Berlin. Es heißt, Menschen können sich an alles gewöhnen. Aber gilt das auch für die gewaltsame Zerstörung eines Krieges? Es dürfte in jedem Fall leichter fallen, sich an die grauenvollen Bilder zu gewöhnen, die der Krieg in der Ukraine in Dauerschleife produziert, wenn man nicht unmittelbar betroffen ist. Fotos aus Butscha oder anderen ukrainischen Städten, in denen die russischen Soldaten ein Massaker angerichtet haben, gingen um die Welt. Und schockierten sie. Was ist davon geblieben? "Es gibt einem großen Unterschied im Vergleich zum Anfang des Krieges“, sagt Jonathan Alexander. Was er meint: die inzwischen deutlich abgenommene Solidarität für die Menschen in der Ukraine.
Alexander muss es wissen. Der US-Amerikaner, der seit einigen Jahren in Berlin lebt, ist Teil von „Berlin to Borders“, eine Gruppe, die in kompletter Selbstverwaltung Hilfe für die vom Krieg betroffenen Menschen in der Ukraine organisiert. Klamotten, Geld, Lebensmittel, Decken, Kissen und so viel mehr. „Wir sammeln alles, was wir kriegen können“, sagt Alexander, den hier alle nur „Johnny“ nennen. Johnny steht in einem kleinen Laden in der Nähe des Holzmarkts. „Vintage“, heißt es auf einem der selbstgebastelten Schilder geschrieben.
Und tatsächlich könnte man den Eindruck bekommen, dass man hier einen der für Berlin typischen — und oftmals auch überteuerten — Second-Hand-Shops mit Vintage-Flair betritt, wenn man den Laden das erste Mal sieht: Zahlreiche Kleiderstangen tragen viele unterschiedliche Klamotten, auf einem steht „Summer Clothes“, Sommer-Kleidung“,sowohl auf Englisch als auch in Ukrainisch. Dabei ist es bereits Oktober. Es wird kalt in Berlin.
Ukraine-Krieg: Die Geburtstunde von „Berlin to Borders“
Als Russland am 24. Februar 2022 die Ukraine überfiel, ging eine Welle der Solidarität durch Europa. Auch in Deutschland war das so. Viele Menschen eilten mit ihren Autos zur polnisch-ukrainischen Grenze, brachten lebenswichtige Güter, und nahmen die wartenden Menschen nach Hause. Es war die Geburtstunde von „Berlin to Borders“. Die Geschichte der Organisation zeigt auf eindrucksvolle Weise, wie unentbehrlich Engagement und Freiwilligenarbeit, besonders in Krisen- und Kriegszeiten, sind. Nämlich dann, wenn der Staat ausfällt und eine Lücke reißt, die seitdem von unzähligen Freiwilligen gefüllt werden. "Die Organisation war eine unmittelbare Antwort auf den Krieg in der Ukraine“, sagt Johnny. Am Anfang sei es lediglich darum gegangen, Hilfsgüter an die Grenze zu bringen - im Tausch gegen Flüchtlinge, die vor der Gewalt und Zerstörung des Krieges fliehend an der Grenze ausharrten und nichtsahnend ihrer eigenen Zukunft entgegenblickten. Hinter ihnen: (vorerst) nichts mehr. Vor ihnen: noch nichts.

Nach dieser Anfangszeit entstanden Kontakte zu anderen Freiwilligen und Organisationen wie etwa „Gemeinsam für die Ukraine“. Mit jeder Fahrt an die Grenze wurde die Organisation ein wenig stärker und größer, erzählt Johnny. Heute arbeiten etwa 20 Menschen ehrenamtlich für „Berlin to Borders“. Neben Johnny sind das vor allem Billie, Maggie, Fabio, Nica und Riley. Aber auch Clubs wie der Sage Beach, die bekannte Partyreihe „House of Lunacy“ oder auch der Holzmarkt packen mit an. Statt auf die Unterbringung von Geflüchteten habe man sich auf die Organisation und Logistik von Spenden konzentriert; sowohl für Geflüchtete in Berlin als auch für die unmittelbar vom Krieg betroffenen Menschen vor Ort.
Über die Monate sind auf diese Weise viele Kontakte in zahlreiche ukrainische Städte entstanden; eine Art System etablierte sich: Freiwillige Helfer vor Ort sammeln Anfragen über benötigte Gegenstände, auf seiner Internetseite führt „Berlin to Borders“ eine aktuelle Liste mit Dingen, die derzeit vor Ort am häufigsten benötigt werden (Hier können Sie die aktuelle Liste sehen). Etwa alle zwei Wochen, manchmal ist es auch nur ein Mal im Monat, fährt dann ein 22 Tonnen schwerer Lkw am Rande des Geländes des Holzmarktes vor, der die Spenden abholt und in die Ukraine bringt. Dort werden sie dann dorthin gebracht, wo sie am meisten gebraucht werden.

Krieg in der Ukraine: Hilfe vor Ort kann gefährlich sein
Klar, die Arbeit könne gefährlich sein, sagt Johnny. „Aber vor Ort zu helfen, ist nicht weniger gefährlich, als dort zu leben“, sagt er. Er erzählt, wie Freiwillige in der Ukraine von russischen Soldaten attackiert wurden und wie einer der Helfer dabei ums Leben kam. Wenn Johnny darüber und über die Arbeit von "Berlin to Borders" spricht, ist nicht direkt zu erkennen, wie ihm das Schicksal der Menschen in der Ukraine nah geht. Er spricht eher wie der Manager eines kleinen Unternehmens; pragmatisch, an der Sache orientiert. Welche Sachen werden in der Ukraine benötigt? Welche Hilfen fehlen noch? Wovon wird mehr benötigt? Gibt es für den Winter genügend warme Kleidung, haben wir ausreichend Windeln für Babys? Gibt es genügend warme Schuhe?
Ukraine-Krieg – Hintergründe und Erklärungen zum Konflikt
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Zwischen den vielen braunen Pappkartons zeigt ein weißes Flipchart das Datum des letzten Transports. Dazu stehen Gegenstände und Hilfsgüter, die bis dahin noch besorgt werden müssen: Schlafsäcke, Windeln, Powerbanks, Gaskocher, Generatoren. Die Liste könnte auch als Vorbereitung für einen Campingtrip dienen. Aber darum geht es hier nicht: "Berlin to Borders" bereitet sich auf einen harten und kalten Kriegswinter vor. „Es ist unser erster Winter“, sagt Johnny. Wird die Zahl der Freiwilligen dann weiter abnehmen? Wird die Zahl der Spenden sinken? Und wie soll das Gebäude, in dem der Shop und die Sammelstelle für die Hilfsgüter untergebracht ist, im Winter beheizt werden? Eine Heizung gibt es hier nicht. Wie die Menschen in der Ukraine schaut auch „Berlin to Borders“ in eine ungewisse Zukunft. Hilfe vom Staat oder den Behörden kann man nicht erwarten.

Dem gesunkenen Engagement versucht die Gruppe mit Fundraising-Events entgegenzuwirken. Dass sie ihre Arbeit nicht einstellen haben müssen, hat die Gruppe den Machern des Holzmarkts zu verdanken, die ihnen dabei halfen, ein Gebäude für ihren Laden zu finden. Trotz der Ungewissheit hat „Berlin to Borders“ Pläne für die Zeit nach dem Winter. „Wir wollen mehr Communityhilfe machen“, sagt Johnny. Er träumt von einer Art kreativem Community-Zentrum, einem Ort für Austausch und Aufeinandertreffen. „Wir wollen den Menschen bei der Integration helfen“, oder auch bei der „Heilung“, wie Johnny sagt. „Dass sie in der Stadt, die sie nicht kennen und in der sie eigentlich gar nicht vorhaben zu leben, ankommen können. Und dass sie Dinge angeboten bekommen, die nichts mit Krieg und Gewalt zu haben“. Mit der zerstörerischen Gewalt des Krieges wird auch der „Noir Night Market“ sein, den die Organisation mit anderen Eventgruppen wie der „House of Lunacy“-Reihe am 4. November im Holzmarkt veranstaltet, nichts zu tun haben - zumindest nicht auf den ersten Blick. Es ist ein Charity-Event, das nicht nach Charity-Event aussieht. „Wir haben diese Entscheidung bewusst getroffen, um die Party auch attraktiver zu machen. Sie soll sich auf Spaß konzentrieren und nicht auf die Brutalität des Krieges.“ Der Besucher soll interaktiv die Geschichte einer Stadt in der Nacht mitschreiben können, „fast schon wie ein Live-Videospiel, wo du von den Künstlern herumgeführt wirst“, sagt Johnny. Dazu hat Johnny, der eigentlich Veranstalter und Theater-Produzent ist, zahlreiche Künstler, Bands, Artisten, Performers und DJs eingeladen, die das Säälchen im Holzmarkt an diesem 4. November (Einlass ist 20 Uhr) in einen ganz besonderen Marktplatz verwandeln sollen. Alle Einnahmen gehen zu 100 Prozent an „Berlin to Borders“, betont Johnny.

Mehr Waffen für die Ukraine?
Mitten im Gespräch klopft plötzlich Heike an der Tür. Sie habe zu Hause Sachen aussortiert und zufällig auf der Internetseite der Organisation gelesen, dass derzeit „Campingkram" dringend benötigt wird. „Eigentlich ist das eine Katastrophe“, sagt sie und meint, ohne ihn direkt zu benennen: den Krieg in der Ukraine. Aber sie wolle dabei helfen, dass es schnell zu Ende gehe. „Es muss gestoppt werden“, sagt Heike. Sie gibt auch zu, dass sie nicht weiß, wie das gelingen könne. Sie spricht der Ukraine ihren vollen Support zu, mit Waffenlieferungen hadere sie jedoch. „Ich habe aber auch keine Idee, was sonst passieren sollte.“ Johnny sieht das ein wenig anders. „Sie müssen sich selbst verteidigen“, sagt er und betont, hier ausdrücklich nicht für "Berlin to Borders" zu sprechen, sondern seine private Meinung zu äußern. „Wenn sie sich nicht selbst verteidigen können, sind sie kein Land mehr.“
- "Noir Night Market"
4. November 2022, 20 Uhr im
Säälchen, Holzmarkt Berlin
Alle Einnahmen gehen an "Berlin to borders"
Tickets für das Event gibt es hier.


