Berlin ist angesagt. Vor allem bei jungen Menschen, weiterhin. Das weiß jeder Berliner, der öfter im Ausland unterwegs ist. Einige bekommen leuchtende Augen, wenn sie über die Stadt reden. Wie „amazing“ doch alles sei, so viel Grün, die ganze Kunst- und Kulturszene, so viel Style, das Berghain. Ein Image, das sich nicht nur touristisch auszahlt für die Stadt, sondern auch für fortwährenden Zuzug sorgt.

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Wer herzieht, wird allerdings schnell von der Realität vor den Kopf gestoßen. Der Wohnungsmarkt, eine Katastrophe. Viele müssen zunächst Zwischenmieten akzeptieren, bis sie eine dauerhafte Bleibe finden. Die Terminvergabe der Bürgerämter treibt einige fast in den Wahnsinn. Dazu Verkehrsprobleme, Dreck sowie unverstellte Blicke auf soziale Härten und Drogenkonsum an vielen Orten in der Stadt. Wer Kinder hat, lernt das Gerangel um den Platz in der Wunsch-Kita, an der Wunsch-Schule kennen.

Und dann kommt noch die Berliner Schnauze. Sie kann herzlich ehrlich, aber auch verstörend ruppig sein. Wird es manchem Neu-Berliner, der gern zum Wahlberliner würde, bei aller Tapferkeit zu viel, raunzt sie zuweilen voller Trotz: „Dann hau doch ab, wenn‘ s dir hier nicht passt.“ Doch so einfach ist es nicht.

Die Berliner Wirtschaft braucht Fachkräfte

Diese Stadt lebt von Menschen, die hier ankommen und etwas bewirken wollen. Die Startup-Szene zählt zu den erfolgreichsten in Europa. Mehr als 70.000 Menschen arbeiten in den vielen Gründungsprojekten an Geschäftsmodellen neuer Ideen. Viele sind dafür nach Berlin gezogen, inspiriert von Erfolgsgeschichten wie Zalando und Hello Fresh. Dass die Berliner Wirtschaft seit mehr als einem Jahrzehnt stärker wächst als der Rest der Republik, ist auch ihnen zu verdanken.

Andere Unternehmen verlegen Bereiche, in denen Fachkräfte besonders schwer zu bekommen sind, gezielt in die Hauptstadt. Für viele Firmen sei entscheidend, was zwischen 17 Uhr am Nachmittag und 9 Uhr am Morgen in der Stadt passiere, betont Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey (SPD) immer wieder. Denn das sei die Zeit, für die sich auch heiß begehrte Softwareentwickler, Ingenieure und andere Fachkräfte interessierten. So kommt etwa der einzigartigen Clubkultur Berlins eine besondere Bedeutung zu, was manch einen Arbeitgeber wiederum vor Herausforderungen stellt. So berichtet der Direktor eines renommierten Forschungsinstituts in der Stadt der Berliner Morgenpost, er müsse in den ersten Monaten der Probezeit den Teil der neuen Beschäftigten aussieben, der nur zum Feiern nach Berlin gekommen sei.

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Stefan Franzke setzt sich seit vielen Jahren dafür ein, dass Unternehmen und Fachkräfte nach Berlin kommen. Als Geschäftsführer der Wirtschaftsfördergesellschaft Berlin Partner wirbt er im In- und Ausland für den Standort. „Berlin ist weltoffen und international“, betont Franzke. Menschen aus allen Kulturkreisen seien willkommen. „Dazu kommt das Lebensgefühl, die Grünflächen und die kulturelle Vielfalt“, sagt Franzke. Das mache Berlin letztendlich so attraktiv.

Mittlerweile hat jeder vierte Berliner einen ausländischen Pass. Neben Kriegsflüchtlingen aus der Ukraine und Syrien zogen zuletzt vor allem Türken und Inder in die deutsche Hauptstadt. Auch aus Polen und Italien kommen weiterhin deutlich mehr Menschen als gehen.

So schön hässlich ist Berlin. Hier prallen die Extreme aufeinander.

Berlin und seine Kieze sind hässlich und schön und das oft direkt nebeneinander.
Die Oberbaumbrücke ist die wohl bekannteste Brücke Berlins. Auf die Spree blickend gibt es dort einer der spektakulärsten Abendhimmel Berlins. Doch die Obdachlosigkeit ist überall sichtbar. Auf dem überdachten Teil der Brücke richten sich regelmäßig Menschen häuslich ein. Im Bild hat jemand sein Zelt hundert Meter entfernt mit Blick auf die Backsteintürmchen aufgestellt.© Dirk Krampitz | Dirk Krampitz
Berlin und seine Kieze sind hässlich und schön und das oft direkt nebeneinander.
"Bargeld für alle!" könnte auch der Slogan einer Kreuzberger Anti-Kapitalismus-Initiative sein. Aber es ist der Werbespruch der Firma Euronet, die ihre Automaten in Berliner Ausgehkiezen in Späti-Jalousien einpasst oder sie vor schöne alte Haustüren rümpelt. Was sagt eigentlich der Brandschutz dazu?© Dirk Krampitz | Dirk Krampitz
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Der Geschmack im Wandel der Zeit: Das einst für Schering erbaute Parkhaus an der Müllerstraße 7 gehört heute der Bayer AG. Es harmoniert nur mäßig mit dem Gründerzeit-Eckhaus Müllerstraße/Fennstraße.© Dirk Krampitz | Dirk Krampitz
Berlin und seine Kieze sind hässlich und schön und das oft direkt nebeneinander.
Natur vs. Großstadt: Eine Blume bricht durch die Schotterschicht, die den Helsingforser Platz in Friedrichshain bedeckt.© Dirk Krampitz | Dirk Krampitz
Berlin und seine Kieze sind hässlich und schön und das oft direkt nebeneinander.
Die Architektur der 1970er, wie hier die „Passerelle“ unter dem Kreuzungsbereich Messedamm / Neue Kantstraße, ist Geschmackssache. Aber als Drehort diverser Hollywood-Filme ist die Unterführung stark im Ansehen gestiegen. Trotzdem ist die unterirdische Toiletten-Anlage seit Jahren stillgelegt. Doch das hält niemanden ab. Deshalb ist dieser Ort nicht nur Geschmackssache, sondern auch Geruchssache. © Dirk Krampitz | Dirk Krampitz
Berlin und seine Kieze sind hässlich und schön und das oft direkt nebeneinander.
Holzkirche zwischen Steinhäusern: Die Christuskirche der Evangelisch-methodistischen Kirche in der Richard-Sorge-Straße 14-15 in Berlin-Friedrichshain wurde 1948 mit Spendenmitteln amerikanischer Methodisten in Schweden gekauft und in Berlin aufgestellt, nachdem das ursprüngliche Gebäude im Zweiten Weltkrieg völlig zerstört worden war. Seitdem in den 90er Jahren die Baulücken links und rechts der Kirche relativ uninspiriert geschlossen wurden, fällt sie erst richtig ins Auge.© Dirk Krampitz | Dirk Krampitz
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Der Name verpflichtet. Wo sonst, wenn nicht in Heiligensee, sollte man sich einen Jesus in den Garten vor das Einfamilienhäuschen stellen. © Dirk Krampitz | Dirk Krampitz
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Sie kennen die schmutzigsten und hässlichsten Ecken von Berlin – die Müllwerker von der BSR. Wenn Stofftiere im Abfall landen, wird selbst das Herz der harten Jungs ganz weich: Oft machen sie sie zum Maskottchen ihres Fahrzeugs. Und die BSR erlaubt es sogar ganz offiziell.© Dirk Krampitz | Dirk Krampitz
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Berliner Spirit-Animal: Das Einhorn auf dem Sperrmüllhaufen aus Holzplatten, Möbeln, einem verbogenen Fahrrad und anderen Dingen. Es hat übrigens schnell einen Liebhaber gefunden, der es mitgenommen hatte, obwohl nicht einmal „zu verschenken" dran stand.© Dirk Krampitz | Dirk Krampitz
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Das Nagelstudio „I Am Wow Beauty Berlin" zeigt in seinem Namen das für Berlin so typische Selbstbewusstein. Baustelle, BSR, beschmierte Wände – Schönheit is, wat ick sage!© Dirk Krampitz | Dirk Krampitz
Berlin und seine Kieze sind hässlich und schön und das oft direkt nebeneinander.
Plattenbauten haben vor allem mit den Vorurteilen der Altbau-Snobs der Innenstadt zu kämpfen, die Hochhäuser langweilig und gleichförmig finden. Das China-Restaurant Neu Wuzhou an der Marzahner Promenade 13 bringt mit seinen schmucken Tempeleingang etwas Asia-Gefühl und Abwechslung in den Kiez. Nirgendwo ist Berlin so Hongkong wie dort. © Dirk Krampitz | Dirk Krampitz
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Alt trifft auf nicht ganz so alt: Nicht mehr viele Häuser im ehemaligen Ost-Teil der Stadt haben die graubraune Farbe, die in Jahrzehnten durch Wetter und Ofenheizung intensiviert wurde. Nach der Wende hat man die Häuser eine Zeit lang gern gelb gestrichen.© Dirk Krampitz | Dirk Krampitz
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Dieser baufällige Balkon an der Warschauer Straße wird schon seit Jahren von Balken gestützt. Eine Metallskulptur hält darauf Wache. Sieht etwas gefährlich aus. Aber als der Dönerladen darunter neu eröffnet hat, hat er mit einer Ballon-Flut in schwarz-rot-gelb ästhetisch dagegen gehalten.© Dirk Krampitz | Dirk Krampitz
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Das Haus der Therapeutischen Wohngemeinschaft für Suchtkranke in der Treskowallee in Karlshorst könnte könnte auch der Sitz eines Anwaltsbüros oder eine kleine Familienvilla sein. Dass hinter der etwas biederen gelben Fassade aber nicht alles ganz geradeaus läuft, deuten die Bewohner mit ihrer für Berlin extrem ungewöhnlichen Heuballen-Bastelei an. Finden wir schön! © Dirk Krampitz | Dirk Krampitz

Auf Internationalität und Vielfalt setzt auch die aktuelle Imagekampagne der Stadt. Sie richtet sich nicht nur an Auswärtige, sondern auch an die Berlinerinnen und Berliner. So hängt an Bahnhöfen in der Stadt etwa der Slogan: „Was Weltreise? Einmal Ringbahn und du hast alles gesehen“. Ein anderer Slogan verweist auf den anhaltenden Zuzug trotz aller Probleme: „Wenn wir nix auf die Reihe kriegen, warum stehen dann alle Schlange?“

Menschen in Berlin sind unzufriedener als der Durchschnitt

Dass viele Menschen in der Stadt nicht zufrieden sind mit ihrer Situation, zeigt der „Glücksatlas“ jedes Jahr aufs Neue. Der Studie nach sind die Berlinerinnen und Berliner schon seit vielen Jahren unzufriedener mit ihrem Leben als der bundesweite Durchschnitt. Im Bundesländervergleich reichte es zuletzt nur noch für den vorletzten Platz. Im Vergleich mit 39 anderen deutschen Städten schaffen es die Berlinerinnen und Berliner auf den 37. Platz. Vor allem bei der Einkommenszufriedenheit liegt die Hauptstadt deutlich unter Durchschnitt.

Das Einkommen könnte auch einer der Hauptgründe sein, wieso Menschen aus Berlin in die Schweiz ziehen. Die Alpenrepublik ist eines der wenigen Länder auf der Welt, die zuletzt mehr Zuzug aus Berlin verzeichneten als Wegzüge. Innerhalb Deutschlands zieht es die Berlinerinnen und Berliner übrigens nach wie vor hauptsächlich nach Brandenburg.

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In Rankings zur Lebensqualität schafft es Berlin nicht immer in die Spitzengruppe, ist aber oft relativ weit vorne mit dabei. Häufig punktet die Stadt mit Nachhaltigkeit und Kultur. Eine Studie des Hotelkonzerns Accor zeichnete Berlin kürzlich als Live-Musik-Hauptstadt Europas aus. Für elektronische Musik gilt die Stadt schon seit längerem als Eldorado. Ungläubig dürfte manch ein Berliner die internationalen Auszeichnungen für den öffentlichen Nahverkehr zur Kenntnis nehmen. Trotz vieler Probleme bei BVG und Deutscher Bahn hat eine Studie des Time Out Magazine ihn vergangenes Jahr zum besten der Welt erklärt.

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Die neue Serie „Berlin liebt dich“ beleuchtet das oft ambivalente Verhältnis seiner neuen und alteingesessenen Bewohnerinnen und Bewohner zu ihrer Stadt. Wir reden mit Menschen aus Gastronomie und Kunst, aus dem Clubbetrieb und dem Schulwesen, mit ganz normalen Neu-Berlinern, Sportlern und Unternehmern, um zu erfahren, was sie in dieser Stadt glücklich macht, was sie manchmal verzweifeln lässt. Und wie sie dazu beitragen, dass Berlin so ist, wie es ist: liebenswert – trotz aller Macken.