• Weihnachtsmärkte sind schön und beschaulich?
  • Auf keinen Fall!
  • Zehn Gründe, warum die Wintermärkte einfach nur nerven

Mehr als 70 Weihnachtsmärkte gibt es dieses Jahr in Berlin. Vom Rummel in Lichtenberg über den Wohltätigkeitsweihnachtsmarkt am Neuköllner Richardplatz bis zum bekannten City-Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz. Und für jeden ist etwas dabei. Darum lieben wir Weihnachtsmärkte, obwohl es eigentlich mehr Gründe gibt, sie zu hassen.  

Grund 1: Klebrige Hände

Glühwein ist ein zuckeriges Zeug. Im Schnitt enthält eine Tasse 5 bis 6 Stück Würfelzucker, es wurden Spitzenwerte bis zu 100 Gramm Zucker pro Liter gemessen. Das ist dann also eine Supermarktpackung Streuzucker pro 10-Liter-Kanister, die man manchmal auch hinter den Buden liegen sieht, die „Winzer-Glühwein“ anbieten. Aber das gönnen wir unser Linie. Weihnachten ist nur einmal im Jahr und zwar immer ab Ende August, wenn die Dominosteine ins Supermarktregal ziehen. Was am Glühwein wirklich nervt, sind die klebrigen Hände, die man bekommt, weil quasi immer beim Einschenken gekleckert wird.

Grund 2: Kalte Füße

Muss man mehr sagen? Klimakrise und den verfemten Propanheizstrahlern, die einem die Gesichtshaut grillen, zum Trotz: Die Füße kühlen schneller aus als die Glühwein-Kaltschale, an der man sich eben noch die Zunge verbrannt hat.  

Grund 3: Demütigung bei der Pfandrückgabe

Für einen Becher Glühwein legt man inzwischen bis zu 10 Euro auf den Tresen. Für die Älteren unter uns: Das sind 20 Mark. Nicht umsonst war auf dem grünen Geldschein die Dichterin Annette von Droste-Hülshoff abgebildet, Autorin der Ballade „Der Spiritus des Rosstäuschers“. Fünf Euro für die Promille und Fünf Euro Pfand für den hässlichen Humpen. Ein Kartenlesegerät hat der Weihnachtsmann hinterm Heißgetränketresen sowieso nicht. Und die Wartezeit auf eine Rückgabe-Audienz ist länger als bei der U6 nach einem Kabeldiebstahl. Mittlerweile trinke ich meinen Morgenkaffee zu Hause aus diversen Weihnachtsmarkttassen. So hässlich sind sie doch nicht.

Grund 4: Das große Geschäft mit dem kleinen Geschäft

10 Gründe gegen Weihnachtsmärkte
Auf dem Alexanderplatz kostet einmal klein 1 Euro. © Dirk Krampitz | Dirk Krampitz

Was für die Tassen und Gläser gilt, gilt für ihren Inhalt noch lange nicht: Rückgabe nicht unbedingt erwünscht. Wenn die Gäste überraschenderweise aufs Klo müssen, kostet das einen Euro und die Schlangen sind so lang, dass Toilettenpächter auf dem Weihnachtsmarkt der zweitlukrativste Job nach Glühweinstandbetreiber sein dürfte. Was sagt das Kartellamt dazu?

Grund 5: Achtung: Frauengruppen auf Rum-Bumser!

Es muss ja nicht so streng zugehen wie an der Tür vom Berghain. Aber manchmal wünscht man sich doch ein bisschen kuratierende Auswahl bei der Mischung im Weihnachts-Club unter freiem Himmel. Frauengruppen ab fünf Teilnehmerinnen in der Lebensmitte setzen sich eine Weihnachtbommelmütze auf und legen alle Hemmungen ab nachdem sie einen „Rum-Bumser“ (Eierlikör, Espresso, Rum und Sahne – lecker!) runtergestürzt haben. Bitte halten Sie Abstand! Männergruppen sind natürlich keinen Deut besser. Aber da gilt es ab drei Mitgliedern für alle Altersklassen und jeden Alkohol. Repräsentative Erfahrungen mit anderen Geschlechtern liegen derzeit noch nicht vor.  

Grund 6: Ich bin Eltern, lassen Sie mich durch!

Kinder sind unsere Zukunft, und wir lieben sie und ihren unschuldigen Blick ohne Einschränkungen. Aber warum in aller Welt schieben Eltern ihre Bugaboos, Angelcabs oder Lastenräder über den Weihnachtsmarkt und vertrauen darauf, dass sich ein Spalier von verständnisvollen Mitmenschen vor ihnen auftut und ihnen am besten auch noch dafür applaudiert, dass sie im Glühweingetümmel ihre künftigen Sozialabgaben- und Steuerzahler präsentieren und allen anderen in die Hacken fahren? Auch zu Hause lassen sollte man übrigens Hunde. Und zwar im Interesse der Tiere.  

Grund 7: Fahr zur Hölle, Chris Rea!

Seit 1988 beschallt Chris Rea jedes Jahr wieder die Weihnachtszeit mit seiner Autofahrt nach Hause.
Seit 1988 beschallt Chris Rea jedes Jahr wieder die Weihnachtszeit mit seiner Autofahrt nach Hause. © dpa | Herbert Neubauer

Mal ehrlich: Spätestens ab Mitte Dezember soll Chris Rea, inzwischen auch schon 72 Jahre alt, lieber zur Hölle fahren als „home for Christmas“, wie er es seit 1988 jedes Jahr aufs Neue im Radio ankündigt. Und auch wenn wir uns geschworen haben, dass es dieses Mal „Last Christmas“-Markt war – im nächsten Jahr stehen wir wieder auf dem Weihnachtsmarkt. Doch der ewig selbe Sound aus scheppernden Lautsprechern nervt mehr als die ähnlich blechernen Trompeten-Eleven, die sich zur Weihnachtszeit in den Fußgängerzonen ein stattliches Schüler-Jahresgehalt zusammentröten.

Grund 8: Weihnachtsspezialität: Chinapfanne

Der deutsche Weihnachtsmarktklassiker schlechthin: China-Pfanne. Aber auch Knoblauchbrot, Gegrilltes und Champignon-Pfanne gehören fest zur gehobenen System-Gastronomie des Weihnachtsmarkts. Eine Frage an die Ungarn unter den Lesern: Was essen Sie eigentlich in der Vorweihnachtszeit, da ja ganz offensichtlich alle Langosch-Vorräte auf deutschen Weihnachtsmärkten serviert werden?

Grund 9: Holzpyramide und Knacker aus dem Umland

Natürlich gehören hölzerne Nussknacker oder mundgeblasene Christbaumkugeln zu Weihnachten. Aber wer kauft eine von erzgebirgischen Holzvirtuosen per Hand geschnitzte Flügelpyramide für 789 Euro, während er in der anderen Hand Glühwein und Bratwurst balanciert? Pokémon-Mützen, elektrische Windspiele oder würzige Knacker aus Brandenburg. Alles im Angebot. Der Übergang von Polenmarkt zu Wochenmarkt zu Weihnachtsmarkt ist fließend.

Grund 10: Das Erwachen am Morgen danach

Auch wenn man außerhalb der Weihnachtszeit eigentlich nach dem Motto lebt: Essen warm, Getränke kalt, entwickeln gerade erwärmte Alkoholika ihren Reiz schnell mit steigender Promillezahl. Denn während Kaltes erst auf Körpertemperatur erhitzt werden muss, um vom Magen in den kälteempfindlichen Dünndarm und von dort in die Blutbahn zu gelangen, geht das bei warmen Getränken fixer. Dabei vergisst man gern: Feuerzangenbowle, Glühwein und neuerdings auch Glüh-Gin sind Teufelszeug. So gut wie sie abends auf einmal schmecken, so Kopfschmerz machen sie am nächsten Morgen. Und dann erst diese Gedächtnislücken: Was wollte ich nochmal mit dem aufblasbaren sexy Weihnachtsmann in Lebensgröße und wo habe ich nur mein Rentier-Geweih gelassen?