber sie ist in besonderer Weise auch ein Mahnmal gegen den Krieg, für Frieden und Versöhnung“, sagt Germer. Eine Rolle, die nie intendiert gewesen und in die sie nach und nach hineingewachsen sei. Erst zur 750-Jahr-Feier Berlins 1987 wurde die Eingangshalle unter der Turmruine offiziell in eine Gedenkhalle umgewandelt.

Eiermanns Turm soll ab 2020 saniert werden

„Eiermann bestand stets darauf, dass die Ruine absolut funktionslos bleibt“, so Germer weiter. Heute wird in ihr wieder gebetet – und zwar jeden Freitag um Punkt 13 Uhr. Dasselbe Versöhnungsgebet wird zeitgleich in der Ruine der Kathedrale der englischen Stadt Coventry gesprochen. Sie wurde 1940 von deutschen Bomben getroffen. Die Gedächtniskirche als Monument der Zerstörung solle „nicht nur an Luftangriffe auf deutsche Städte erinnern, sondern es in einen größeren Zusammenhang bringen“, sagt der Pfarrer. Ein Friedensauftrag, der sich an alle Menschen richte.

Seit 2005 wird das aus fünf Gebäuden bestehende Ensemble Schritt für Schritt saniert. Während die Ruine seit 2015 fertig ist, musste der neue Turm 2014 zum Schutz von Passanten eingerüstet werden. „Wir hoffen, dass es im nächsten Jahr dort mit den Arbeiten losgehen kann“, sagt Germer. Über zwei Jahre solle dann jedes der mehr als 5000 Glaselemente entnommen, gereinigt, repariert oder ausgetauscht werden. Die Kosten dafür lägen bei vier Millionen Euro. Für weitere Sanierungsmaßnahmen und die Weiterentwicklung der Ausstellung müssten in den kommenden Jahren 30 Millionen Euro aufgewendet werden.