Das Klima in Berlin ist im vergangenen Jahr rauer geworden. Vor allem die Gewaltkriminalität im öffentlichen Raum hat zugenommen, wie Innensenatorin Iris Spranger (SPD) und Polizeipräsidentin Barbara Slowik am Mittwoch bei der Vorstellung der Polizeilichen Kriminalitätsstatistik 2023 mitteilten. Knapp 536.700 Straftaten hat die Berliner Polizei im vergangenen Jahr dabei insgesamt registriert. Das waren 3,2 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Aufklärungsquote bei diesen Taten lag bei 45,5 Prozent und war damit etwas besser als noch 2022.

Rohheitsdelikte wie Körperverletzungen wurden in etwa 70.000 Fällen gezählt, was einem Anteil von 13 Prozent entspricht und einen bedeutenden Grund für den Anstieg der Zahlen insgesamt ausmacht. 48.254 erfasste Körperverletzungen stellten ein Plus von 3829 Fällen und von 8,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr dar. Diese Zahl liegt außerdem über dem Zehn-Jahres-Durchschnitt von 42.905 Fällen.

Krisen der Gesellschaft spiegeln sich im Gewaltpotenzial wider

„Gewalt spiegelt immer auch den Zustand einer Gesellschaft wider“, betonte Spranger. „Corona, Migration, der Krieg in der Ukraine und der Hamas-Terror gegen Israel sind Krisen der letzten Jahre, die sich ihr Ventil suchen.“ Der Kampf gegen Gewalt sei daher eine gesamtgesellschaftliche Querschnittsaufgabe, so die Innensenatorin weiter. Ob es tatsächlich mehr Gewalt gab oder die Bereitschaft steigt, solche Taten bei der Polizei anzuzeigen, blieb am Mittwoch aber unklar.

Neben der Erhöhung der Mobilität nach Corona und der zunehmenden wirtschaftlichen Belastung breiter Bevölkerungsschichten durch die Inflation machte Spranger auch das dynamische Migrationsgeschehen als Grund für die zunehmenden Delikte in diesem Bereich aus. Der Anteil der Nichtdeutschen an allen Tatverdächtigen erhöhte sich von 41,9 Prozent auf 43,2 Prozent.

Gleichzeitig stieg allerdings auch die Bevölkerungszahl der Nichtdeutschen um 17 Prozent. 40 Prozent der Gewaltvorfälle ereigneten sich zudem in den beengten Verhältnissen der Flüchtlingsunterkünfte. Von den nichtdeutschen Tatverdächtigen wiederum sind 60 Prozent sogenannte „fahrende Kriminelle“. Also Personen, die nicht in Deutschland wohnen und meist aus dem osteuropäischen Raum nach Berlin kommen, einzig um Straftaten zu begehen.

Berlin weiterhin Ziel interantional agierender Banden

Innensenatorin Iris Spranger und Polizeipräsidentin Barbara Slowik stellten am Mittwoch die Polizeiliche Kriminalitätsstatistik 2023 vor.
Innensenatorin Iris Spranger und Polizeipräsidentin Barbara Slowik stellten am Mittwoch die Polizeiliche Kriminalitätsstatistik 2023 vor.© dpa | Hannes P Albert

Diese Personengruppe - meist international agierende, professionelle Banden - fallen vor allem im Bereich der Eigentumskriminalität zu Buche. Diebstähle von Kraftwagen haben 2023 dementsprechend mit 7781 Fällen den Höchstwert der letzten zehn Jahre erreicht. Das bedeutet eine Steigerung um rund 2200 Fälle und eine Zunahme um 39,4 Prozent. Nach den eher geringen Fallzahlen in 2022 ist zudem ein deutlicher Anstieg der Kellereinbrüche zu verzeichnen. 16.813 Kellereinbrüche bedeuten ein Mehr von 5558 Fällen (+49,4 Prozent). Davon betrafen 2750 der Kellereinbrüche den Diebstahl von Fahrrädern (+34,9 Prozent).

Auch die Wohnungseinbrüche sind um 2168 Fälle auf 8323 Fälle gestiegen. „Berlin bleibt aufgrund seiner Lage nahe der polnischen Grenze, seiner Infrastruktur und Besiedlung in starkem Ausmaß der Aktionsraum professioneller, auch grenzüberschreitend agierender Tätergruppierungen“, sagte Polizeipräsidentin Slowik dazu. Die meisten der 2023 registrierten Taten waren Diebstähle - rund 213. 000, was einem Anteil von knapp 40 Prozent entspricht.

Immer mehr Kinder und Jugendliche unter den Tatverdächtigen

Die Polizei ermittelte 2023 insgesamt 140.620 Verdächtige, davon wohnten rund 70 Prozent in Berlin. Besonders Sorgen macht dabei der Anteil der Kinder (unter 14 Jahre), Jugendlichen (14 bis unter 18 Jahren) und Heranwachsenden (18 bis unter 21 Jahre). 5200 Tatverdächtige waren Kinder (193 mehr), 11.043 waren Jugendliche (365 mehr) und 9604 (490 mehr) waren Heranwachsende.

Statistisch gesehen ist es für einen Heranwachsenden in Berlin damit dreimal so wahrscheinlich straffällig zu werden wie für einen Erwachsenen, jeder Dritte Beteiligter an einer Messerattacke war zudem unter 21 Jahre alt. In insgesamt 3482 Fällen wurde 2023 ein Messer als Tatwaffe benutzt (165 mehr als im Vorjahr). Die zunehmende Verrohung dieser Altersgruppe sieht Spranger in Zusammenhang mit einem Anstieg der Armut in vielen Familien und mit einer allgemeinen Loslösung von sozialen Normen. Mit dem Sicherheitsgipfel und dem Gipfel gegen Jugendgewalt habe der Berliner Senat das Thema im vergangenen Jahr aber in einen besonderen Fokus genommen, so die Innensenatorin.

Insgesamt betonten sowohl Spranger als auch Slowik bei allen berechtigten Sorgen, dass der Anstieg der Kriminalität in Berlin unter dem Bundesdurchschnitt liege und die Stadt im internationalen Vergleich eine sichere Metropole bleibe. Bei einer höheren Bevölkerungszahl als noch vor 20 Jahren sei die Kriminalitätszahl insgesamt gesunken. „Es ist heute unwahrscheinlicher in Berlin Opfer eines Verbrechens zu werden als noch früher“, sagte Spranger.