Diesmal sorgten die berlinuntypischen Zugmaschinen nicht für Staus und Sperrungen. Das Bündnis „Wir haben es satt!“ hatte im Vorfeld ihrer traditionellen Großdemonstration zur Grünen Woche am Sonnabend wegen des Ausbruchs der Maul- und Klauenseuche (MKS) in Brandenburg auf Trecker verzichtet. Eine eventuelle Übertragung durch Traktoren müsse verhindert werden, entschieden die Veranstalter.

Montag bis Samstag
Morgenpost der Chefredaktion
Die ersten News des Tages – direkt von der Chefredaktion. Montag bis Samstag um 6:30 Uhr.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Das bedeutete allerdings nicht, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Protestzugs aus ganz Deutschland, die für eine ökologische Landwirtschaft, faire Preise und eine Wende in der Agrarpolitik demonstrierten, nicht ordentlich Lärm im Berliner Regierungsviertel gemacht hätten. Auch wenn es nur halb so viele wie im vergangenen Jahr waren.
Neben Trillerpfeifen und Kuhglocken kamen am Sonnabendnachmitag auch Dancebeats, Rapmusik und Trommelzüge zum Einsatz, als die laut Polizei 3500 Aktivisten in bunten Kostümierungen vom Platz der Republik am Brandenburger Tor, der Friedrichstraße und dem Oranienburger Tor vorbei zurück bis vor das Kanzleramt zogen. Die Farbe Grün dominierte, doch zahlreiche Demonstranten waren auch als Nutztiere, Insekten, Gemüse oder Blumen verkleidet. „Ich demonstriere – Für Bauern und für Tiere!“, „In der Stadt und auf dem Land – Bäuerlicher Widerstand“, „Power to the Bauer!“, „Agrarökologie statt Agrarindustrie“ und „Gerechtigkeit ernten!“, ertönten als die bevorzugten Slogans. Die Stimmung war trotz der ernsten Themen heiter und friedlich.
- Shopping: Verkaufsoffener Sonntag zur Grünen Woche – Diese Läden machen mit
- Themenseite: News, Hintergründe & Tipps zur Grünen Woche in Berlin
- Überblick: Grüne Woche 2026 in Berlin: Öffnungszeiten, Tickets, Preise
- Essen & Trinken: Ende der „Fressmesse“? Die Grüne Woche im Preis-Check
- Bildergalerie: Grüne Woche in Berlin – die Messe in Bildern
- Interview: Grüne Woche-Direktor: „Der Begriff ‚Fressmesse‘ ist längst Geschichte“
Gegen Massentierhaltung und Gentechnik in der Ernährung

Rund 60 Organisationen aus Landwirtschaft und Zivilgesellschaft hatten sich nun bereits zum 14. Mal in der Hauptstadt zusammengefunden, um ihre Forderungen nach gutem Essen und einem Erhalt vieler Höfe auch vor dem Hintergrund der hier stattfindenden internationalen Agrarministerkonferenz kundzutun. Das Bündnis kritisiert, dass zu viele Politiker in Berlin und Brüssel Konzerninteressen über das Gemeinwohl stellen würden. Von einer neuen Bundesregierung fordert es unter anderem ein Gesetz, das kostendeckende Erzeugerpreise und die Finanzierung von Tierschutz- und Umweltmaßnahmen sichern soll.
Viele Plakate richteten sich auch gegen Massentierhaltung und Gentechnik in der Ernährungswirtschaft. Von diesen Zielen zeugten Protestschilder mit Aufschriften wie „Essen ist politisch“, „Vielfalt säen – Agrarpolitik ernten“ und „Land ist keine Ware“. Rednerinnen und Redner verglichen ihren Widerstand dabei gar mit den Bauernprotesten im 15. Jahrhundert.
Scharfe Kritik an amtierender Bundesregierung
Um die Mittagszeit hatte der Platz zwischen Kanzleramt und Reichstagsgebäude derweil noch wie der Treffpunkt einer großen Gemeinschaft von Freunden gewirkt. Die Demonstranten versammelten sich hier zwischen dampfenden Töpfen voll heißer Getränke und warmer Speisen und den Werbeständen der Mitgliedsorganisationen von „Wir haben es satt!“, darunter der Naturschutzbund, die Arbeitsgemeinschaft bäuerlicher Landwirtschaft und Brot für die Welt. Auf einer Bühne heizte eine Animatorin den Anwesenden bei sonnigem, aber frostigem Wetter mit Tänzen und Laloa-Wellen ein. Zahlreiche Menschen bildeten ein Kreuz vor dem Sitz des Bundestags, das auch an einen Wahlzettel erinnern sollte.
Denn: die diesjährige Demonstration stand klar im Zeichen der in rund fünf Wochen anstehenden Bundestagswahl – und der Unsicherheit über die dadurch gewählte Regierung. „Wir alle wollen gesunde Lebensmittel. Wir alle wollen Tierwohl, Umwelt- und Klimaschutz. Die kommende Bundesregierung muss bäuerliche Betriebe dabei endlich adäquat unterstützen“, forderte Kampagnenleiterin Anne Kambraks. Die vorherige habe „dem größten Rollback in der Agrarpolitik seit Jahrzehnten“ tatenlos zugeschaut.
Auch anderswo in Berlin demonstrierten Aktivisten
Redner kritisierten die schlechten Arbeitsbedingungen und die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der landwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland, während die vier großen deutschen Supermarktkonzerne Gewinne über Gewinne einfahren würden. Der Staat habe dafür zu sorgen, dass seine Bürger jeden Tag finanziell dazu in der Lage seien, eine vollwertige, gesunde Mahlzeit zu sich zu nehmen.
Im Gegensatz zu vergangenen Bauerndemonstrationen gab es klare Abgrenzungen zum rechtsextremen und verschwörungsideologischen Milieu. Hass und Hetze gegen amtierende Politiker blieben aus. „Der ländliche Raum muss als Stütze gegen Rechts gestärkt werden“, hieß es vielmehr. Einige Reden bezogen sich allerdings auf kapitalistische „globale Eliten und Umweltverschmutzer“, die den Aufstieg der Rechten fördern würden, um den globalen Süden zu unterdrücken.
Auch anderswo in Berlin demonstrierten am Sonnabend Aktivisten, etwa vor dem Landwirtschaftsministerium oder dem Messegelände. Dort überreichten sie eine Protestnote an Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) und forderten ihn und seine internationalen Amtskollegen dazu auf, die Bauern vor die Interessen der Konzerne zu stellen.





