Kriminalität

Intensivtäter vom Alexanderplatz machen Berlin unsicher

In einem internen Polizeidokument schlagen Ermittler Alarm. Eine Gruppe von Afghanen, Syrern und Deutschen rauben Touristen aus.

Rund um die Warschauer Brücke ist eine kriminelle Bande tätig. Die Polizei ermittelt (Archivbild).

Rund um die Warschauer Brücke ist eine kriminelle Bande tätig. Die Polizei ermittelt (Archivbild).

Foto: Thomas Peise

Berlin. Eine Bande von Syrern, Afghanen, Ägyptern, Tunesiern und Deutschen raubt an der Warschauer Brücke in Friedrichshain-Kreuzberg gezielt Touristen aus, verkauft Drogen und bedroht einen Gastwirt. Unter den Tatverdächtigen sind auch drei Intensivtäter. Das geht aus internen Polizeiunterlagen hervor, die der Berliner Morgenpost vorliegen. Interessant für die Ermittler ist, dass die jungen Männer und Frauen vorher am Alexanderplatz in Mitte aktiv waren. Weil dort die Polizeipräsenz jedoch massiv erhöht worden ist, sei die Bande auf die Warschauer Brücke ausgewichen, heißt es weiter. Ihr „Revier“ reiche mittlerweile bis zur Frankfurter Allee.

Nach Informationen der Berliner Morgenpost sind von 20 Personen die Personalien bekannt. Die Ermittler vermuten, dass die Bande für Hunderte Taten verantwortlich ist. Die jüngste Tatverdächtige ist 17 Jahre alt und kommt aus Berlin, der älteste Tatverdächtige ist 26 und stammt aus Ägypten. Das Hauptgebiet der Bande ist der südliche Teil der Warschauer Brücke bis zur Oberbaumbrücke. In diesem Bereich handeln die jungen Männer mit Drogen und rauben hauptsächlich Touristen aus. Spezialisiert hat sich die Gruppe auf das Wegreißen von Handtaschen oder Mobiltelefonen.

Intensivtäter vom Alexanderplatz: So geht die Bande vor

Besonders ist auch die Vorgehensweise und Arbeitsteilung innerhalb der Gruppe. So konnten Ermittler beobachten, dass Drogen ausschließlich von den Männern verkauft werden. Die Frauen, die zum Teil auch in sexueller Abhängigkeit zu den Tatverdächtigen stehen, werden als Drogenlager eingesetzt. Sie verstecken zum Verkauf portionierte Drogen in der Unterwäsche. Bei früheren Kontrollen konnten deshalb die Rauschmittel nicht immer gefunden werden.

Die Übergabe der Drogen erfolgt nach Informationen der Polizei in einem Hinterhaus an der Warschauer Straße. In dem Gebäude befindet sich auch ein Lokal. Im Gespräch mit der Polizei soll der Gastwirt gesagt haben, dass er von der Gruppe bedroht werde und sie so immer wieder Zugang zu dem eigentlich gesicherten Hinterhof bekommen würde.

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Lange konnten keine Zusammenhänge zwischen Taten hergestellt werden

Insider sagen, dass die Ermittlungen sich schwierig gestalteten, da zunächst keine Zusammenhänge zwischen den einzelnen Tatverdächtigen und auch zu früheren Tatorten wie dem Alexanderplatz hergestellt werden konnten. Mit dem Einsatz der neuen Brennpunkt-Streife habe sich das geändert. Delikte, die früher nur auf einem Abschnitt aufgefallen sind, werden nun abschnittsübergreifend bearbeitet. Nur so habe man erkannt, dass es sich um eine Bandenstruktur handelt, heißt es aus Ermittlerkreisen gegenüber der Berliner Morgenpost.

Der Innenexperte Marcel Luthe (fraktionslos, FDP) sagte der Berliner Morgenpost: „Wir sprechen hier letztlich von Gangs, die offen in unserer Stadt agieren können, tagtäglich immer dreister und brutaler werden. Und diese Gruppe ist kein Einzelfall.“ Sicherheit erodiere, weil die Polizei von ihren Kernaufgaben abgehalten werde. Es sei höchste Zeit, das zu korrigieren. „Diese Gruppen werden wir nur auflösen, wenn präventiv die Jugendämter und der Justizvollzug ihre Arbeit machen können, frühzeitig Taten sanktioniert und Jugendliche aus dem kriminellen Umfeld geholt werden“, so Luthe weiter.

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GdP: Es bedarf auch ernsthafter Präventionsmaßnahmen

Der Sprecher Gewerkschaft der Polizei (GdP), Benjamin Jendro, sagte: „An der Warschauer Brücke sehen wir gerade sehr deutlich, dass die Polizei allein nicht ausreicht, um Kriminalität wirklich einzudämmen.“ Die erhöhte Präsenz am Alexanderplatz habe in erster Linie zu einer Verdrängung geführt. „Um die Situation wirklich nachhaltig zu verändern, bedarf es neben fokussierter Polizeiarbeit auch eine entsprechende juristische Bewertung, ernsthafte Präventionsmaßnahmen und ein stadtweites Konzept zur Bekämpfung von Drogenkriminalität“, so Jendro weiter.

Obwohl schon eine Verdrängung Krimineller stattgefunden hat, gilt der Alexanderplatz immer noch als einer der gefährlichsten Orte der Stadt. Im vergangenen Jahr registrierte die Polizei dort knapp 800 Körperverletzungen und Raubstraftaten sowie knapp 3700 Diebstähle. Deshalb wird das Gebiet von der Polizei auch als einer von sieben kriminalitätsbelasteten Orten (KBO) in Berlin geführt. Allerdings gehört der Alexanderplatz auch zu den größten öffentlichen Plätzen Europas – mit täglich Hunderttausenden Besuchern. Seit drei Jahren hat der Alexanderplatz seine eigene Polizeiwache und seit 2018 auch einen eigenen Staatsanwalt.

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Haschisch, Heroin, Ecstasy und die gefährliche Pflanzenmischung Bonzai

Große Sorgen bereitete den Behörden eine Gruppe von Flüchtlingen, die sich regelmäßig um den Neptunbrunnen versammelt. Gehandelt und konsumiert wird neben Haschisch, Heroin, Ecstasy und Crystal auch die gefährliche Pflanzenmischung Bonzai. Unter den Drogenkonsumenten sind viele Ausreißerkinder aus Heimen. Und genau diese Gemengelage habe sich nun an die Warschauer Brücke verlagert, beobachten Ermittler. Zum einen sei die Warschauer Brücke genauso ein Verkehrsknotenpunkt mit ebenso vielen Touristen und zum anderen liegen mit dem RAW-Gelände und vielen Szenekneipen auch Drogen-Absatzmärkte um die Ecke.