Dem Berliner Einzelhandel geht es in der Corona-Krise schlecht. Seit Kunden nur noch mit negativem Testergebnis ins Geschäft kommen können, ist die Lage noch dramatischer geworden. In der Morgenpost schildern Ladeninhaber ihre Probleme.

Corona in Berlin: „Wir verkaufen jetzt auch  für den alltäglichen Bedarf“

Helene Stolzenberg, Inhaberin von „Nordliebe“, Goltzstraße 18 in Schöneberg:

„Uns fehlt viel Umsatz. Wir sind mit unseren beiden skandinavischen Design-Läden ,Nordliebe‘ in Steglitz und Schöneberg ein kleines junges Unternehmen, das  schnell gewachsen ist und keine Rücklagen hat. Wir müssen aber zweimal Miete und Lagermiete, 60 Angestellte und ein Büro bezahlen. Über unseren Onlineshop versenden wir auch international, darüber versuchen wir die Fixkosten zu decken. Bisher haben wir auch noch keine Dezemberhilfen bekommen. Jede Woche verändert sich alles, die Kunden verstehen es nicht mehr, und wir teilweise auch nicht. Als die neue Testpflicht eingeführt wurde, haben wir uns Gedanken gemacht, wie wir das umsetzen sollen. Ich habe dann viel Geld ausgegeben, weil ich meinen Mitarbeitenden zweimal die Woche einen Test anbieten muss. In unserem Geschäft in der Schloßstraße muss der Kunde einen negativen Test vorzeigen. Im Laden in der Goltzstraße haben wir ein Pilotprojekt gestartet: Dort gibt es jetzt Lebensmittel aus Schweden und Schreibwaren, Bücher und Blumen, damit das Geschäft als Laden des täglichen Bedarfs gilt.“

Testpflicht in Berlin: "Unsere Kunden machen das nicht mehr mit"

Claudia Spreigl findet die Regeln undurchsichtig.
Claudia Spreigl findet die Regeln undurchsichtig. © M. Gambarini FFS | M. Gambarini FFS

Claudia Spreigl, Inhaberin vom „Charlotte“, Fellbacher Straße 29 in Reinickendorf:

„Für uns Einzelhändler wird es immer schwerer. Als wir die Kunden bei uns im Wohnartikel- und Schmuckgeschäft ,Concept Store Charlotte‘ in Reinickendorf mit Termin empfangen konnten, lief das sehr gut. Inzwischen gibt es so viele Bestimmungen, die ich nicht mehr nachvollziehen kann. Warum muss ich einen Test machen, wenn ich in ein kleines Geschäft gehen möchte, aber im Supermarkt gegenüber gilt diese Regel nicht? Wir merken, unsere Kunden machen das nicht mehr mit. Seit der neuen Testpflicht ist die Zahl der Käufer sehr zurückgegangen. Momentan kommen  am Tag maximal drei Kunden, manchmal auch keiner. Dass es nicht genug Teststellen gibt, und man spontan keinen Termin bekommt, ist nicht tragbar. Es ist auch zu wenig, einen kostenlosen Test nur einmal die Woche anzubieten. Wer sich öfter testen lassen will, muss zahlen. Man fühlt sich alleingelassen. Jeder kleine Händler, der Toilettenpapier im Sortiment hat oder Artikel aus dem Drogeriebereich, darf ohne Testpflicht öffnen. Aber wir nicht. Ich mache mir Sorgen, denn es gibt keine Perspektive.“

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Berliner Laden-Inhaberin: "Testpflicht ist das unwirtschaftlichste Format“

Jessica Eckert und Jennifer Nischk, Inhaberinnen des Modegeschäfts „Mooi“, kritisieren den hohen Aufwand für die Testpflicht.
Jessica Eckert und Jennifer Nischk, Inhaberinnen des Modegeschäfts „Mooi“, kritisieren den hohen Aufwand für die Testpflicht. © Reto Klar FUNKE Foto Services | Reto Klar FUNKE Foto Services

Jessica Eckert und Jennifer Nischk, Inhaberinnen von „Mooi“, Knesebeckstraße 32 in Charlottenburg:

„Die Einschränkungen beim Shoppen sind für uns organisatorisch absolut nervenaufreibend. Jede Woche neue Bestimmungen, die wir ohne Hilfestellung kurzfristig umsetzen müssen. Tagsüber stehen wir in unserem Bekleidungsgeschäft ,Mooi Fashion‘ in Charlottenburg und versuchen, die Kunden bei Laune zu halten und ihnen trotz der Umstände ein schönes Shoppingerlebnis zu ermöglichen. Nachts aktualisieren wir den Onlineshop, entwerfen Informationen über die neuesten Bestimmungen und machen Werbung auf Instagram und Facebook. Der von uns betriebene Aufwand steht kaum im Verhältnis zum wirtschaftlichen Erfolg. Die neue Testpflicht ist das bisher unwirtschaftlichste Format. Die Kunden stehen ewig bei den viel zu wenigen Teststellen an. Unser Geschäft ist im Vergleich zu ,Click and Meet‘ um 70 Prozent zurückgegangen. Zur Normalität sogar um 95 Prozent bei gleichbleibenden Kosten. Der Onlineshop hilft ein wenig, aber um wirklich erfolgreich damit zu sein, fehlt uns die Reichweite.“

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„Bei Click and Meet waren wir fast immer ausgebucht“

Viele haben das Angeln neu entdeckt, sagt Lennart David.
Viele haben das Angeln neu entdeckt, sagt Lennart David. © Krauthöfer/FFS | Krauthöfer/FFS

Lennart David, Verkäufer bei „Angel Joe“, Weißenseer Weg 37, Lichtenberg:

 „Auch bei ,Angel Joe‘ in Lichtenberg dürfen nur Kunden mit negativem Coronatest einkaufen. Wir verkaufen Angelbedarf und -zubehör, dazu gehören auch Köder. Die zählen aber nicht als Tierfutter, deswegen sind wir auch kein Laden des täglichen Bedarfs. Viele Kunden schreckt die Testpflicht ab. Die Woche vor Ostern gehört üblicherweise zu den umsatzstärksten im Jahr. Das war dieses Jahr nicht so. Dadurch, dass wir uns im Einkaufszentrum Hohenschönhauser Tor befinden, haben wir auch Laufkundschaft. Aber wer sich nur eine Angel anschauen möchte, weil er überlegt, an das Hobby seines Großvaters anzuknüpfen, geht dafür nicht extra ins Testzentrum. ,Click and Meet‘ hat für uns super funktioniert. Viele Angler planen den Einkauf für ihr Hobby, von zehn bis 19 Uhr haben wir jede Viertelstunde einen Termin vergeben und waren fast immer ausgebucht. Jetzt kommen vielleicht zehn Kunden am Tag. Man muss aber dazu sagen, in der Corona-Pandemie haben viele das Angeln neu für sich entdeckt. Dadurch geht es uns wahrscheinlich noch besser als anderen Einzelhändlern.“

„Für die Bölschestraße ist die Testpflicht eine Katastrophe“

Kaum noch Kunden: Renate Nowack, Inhaberin der „Bölsche Moden“, denkt darüber nach, ihr Geschäft ab mittags zu schließen.
Kaum noch Kunden: Renate Nowack, Inhaberin der „Bölsche Moden“, denkt darüber nach, ihr Geschäft ab mittags zu schließen.© Joerg Krauthoefer FFS | Joerg Krauthoefer FFS

Renate Nowack, Inhaberin von „Bölsche Moden“, Bölschestraße 61 in Köpenick:  

„Die neue Testpflicht macht die Bölschestraße in Friedrichshagen, die von Laufkundschaft lebt, für Kunden unattraktiv. Ich selbst denke darüber nach, mein Geschäft ,Bölsche Moden‘ früher zu schließen. Über ,Click and Meet‘ kamen vier bis fünf Kundinnen am Tag, manche haben etwas im Schaufenster gesehen, und ich habe dann spontan Termine vergeben. Das hat sehr gut geklappt. Die neue Maßnahme ist ein Projekt, das voll in die Hose geht. Seit die Regel eingeführt wurde, hatte ich zwei Kundinnen, die vorher einen kostenpflichtigen Coronatest gemacht haben, weil sie zum Friseur mussten. Da es hier leider zu wenige Teststellen gibt, die die Tests kostenlos anbieten, sehen sich die Kunden gezwungen, Geld dafür auszugeben. Wenn es nur darum geht, bei schönem Wetter zu bummeln und vielleicht bei mir im Laden eine Jacke anzuprobieren, ist der Aufwand aber zu groß. Auch sind viele meiner Kundinnen ältere Damen, die schon geimpft wurden. Zumindest für sie sollte die Testpflicht nicht gelten.“

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"Viele bekommen keinen Termin zum Testen"

  Ursula Schmitz in ihrem Modegeschäft „Jeans & Wind“ in Spandau bemängelt, dass Testtermine kaum spontan zu bekommen sind.
Ursula Schmitz in ihrem Modegeschäft „Jeans & Wind“ in Spandau bemängelt, dass Testtermine kaum spontan zu bekommen sind. © Sergej Glanze/FFS | Sergej Glanze/FFS

Ursula Schmitz,  Inhaberin von „Jeans & Wind“, Marktstraße 7 in Spandau: 

„Es ist sehr schwierig, aber ich mach das alles mit. Ich möchte ja auch, dass die Pandemie bald vorbei ist. Für mich in meinem Modegeschäft ,Jeans & Wind‘ am Markt in Spandau zählt jeder Kunde. In der Spandauer Altstadt haben nur noch wenige Läden geöffnet und wenn, dann nur verkürzt. Die Corona-Hilfen sind noch nicht gekommen, wir müssen jetzt einfach Umsatz machen. Manche Kunden kommen zu uns, nachdem sie einen Test gemacht haben, es gibt aber auch welche, die keinen Test haben. Wenn jemand zum Beispiel nur eine Jacke anprobieren möchte, machen wir das einfach draußen. Die Kunden machen den Schnelltest ja nicht ausschließlich meinetwegen, sondern weil sie auch noch woanders hinwollen, zum Beispiel zum Friseur, und anschließend schauen sie in meinem Laden vorbei. Allerdings bekommen viele keinen Termin zum Testen. Sie sind deswegen frustriert und nicht mehr so gut gelaunt wie sonst. Es wäre toll, wenn alles schneller gehen würde, mit weniger Wartezeit und schnelleren Terminvergaben, aber das scheint nicht möglich zu sein.“